Christian Hagist

Private Altersvorsorge Warum die Riester-Rente einen Neustart braucht

Christian Hagist
Von Christian Hagist
Die Große Koalition will die schwächelnde private Altersvorsorge ankurbeln. Man darf auf kleine Schritte in die richtige Richtung hoffen. Doch das reicht nicht.
Private Altersvorsorge: Es braucht keine vorsichtige Reform, sondern einen vollständigen Neustart

Private Altersvorsorge: Es braucht keine vorsichtige Reform, sondern einen vollständigen Neustart

Foto: Sebastian Kahnert/ dpa

Ungefähr 16 Millionen Riesterverträge gibt es in Deutschland - doch leider stagniert das Niveau. Es ist keinerlei Dynamik erkennbar, die Zeiten großer Wachstumsraten bei der privaten Altersvorsorge scheinen vorbei zu sein. Dabei ist das Thema aktueller denn je: Aufgrund des demografischen Wandels haben ganze Generationen weniger aus der gesetzlichen Rentenversicherung zu erwarten. Eine "Wiederbelebung" der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge ist daher ein löbliches Projekt.

Christian Hagist

Christian Hagist ist Professor für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der WHU - Otto Beisheim School of Management.

Und es gibt durchaus sinnvolle Stellschrauben, die man betätigen könnte. Allerdings werden diese das Sparen mit Aktien, Wertpapieren oder Immobilien für das Alter wahrscheinlich nicht wirklich populärer machen. Außerdem befinden wir uns derzeit in der größten Wirtschaftskrise der Bundesrepublik, in welcher die kurze der langen Frist oft vorgezogen wird. Zwar ist die Riester-Rente besser als ihr Ruf. Doch nach all den Diskussionen der vergangenen 15 Jahre braucht es keine vorsichtige Reform, sondern einen vollständigen Neustart bei der kapitalgedeckten Altersvorsorge. Wie könnte der aussehen?

In drei Schritten zur Riester-Rente 2.0

Als Erstes müsste man die Axt an die Beitragsgarantie legen, welche erfordert, dass das angesparte Kapital bei Renteneintritt mindestens die Summe der eingezahlten Beiträge umfassen muss. Eine solche Garantie kostet schlicht zu viel Rendite – und damit bares Geld. Der Gesetzgeber hat den Anbietern diese Garantie vorgeschrieben, um die risikoscheuen Deutschen überhaupt zur privaten Altersvorsorge zu bewegen. Bei einem Sparhorizont von bis zu 45 Jahren ergibt sie aber schlicht keinen Sinn. Wenn überhaupt, sollte es ein Wahlrecht für Verträge mit und ohne Beitragsgarantie geben, wobei jeder Anbieter auch entscheiden können sollte, welche Produkte er anbieten möchte. Man sollte beiden Seiten in diesem Punkt echte Vertragsfreiheit einräumen.

Als Zweites, und dies wäre sicherlich populär, sollte die Förderung dynamisiert werden. Zwar sind die Grund- und Kinderzulagen immer mal wieder erhöht worden, aber für manchen Bürger dürfte auch die über die Zulagen hinausgehende steuerliche Förderung durch den Sonderausgabenabzug interessant sein. Dieser Abzug aber steht seit Einführung der Riester-Rente fest bei 2100 Euro. Damit sinkt die relative Absicherung, da Preise und Löhne stetig steigen.

Der dritte, wichtigste, aber auch schwierigste Schritt wäre eine Lockerung der Anlagekriterien für die Anbieter. Riester-Produkte haben eine zu große Schlagseite bei Rentenpapieren und sind zu schwach bei Aktien und anderen Beteiligungen, um die beste Rendite für die Sparer herauszuholen. Allerdings liegt dieser Punkt nur bedingt in der Hand des Deutschen Bundestags, denn europäische Richtlinien wie etwa die Regulierung für die Versicherungswirtschaft (Solvency II) sind der eigentliche Hemmschuh. Dies in Zeiten einer Pandemie mit allen dazugehörigen Unsicherheiten aufschnüren zu wollen, wäre eine politische Herkulesaufgabe, für die es wahrscheinlich nur Applaus aus der Fachwelt gäbe.

Die kapitalgedeckte Vorsorge zur Pflicht machen

Die Intention der Riester-Rente bei der Altersvorsorge war absolut richtig: mehr Eier in den Korb "Kapitaldeckung", weniger Eier in den Korb "Umlagefinanzierung". Die gesetzliche Rentenversicherung wurde folgerichtig in ihrem Anteil am Altersvorsorgemix etwas heruntergestuft, doch leider gingen (und gehen bis heute) ein paar Eier unterwegs verloren. Denn nicht alle Bürger nutzen die damals frei gemachten Ressourcen, um für das Alter vorzusorgen. Im Nachhinein ist man natürlich immer schlauer, aber bereits Anfang des Jahrtausends hätte man auch einfach die Eier aus der Umlage verpflichtend in die Kapitaldeckung stecken können – Kapitaldeckung für jedermann.

Börsengehandelte Fonds, welche den Weltmarkt widerspiegeln, brauchen keine teure Verwaltung, keinen Vertrieb und hätten eine deutliche Rendite über fast jeden Anlagehorizont erwirtschaftet – alles verwaltet von einer Rechneranlage, etwa bei der Deutschen Rentenversicherung, der Bundesbank oder einer anderen staatlichen Stelle. Um Finanzkrisen auszugleichen, könnte das Kapital zum Beispiel zehn Jahre vor Renteneintritt langsam umgeschichtet werden. Auch hier macht der Computer die Hauptarbeit.

Und dann könnte man noch die Förderung von einer steuerlichen auf eine sozialpolitische Logik umstellen: Die alleinerziehende Mutter braucht bei der Altersvorsorge mehr Unterstützung als ein gut verdienender Professor. Momentan bekommt Letzterer aber absolut gesehen mehr Förderung, da der Sonderausgabenabzug in der Einkommensteuer bei besserverdienenden Haushalten mehr bringt. Hier gibt es zwar eine fachliche Logik. Doch wenn wir wirklich das Altersvorsorgeproblem angehen wollen, müssen wir nicht Haushalte mit einer ohnehin hohen Sparquote, sondern diejenigen mit geringen Einkommen und unsicheren Erwerbsbiografien stärker unterstützen.

Egal zu welcher Reform man eher tendiert, es gilt, die Zeit im Auge zu behalten. Denn angesichts der fortschreitenden demografischen Entwicklung und ihrer substanziellen Auswirkungen auf alle sozialen Sicherungssysteme einerseits und der wenig nachhaltigen Rentenpolitik der vergangenen Legislaturperioden andererseits, muss es das vorrangige Ziel sein, möglichst schnell zu einer echten Reform der kapitalgedeckten Altersvorsorge zu kommen. Je länger sich dieser Prozess verzögert, desto kleiner wird der Personenkreis, der vor dem Renteneintritt der Baby-Boomer noch davon profitieren kann – und desto geringer sind die Zinseszinseffekte. Deswegen ist das Anliegen, sich gerade jetzt um eine Reform zu kümmern, genau richtig.

Christian Hagist ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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