Öl, Kupfer, Platin und Co. Wie lang dauert der Rohstoff-Boom?

Seit dem Corona-Einbruch vor zwölf Monaten steigen die Rohstoffpreise rasant. Manche Beobachter erwarten einen neuen Superzyklus. Doch es gibt auch Skepsis.
Kupferverarbeitung bei Aurubis in Hamburg: Steigende Metallpreise verbessern die Aussichten des MDax-Unternehmens

Kupferverarbeitung bei Aurubis in Hamburg: Steigende Metallpreise verbessern die Aussichten des MDax-Unternehmens

Foto: Marcus Brandt/dpa

Öl ist so teuer wie seit Anfang 2020 nicht mehr, der Kupferpreis hat ein Neun-Jahres-Hoch erreicht, und Platin kostet immerhin so viel wie seit mehr als sechs Jahren nicht. Zu Beginn der Corona-Krise waren viele Rohstoffpreise in den Keller gerauscht, doch seit März vergangenen Jahres kennen sie augenscheinlich nur noch eine Richtung: aufwärts. So hat der Rohstoffindex S&P GSCI binnen eines Jahres um beinahe 20 Prozent zugelegt. Beim Index für Industriemetalle S&P GSCI Industrial Metals beträgt das Plus im gleichen Zeitraum sogar beinahe 35 Prozent.

Als Grund für den Aufschwung an den Rohstoffmärkten gilt neben Inflationssorgen und dem schwächeren Dollar, der die Preise weltweit günstiger erscheinen lässt, vor allem die Aussicht auf eine wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie. Die Ölpreise etwa profitieren bereits jetzt von einer steigenden Nachfrage in China und anderen Teilen Asiens. Auch der Ölbedarf in den USA zieht - unterstützt durch Milliarden-Konjunkturhilfen aus Washington - wieder an. Auf der anderen Seite sorgt das disziplinierte Förderverhalten der Opec+-Gruppe für eine angespannte Liefersituation, wie auch die Commerzbank bemerkt.

Ölpreis: Starkes Comeback nach Corona-Einbruch

Auch bei Metallen wie Kupfer oder Platin, die stärker als etwa Gold in der Industrie verarbeitet werden, spielt die Aussicht auf ein wirtschaftliches Comeback eine wichtige Rolle. Platin beispielsweise wird unter anderem beim Bau von Auto-Katalysatoren verwendet. Wegen des Trends zu umweltfreundlicheren Technologien werde die Nachfrage das Angebot auf absehbare Zeit übersteigen, prognostiziert Neil Wilson, Chefanalyst des Onlinebrokers Markets.com.

Insbesondere Kupfer gilt zudem aufgrund seiner umfangreichen Verwendung in der Industrie als Konjunkturbarometer. Seit Längerem bereits gibt es bei dem Metall einen Angebotsengpass, unter anderem, weil viele Kupferminen ihre Förderung wegen der Corona-Krise eingeschränkt haben. Zugleich bleibt die Nachfrage gerade aus dem rohstoffhungrigen China groß.

Rohstoffaktien sind gefragt

Der Aufschwung der Rohstoffpreise kommt auch den Unternehmen zugute, die in der Branche aktiv sind - und deren Aktionären. Der im MDax  notierte Metallverarbeiter Aurubis  etwa, einer der weltgrößten Kupfer-Recycler, konnte seine Geschäftsprognose für 2021 vor einigen Tagen nach oben setzen und verwies zur Begründung unter anderem auf die gestiegenen Metallpreise. In der Bilanz des Schweizer Bergbaukonzerns und Rohstoffhändlers Glencore , die in dieser Woche veröffentlicht wurde, hinterließ die Corona-Krise zwar sichtbare Spuren. Zuletzt lief das Geschäft aber besser, sodass der scheidende Glencore-Chef Ivan Glasenberg (64) seine Anteilseigner wieder mit einer Dividende erfreuen kann. Vor einem Jahr waren die Aktionäre wegen der Corona-Pandemie noch leer ausgegangen.

Auch der Bergbauriese BHP Billiton erfreute seine Investoren am Dienstag dieser Woche: Angesichts des größten Halbjahresgewinns seit sieben Jahren und einer Rekord-Zwischendividende stiegen die BHP-Aktien in London auf den höchsten Stand seit neuneinhalb Jahren. Damit passen sie ins Bild anderer Rohstoffförderer: Seien es die Ölkonzerne Shell oder Total, seien es Bergbaubetreiber wie Anglo American, Antofagasta oder Rio Tinto - sie alle sind an der Börse in diesen Tagen gefragt.

Die Frage ist: Wie nachhaltig sind diese Preisanstiege? Handelt es sich lediglich um das gewöhnliche Comeback nach einem heftigen Markteinbruch, wie ihn die Corona-Krise im Frühjahr 2020 an den Rohstoffmärkten verursacht hat? Oder steckt mehr dahinter?

Verschiedene Investmenthäuser an der Wall Street lenken in diesen Tagen die Aufmerksamkeit ihrer Kunden auf den Rohstoffmarkt, weil sie dort einen lang anhaltenden Aufschwung vermuten. So sehen Analysten und Investoren in den gegenwärtigen Preisanstiegen den Auftakt zu einem längeren "Bullenmarkt", berichtet die "Financial Times ". Einige gehen demnach sogar von einem neuen "Superzyklus" an den Rohstoffmärkten aus, einem Zeitraum von mehreren Jahren also, währenddessen es mit den Preisen weiter aufwärts ginge.

Goldman Sachs erwartet neuen "Superzyklus"

Prominentester Vertreter dieser These ist die US-Großbank Goldman Sachs. "Mit Blick auf die 2020er-Jahre glauben wir, dass ähnliche strukturelle Kräfte wirken könnten, die die Rohstoffe bereits in den 2000ern angetrieben haben", schrieb Goldman bereits Ende vergangenen Jahres in einem Marktausblick .

Hintergrund: Zu Beginn des Jahrtausends erfuhren nahezu sämtliche Rohstoffpreise enormen Auftrieb, verursacht vor allem durch die Industrialisierung und Urbanisierung in Schwellenländern wie China. Experten bezeichnen diese Phase als den bislang letzten "Superzyklus" an den Rohstoffmärkten. Der Kupferpreis beispielsweise stieg seinerzeit von weniger als 2000 Dollar je Tonne im Jahr 2000 auf den Rekordwert von 10.190 Dollar je Tonne im Februar 2011.

Steht eine solche Entwicklung also erneut bevor? Goldman Sachs begründet die Erwartung vor allem mit dem Megatrend des Kampfes gegen den Klimawandel und der Vermeidung von CO2-Emissionen. Industriemetalle wie Kupfer seien bei der groß angelegten Umstellung auf grüne Technologien gefragt, so das Argument. Auf der anderen Seite könne es zu Angebotsverknappungen bei Industriemetallen wie Kupfer oder auch Aluminium kommen, weil die Produzenten nicht ausreichend in Kapazitätsausweitungen investierten.

Der Argumentation folgen allerdings längst nicht alle Marktteilnehmer. Es gebe gegenwärtig zweifellos eine Wiederbelebung des Marktes, sagt etwa George Cheveley, Portfoliomanager beim Investmenthaus Ninety One, laut "Financial Times ". Bis zu einer größeren Aufwärtsbewegung könnten aber noch zwei oder drei Jahre vergehen.

Commerzbank sieht Preisanstiege skeptisch

Auch Norbert Rücker, Chefökonom bei der Bank Julius Bär, gibt sich skeptisch: "Historisch betrachtet kommt es alle 30 bis 40 Jahre zu einem Superzyklus, und wir haben gerade erst einen erlebt", sagt er. "Das wäre schon eine Besonderheit." Hinzu kommt laut Rücker: Beim letzten Mal wirkten mit der chinesischen Urbanisierung und den enormen Ausgaben, die damit verbunden waren, starke Kräfte binnen vergleichsweise kurzer Zeit. Der Wandel in Richtung grüner Energienutzung werde nicht so schnell verlaufen, so Rücker.

Zurückhaltend äußert sich auch die Commerzbank in einem Marktblick in dieser Woche . Der jüngste Anstieg der Ölpreise etwa sei "vorschnell und überzogen", heißt es da. Zum einen gebe es nach wie vor Risiken auf der Nachfrageseite, wie die Einschätzung der Internationalen Energieagentur IEA gezeigt habe. Die IEA hatte ihre Prognose für die globale Rohölnachfrage zum wiederholten Male gekürzt, diesmal auf Jahressicht um 200.000 Barrel. Als Hauptgrund gab die Agentur neue Beschränkungen wegen der Corona-Pandemie an, die die Reisetätigkeit und die wirtschaftliche Aktivität begrenzten.

Zum anderen, so die Analysten der Commerzbank, könnte das Öl-Angebot sowohl in der OPEC+-Gruppe als auch in den USA schneller und stärker steigen als erwartet. So sei die Zahl der aktiven Ölbohrungen in den USA die zwölfte Woche in Folge gestiegen. Sie liege mit 306 mittlerweile auf einem Neun-Monatshoch.

Mit Blick auf Industriemetalle äußert sich die Commerzbank ebenfalls skeptisch: Der seit Monatsbeginn zu beobachtende neuerliche Preisanstieg von Kupfer sei zu einem großen Teil spekulativ getrieben und bringe daher das Risiko von Gewinnmitnahmen mit sich. Zudem bestehe aus charttechnischer Sicht wieder mehr Grund zu Vorsicht.

Dabei muss allerdings beachtet werden: Analysen wie die der Commerzbank haben lediglich einen engen Zeitraum der Marktentwicklung im Blick. Die Frage nach dem "Superzyklus" dagegen bezieht sich auf deutlich größere Zeitspannen von vielen Jahren, die noch dazu in der Zukunft liegen. Abschließend beantworten lässt sie sich daher gegenwärtig naturgemäß nicht.

cr
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