Sonntag, 8. Dezember 2019

Windkraftfirma unter Druck Prokon schlägt einen neuen Haken

Prokon-Werbung in der U-Bahn: Viele Anleger wollen ihr Geld zurück

Der angeschlagene Windparkbauer Prokon schlägt in einem Schreiben an die Anleger einen neuen Kurs ein. Angeblich können die Investoren der Genussrechte durch ihre Massenkündigungen nun doch keine Insolvenz auslösen. Ob das so stimmt, ist aber offen.

Hamburg - Neue Wendung im Fall des wankenden Windkraftunternehmens Prokon mit Sitz in Itzehoe. In einem Schreiben, das am Donnerstagabend auf der firmeneigenen Internetseite veröffentlicht wurde, informiert Prokon die Anleger seiner Genussrechte über eine "neue Entwicklung". Erneut werden die Investoren darin aufgefordert, auf Kündigungen der Genussrechte zu verzichten, um die Liquiditätslage des Unternehmens zu schonen. Die Argumentation, die Prokon dabei vorbringt, ist jedoch diesmal eine andere.

Bislang hatte Prokon behauptet,der Abzug größerer Summen an Genussrechtskapital würde die Firma in Insolvenzgefahr bringen. Diese Drohung hatte Firmenchef Carsten Rodbertus in einem Schreiben an die Anleger am vergangenen Wochenende unmissverständlich formuliert.

Jetzt kommt offenbar die Kehrtwende: Eingangs des aktuellen Schreibens entschuldigt sich Rodbertus für sein bisheriges Vorgehen. Einige Absätze später kommt dann die Neuigkeit: Ein Insolvenzberater, der bereits mehrere namhafte Unternehmen begleitet habe, komme zu der Einschätzung, "dass in unserem Fall gekündigte Genussrechte in einem Insolvenzverfahren möglicherweise nicht als fällige Forderungen zu bewerten wären".

"Da auch seitens anderer Gläubiger (z. B. Banken, Sozialversicherungsträger, Lieferanten) keine fälligen Forderungen bestehen, müsste ein Insolvenzantrag vom Gericht abgelehnt werden, weil damit keine Insolvenz vorliegen würde", schreibt Rodbertus weiter.

Anleger sollen abwarten

Entsprechende Rechtsgutachten zur Überprüfung dieser Einschätzung seien beauftragt, so der Firmenchef. "Trifft diese Einschätzung zu, bedeutet dies für alle Genussrechtsinhaber, dass sie untereinander gleichberechtigt dann Zahlungen erhalten würden, wenn wir über die nötige Liquidität verfügen." Der Verzicht auf eine Kündigung oder auf rechtliche Schritte führe somit auch vor diesem Hintergrund nicht zu einem Nachteil gegenüber anderen Anlegern.

Im Klartext heißt das: Das Unternehmen kann die zahlreichen Rückzahlungswünsche der Anleger zwar derzeit kaum erfüllen. Eine Insolvenz wird dadurch aber nach Ansicht des zitierten Experten auch nicht ausgelöst. Den Anlegern bliebe also nichts anderes übrig als abzuwarten, wie sich die Liquiditätslage Prokons entwickelt.

Bei Prokon war am Freitag für Nachfragen niemand zu erreichen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob diese Rechtsmeinung haltbar ist. manager magazin online hat dazu einen renommierten Insolvenzrechtler um seine Einschätzung gebeten.

"Die Darstellung widerspricht zwar offensichtlich dem, was Prokon bislang verlautbart hat, sie kann aber zutreffen", sagt der Experte. "Entscheidend ist, wie genau die Verträge für die Genussrechte ausgestaltet sind."

Allerdings macht der erfahrene Jurist darauf aufmerksam, dass es ähnliche Sachverhalte bereits in anderen Fällen gegeben habe. Und bislang sei oft festgestellt worden, dass nachrangige Forderungen, wie sie die Genussrechte Prokons wohl darstellen, eine Insolvenz keineswegs ausschließen.

Damit bleiben die Prokon-Anleger auch nach dem neuen Schreiben des Unternehmens im Unklaren. Etwa 75.000 Privatleute haben der Firmengruppe Genussrechtskapital in Höhe von 1,4 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Die Situation hatte sich zugespitzt, weil nach kritischer Berichterstattung und unerfreulichen Signalen aus der Firma immer mehr Anleger ihr Geld zurückhaben wollten. Zuletzt erreichte das gekündigte Kapital der Investoren in dieser Woche einen Gesamtstand von 216 Millionen Euro.

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