Drohende Prokon-Pleite Mit Vorsicht zu genießen

Die drohende Pleite der Windkraftfirma Prokon rückt eine Beteiligungsform in den Fokus, die sich bei Unternehmen wachsender Beliebtheit erfreut, jedoch für Anleger tückisch sein kann: Der Genussschein. Antworten auf die wichtigsten Fragen, die sich Anleger jetzt stellen sollten.
Düstere Aussichten: Den Inhabern von Prokon-Genussscheinen steht kaum Gutes bevor - ebensowenig wie manch anderen Anlegern dieser Investmentform

Düstere Aussichten: Den Inhabern von Prokon-Genussscheinen steht kaum Gutes bevor - ebensowenig wie manch anderen Anlegern dieser Investmentform

Foto: HANNIBAL HANSCHKE/ REUTERS

Hamburg - Es ist ein Debakel mit Ansage: Seit Monaten mehren sich die kritischen Berichte über die Windkraftfirma Prokon mit Sitz in Itzehoe. Mit großem Werbeaufwand hatte das Unternehmen bei etwa 75.000 Anlegern mehr als eine Milliarde Euro für Windparks und andere Neue-Energien-Projekte eingesammelt. Nachdem nun offenbar mehr und mehr Geldgeber aussteigen wollen, droht das Investmentkonstrukt zu implodieren. Seit dem Wochenende warnt Prokon auf der hauseigenen Website vor der Gefahr der Insolvenz.

Keimzelle des Finanzierungssystems von Prokon ist eine Beteiligungsform, die sich seit einigen Jahren wachsender Beliebtheit bei Unternehmen erfreut: der Genussschein. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus Anleihe und Aktie. Anleger erhalten eine fixe Zinszusage, die in der Regel deutlich über dem liegt, was zurzeit bei Banken an festen Zinsen zu bekommen ist.

Das hat jedoch seinen Preis: Die Rechte der Investoren sind deutlich geringer als etwa jene von Aktionären. So gibt es in der Regel beispielsweise keine Mitspracherechte oder Kontrollmöglichkeiten über die Verwendung der Mittel. Geht das Unternehmen pleite, so werden die Geldgeber zudem nachrangig bedient, sprich: sie stehen weit hinten in der Schlange der Gläubiger.

Hohes Risiko

Dennoch gelingt es immer mehr Firmen, Genussrechte am Markt zu platzieren. Waren früher vor allem Banken oder solide Großkonzerne wie Bertelsmann die Emittenten, so beschaffen sich heute auch viele aufstrebende Unternehmen vor allem aus der Neue-Energien-Branche oder der Immobilienwirtschaft auf diesem Wege frisches Kapital.

Der Grund ist Experten zufolge häufig, dass die Firmen Schwierigkeiten haben, auf herkömmliche Weise, beispielsweise per Bankkredit, an Geld zu kommen. Zudem wird der Markt für geschlossene Fonds, der zu dem Zweck bislang gerne genutzt wurde, zunehmend gesetzlich reguliert - das Genussscheingeschäft dagegen kaum.

Es gilt daher: Solche Genussscheine müssen zwar nicht per se schlecht sein, das Risiko damit Geld zu verlieren, ist jedoch deutlich höher als bei vielen anderen Anlageformen. Wer auf die verlockenden Zinsen von 7, 8 oder gar 9 Prozent schielt und tatsächlich ein solches Engagement eingehen will, sollte daher in jedem Fall zuvor die folgenden Fragen klären.

Wie unterscheidet man einen seriösen Genussschein von einem unseriösen?

Experten zufolge muss man bei den Emittenten von Genussscheinen zunächst unterscheiden zwischen gesetzten Unternehmen des klassischen Mittelstands auf der einen Seite und jüngeren Firmen in der Wachstumsphase auf der anderen. Während Erstere in der Regel über einen stetigen Cash-Flow verfügen, mit denen sich die Zinsversprechen erfüllen lassen, handelt es sich bei Letzteren oft um eine Wette auf die Zukunft. "So ist es auch bei Prokon", sagt Andreas Müller, Chef des Vermögensverwalters IMC in Mannheim. "Wenn eine Gesellschaft keine laufenden Gewinne erzielt, sollten Anleger von dem Genussschein die Finger lassen."

Ein zweiter Punkt ist die Frage der Börsennotierung. An der Börse Stuttgart etwa werden unter anderem auch Genussscheine von kleineren Firmen wie Salvator Immobilien oder PNE Wind gehandelt, oft zu Kursen weit unter dem Ausgabepreis.

Dennoch hat die Börsennotierung gegenüber dem reinen Graumarktgeschäft Vorteile. "Jede Form von Genussrechtangebot, dass nicht über eine Börse jederzeit handelbar ist, sollten Anleger meiden", sagt Lothar Koch, Portfoliomanager der GSAM + Spee Asset Management. "Mit einer Börsennotierung gibt es Pflichten, die ein Emittent erfüllen muss." Nach Ansicht des Investmentexperten zeigt gerade der Fall Prokon, wie wichtig diese Handelbarkeit ist. "Man ist dann nicht auf Gedeih und Verderb der Willkür des Emittenten ausgeliefert", sagt Koch.

Wie lässt sich ein Genussschein-Investment beenden?

Genussscheine verfügen in der Regel über eine vorgegebene Laufzeit, nach der sie vom Emittenten wieder ausgezahlt werden sollten. Vorzeitige Kündigungsmöglichkeiten können individuell festgelegt werden und sind von Fall zu Fall unterschiedlich. Bei Prokon etwa gab es Kurzläufer ab sechs Monaten mit vierwöchiger Kündigungsfrist zum Monatsende, aber auch Papiere mit fester Laufzeit zwischen fünf und zehn Jahren.

"Die Möglichkeit der vorzeitigen Kündigung ist allerdings mit Vorsicht zu genießen", sagt Thomas Lippert, Chef des Anlegerschutzbundes AAA in Berlin. "Prokon zeigt, was passiert, wenn zu viele Investoren gleichzeitig heraus wollen. Wir empfehlen daher in dem aktuellen Fall, zurzeit von einer Kündigung erst einmal abzusehen und die Interessen der Anleger zunächst zu bündeln."

Daneben gibt es nur bei börsennotierten Genussscheinen die Möglichkeit des vorzeitigen Ausstiegs, durch Verkauf an einen anderen Anleger. Ein geregelter, übergeordneter Zweitmarkt für nicht börsennotierte Genussscheine existiert nicht. Einige Unternehmen versuchen, so etwas auf ihren Websites zu organisieren.

Warum sollte man überhaupt in Genussscheine investieren?

Viele Gründe dafür gibt es nicht. Eigentlich nur einen: die attraktiven Zinsversprechen.

Zusammenfassend: Was spricht gegen Genussscheine?

Experten raten meist von Genussscheinen ab. Vermögensverwalter Andreas Müller etwa hält diese Anlageform für "nicht zu empfehlen". Und Lothar Koch von GSAM + Spee rät bei Genussrechten "immer zur Vorsicht".

Die Gründe lassen sich in Kürze so zusammenfassen:

  • Beteiligung am Gewinn und Verlust des Unternehmens
  • keine Kontroll- und Mitbestimmungsrechte
  • keine staatliche Kontrolle oder Aufsicht
  • in der Regel keine Information über den genauen Investitionsgegenstand
  • kaum wirklicher Handel möglich
  • Totalverlust möglich
  • im Insolvenzfall erfolgt eine Rückzahlung erst nach Befriedigung aller anderen Gläubiger

Schließlich: Selbst die attraktiven Zinsen sprechen nicht unbedingt nur für diese Anlageform. Denn nach den Regeln der Kapitalanlage geht mit ihnen stets auch ein höheres Anlagerisiko einher. Hinzu kommt, dass hohe Zinsen auch als Warnsignal für betrügerische Absichten oder gar Schneeballsysteme gelten, wie Anlegeranwalt Dietmar Kälberer aus Berlin bemerkt.

Er kommt deshalb in Bezug auf Genussscheine zu einem besonders drastischen Urteil. "Derartiges braucht aus meiner Sicht kein Anleger", sagt Kälberer. "Diese Anlageform kann man komplett streichen, ohne dass ein Anleger irgendwas vermissen würde."

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