Kursrutsch Krieg und Börse – was Anleger jetzt tun sollten

Seit Wochen sind die Börsen in Unruhe, der Angriff Russlands auf die Ukraine löste zuletzt einen Kurssturz aus. Anleger können in solchen Zeiten ihre Verluste minimieren, wenn sie einige Regeln beachten.
Besorgter Blick: Der Angriff Russlands auf die Ukraine ließ die Börsen einknicken

Besorgter Blick: Der Angriff Russlands auf die Ukraine ließ die Börsen einknicken

Foto: Lucas Jackson / REUTERS

Am Donnerstag geschah, was an den Weltbörsen seit Langem befürchtet wurde: Russlands Präsident Wladimir Putin setzte seine Truppen zum Angriff auf die Ukraine in Bewegung. Die Sorge vor einer solchen Entwicklung hatte bereits seit Wochen zu Turbulenzen an den Finanzmärkten geführt. Und auch am Donnerstag reagierten Investoren verschreckt: Aktienkurse brachen ein, der Ölpreis schoss in die Höhe, ebenso der Preis für Gold, das als sicherer Hafen in Krisenzeiten gilt.

Immer wieder versetzen außergewöhnliche Ereignisse wie die russische Aggression gegen die Ukraine Investoren in Aufruhr. Anleger laufen dann Gefahr, hektisch oder gar panisch zu werden – und Entscheidungen zu treffen, die womöglich nicht klug sind. Experten kennen dieses Verhalten. Und sie wissen, wie es besser geht. Hier sind drei Tipps, mit denen Geldanleger gut durch kritische Zeiten kommen:

Ruhe bewahren - und nicht versuchen, den Markt zu timen

Angst und Gier sind die beiden Impulse, die Anleger in Zeiten starker Börsenturbulenzen oft verspüren. Einerseits wollen sie Aktien oder andere Papiere rasch verkaufen, um Verluste zu begrenzen - aus Angst, noch mehr Geld zu verlieren. Andererseits lockt der Gedanke, die stark gefallenen Kurse zu nutzen, um vermeintliche Schnäppchen zu erwerben und binnen kurzer Zeit hohe Gewinne einzustreichen.

Beide Ideen erweisen sich mit Abstand betrachtet in der Regel als schlecht. Denn die Erfahrung zeigt: Wer versucht, den richtigen Zeitpunkt für den Kauf oder Verkauf von Wertpapieren zu finden, scheitert meist.

Aktienverkäufe etwa erfolgen bei diesem Streben oft zu spät – und Käufe zu früh. Unter dem Strich realisieren Anleger auf diese Weise Kursverluste, die sie bei ruhiger Strategie hätten vermeiden können. Zudem erhöhen häufige Käufe und Verkäufe die Gebührenrechnung.

"Market Timing ist nicht möglich", bestätigt Alexander Berger, politischer Analyst des Asset-Managers Daubenthaler & Cie. Er rät daher, auch in Krisenzeiten die Ruhe zu bewahren und das Portfolio keinesfalls hektisch umzuschichten. Der langfristige Erfolg des Aktieninvestments gerät dadurch nicht in Gefahr, so Berger. Im Gegenteil: Eine Analyse zeige, dass vor allem wenige starke Tage einen großen Einfluss auf die die langfristige Aktienperformance seien. Wer diese Tage verpasse, weil er ständig zwischen Käufen und Verkäufen hin und her springt, verschlechtere seine Rendite enorm.

Als Beleg nennt Berger die Entwicklung des Weltaktienindex MSCI World, der die Wertentwicklung der wichtigsten Aktien aus 23 Industriestaaten abbildet. Der Index habe in den vergangenen 20 Jahren durchschnittlich eine jährliche Rendite von 8,65 Prozent erzielt, so der Fachmann. Aber: "Wer in diesem Zeitraum die zehn besten Handelstage verpasst hat, hätte im Durchschnitt nur eine Rendite von 5,25 Prozent jährlich erzielt." Beim Verpassen der besten 30 Tage hätten Anleger laut Berger sogar nur eine durchschnittliche Jahresrendite von rund einem Prozent erreicht.

Daher sei es entscheidend, lückenlos investiert zu sein. "Wer die wichtigsten Tage am Markt verpasst, versaut seine gesamte Jahresrendite", sagt der Analyst. Durch einen Verkauf zum gegenwärtigen Zeitpunkt etwa könnten Anleger einen neuen Aufschwung an der Börse verpassen. Zudem rät Berger zur Risikostreuung: "Wer dabei sein Portfolio breit streut, wird zwar nicht Millionär, aber baut auch in Zukunft ein gutes Vermögen auf."

Die Strategie überdenken

Kurzfristig gilt es also, die Finger vom Aktiendepot zu lassen. Langfristig jedoch ist die Maxime eine andere. Da sollten sich Investoren durchaus überlegen, ob es Veränderungen in der Welt gibt, denen sie ihr Portfolio anpassen müssen. Auch am aktuellen Konflikt zwischen Russland und dem Westen lässt sich das zeigen.

"Anleger sollten die Situation nutzen, um zu überlegen, was da eigentlich gerade passiert und kurz- und langfristig für Folgen hat", sagt Finanzexperte Berger. So würden Rohstoffe wie Gas künftig vermutlich noch teurer werden. Zudem gelte es, Energieversorger in anderen Regionen ausfindig zu machen. "Langfristig sollten sich Anleger überlegen, wo die Profiteure sitzen werden und ihr Portfolio mehr dorthin schichten", sagt Berger. So seien Investitionen auf dem US-amerikanischen und chinesischem Markt in Zukunft womöglich attraktiver.

Hinzu kommt: Nicht nur bei Gas und Öl kann es durch den Konflikt zu Engpässen kommen. Das gilt auch für andere Rohstoffe. So stehen die Ukraine und Russland derzeit für 30 Prozent der weltweiten Weizenexporte. Auch Lebensmittel wie Sonnenblumenöl werden vielfach aus dem Osten importiert. Folker Hellmeyer etwa, Finanzfachmann und ehemaliger Chefanalyst der Bremer Landesbank, glaubt, dass sich allein die Weizenpreise angesichts des Konflikts künftig verdoppeln können.

"Es werden enorme Risiken auf uns zukommen", so Hellmeyer. "Die Grundversorgung könnte nicht mehr gewährleistet sein, worunter vor allem wirtschaftlich schwächere Länder leiden werden."

Anleger können daraus grundlegende Rückschlüsse ziehen. Laut Hellmeyer sollten sie auf Aktien setzen, die auch in historischen Krisensituationen gut performt haben und existenziell wichtig sind. Darunter seien Unternehmen der Ernährungsindustrie wie der Lebensmittelriese Nestlé. Auch in der Chemiebranche und der Gesundheitsversorgung sieht Hellmeyer Anlagemöglichkeiten. "Die Allokation in unverzichtbare Unternehmen ist derzeit sinnvoll", sagt Hellmeyer. "Wenn solche Unternehmen scheitern, dann gibt es auch die Welt nicht mehr. Sie sind sichererer als jede Währung und für mich das beste Sicherungsinstrument."

Die Vermögensanlage optimieren - zum Beispiel per Sparplan

Prinzipiell raten Finanzexperten zu einem gleichmäßigen Vermögensaufbau, der sich beispielsweise über Sparpläne gut automatisieren lässt. Dabei muss es gar nicht zu komplex werden: Wenige breit streuende Fonds – etwa auf den weltweiten Aktienmarkt oder auf die großen deutschen Konzerne, die in Dax oder MDax notiert sind – reichen oft aus. Wer zudem zu Indexfonds oder Exchange Traded Funds (ETFs) greift, kann auch die Kosten gering halten. Der Effekt bei Letzterem ist nicht zu unterschätzen: Studien zeigen, dass die Anlagekosten einen großen Einfluss auf das Ergebnis haben.

In Krisenzeiten kommt zudem der so genannte Cost-Average-Effekt zum Tragen: Wer regelmäßig über einen Sparplan monatlich eine feste Summe in ETFs oder Aktien investiert, bekommt in Krisenzeiten wie diesen mehr Anteile für sein Geld - denn die Kurse sind deutlich gefallen. In Aufschwungzeiten kauft der Anleger entsprechend teurer ein. Auf diese Weise erzielt der Anleger auf lange Sicht Durchschnittskurse und muss seine Lebenszeit nicht mit der Frage verschwenden, wann denn der ideale Zeitpunkt zum Anteilskauf sei.