Größter Anlageskandal Deutschlands Wie bei P&R eine Million Container verschwinden konnten

Container gesucht: Wie konnte bei P&R eine Lücke von einer Million Boxen im Bestand entstehen?

Container gesucht: Wie konnte bei P&R eine Lücke von einer Million Boxen im Bestand entstehen?

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54.000 P&R-Kunden bangen um ihr Geld: Diese Skandale kosteten Geldanleger Milliarden

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54.000 Anleger, die um ihr Geld bangen. 3,5 Milliarden Euro von diesen Investoren, die insgesamt in Gefahr sind. Zudem, wie seit dem heutigen Donnerstag klar ist, nicht weniger als eine Million Container (tatsächlich 1.000.000 Stahlboxen!), die über Jahre an Anleger verkauft wurden, obwohl es die Behälter gar nicht gibt. Und damit vermutlich mehr als zwei Milliarden Euro, die die Investoren wohl abschreiben müssen und nicht wieder sehen werden: Der Anlageskandal um die Münchener P&R-Gruppe sprengt alle Dimensionen, die im an Skandalen und Affären wahrlich nicht armen grauen Kapitalmarkt Deutschlands bisher bekannt waren.

Die Frankfurter Immobilienjongleure von S&K, der Genussrechte-Flop von Prokon, selbst die Riesen-Abzocke der Göttinger Gruppe in den 1980er, 90er und 2000er Jahren - sie alle kommen nicht an die Schadenssumme heran, die bei P&R im Raume steht.

Seit dem heutigen Donnerstag ist es zudem womöglich ein Betrugsskandal ebenso gigantischen Ausmaßes - die Staatsanwaltschaft München hat Ermittlungen in diese Richtung aufgenommen.

Die Geschichte beginnt vor einigen Jahrzehnten: 1975 gründet Heinz Roth die P&R-Gruppe, die schnell zu einer beachtlichen Größe am grauen Markt wird. Das Geschäftsmodell: Das Unternehmen verkauft Container an private Investoren, denen zugleich der Rückkauf zu einem fixen Preis in Aussicht gestellt wird. Zudem vermietet P&R die Stahlboxen an Leasinggesellschaften weltweit, die sie wiederum Reedereien zur Verfügung stellen. Dafür kassieren die Investoren regelmäßige Mieteinnahmen.

Ein simples und einträgliches Geschäft, wie sich zeigt: P&R dreht im Laufe der Jahre ein immer größeres Rad. Über die Jahrzehnte steckten insgesamt 60.000 Anleger zusammen fünf Milliarden Euro in die Offerten der Geldanlagefirma, so noch bis vor Kurzem die Eigendarstellung auf der Unternehmenswebsite. Die Investorengelder sprudeln also, und mit ihnen wächst der Containerbestand - jedenfalls auf dem Papier.

In der Praxis gibt es unter Marktteilnehmern und Beobachtern seit Jahren kritische Stimmen, die die Validität des P&R-Geschäftsmodells anzweifeln. Die Gruppe agiert mit verschiedenen Tochterunternehmen im In- und Ausland, bewegt Milliardensummen und gigantische Containerbestände, doch echte Klarheit über die wirklichen Finanzströme im P&R-Reich gibt es kaum.

Spätestens seit dem heutigen Tag ist klar: Die Skeptiker lagen wohl richtig. Nachdem alle wichtigen Gesellschaften der P&R-Gruppe vor einigen Wochen Insolvenz angemeldet hatten, nahm sich der Münchener Rechtsanwalt Michael Jaffé mit einem Kollegen als vorläufiger Insolvenzverwalter der Sache an. Die Analyse der Juristen förderte einen traurigen Tatbestand ans Tageslicht, den Jaffés Kanzlei am heutigen Donnerstag öffentlich machte: Über vier Tochterfirmen verkaufte P&R bis zur Insolvenz im März insgesamt 1,6 Millionen Container an 54.000 Anleger. Den Büchern des Unternehmens zufolge verfügt P&R jedoch lediglich über einen Bestand von exakt 618.000 Containern.

Das heißt im Klartext: P&R hat etwa eine Million Container verkauft, die es gar nicht gibt.

Wie die Lücke im Bestand vermutlich entstand

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54.000 P&R-Kunden bangen um ihr Geld: Diese Skandale kosteten Geldanleger Milliarden

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Dass damit der Verdacht verbunden ist, es könnte sich um einen Fall von großangelegtem Betrug handeln, liegt auf der Hand. Entsprechend teilte die Münchener Staatsanwaltschaft ebenfalls am heutigen Donnerstag mit, sie sei von Insolvenzverwalter Jaffé über den Sachverhalt informiert worden und habe Ermittlungen wegen Betrugsverdachts gegen sämtliche früheren und heutigen Geschäftsführer der Unternehmensgruppe aufgenommen.

Die Frage ist nun: Wo sind die fehlenden eine Million Container sowie die damit verbundenen Investorengelder hin? Oder besser: Wie konnte diese riesige Lücke im P&R-Containerbestand tatsächlich entstehen?

So viel steht wohl fest: Vom Schiff gefallen oder anderweitig verloren gegangen sind die Behälter ziemlich sicher nicht. Vielmehr spricht vieles dafür, dass es sie in der Realität nie gab, sondern ausschließlich innerhalb der Buchführung von P&R.

Die Suche nach der verlorenen Container-Million beginnt 2007. In dem Jahr trat nach Angaben der Staatsanwaltschaft München erstmals ein Fehlbestand bei den P&R-Boxen auf, der dann im Laufe der Jahre immer größer wurde. Selbst Insolvenzverwalter Jaffé und seine Leute, die seit Wochen das P&R-Reich durchleuchten, haben die Sache eigenen Angaben zufolge bislang nicht vollständig aufgeklärt. Die Staatsanwaltschaft sieht offenbar ebenfalls viel Arbeit auf sich zukommen - sie hat für die Ermittlungen eigens eine Arbeitsgruppe "Container" ins Leben gerufen.

So bleibt aus gegenwärtiger Sicht lediglich der Versuch, die Ereignisse, die zum heutigen Debakel geführt haben, auf Grundlage der wenigen Information sowie vernünftiger Überlegungen zu rekonstruieren: Wer die Geschäfte von P&R durchblicken will, muss zunächst verstehen, dass sie von zahllosen Variablen beeinflusst werden. Wie entwickeln sich beispielsweise die Containerpreise? Wohin tendieren die Mieten? Wie groß ist die Nachfrage von Seiten der Investoren nach Containerkäufen - und wie groß das Interesse der Leasinggesellschaften sowie der Reedereien, die Boxen zu benutzen? Es ist wie eine Jonglage mit zahlreichen Bällen, die alle gleichzeitig in der Luft gehalten werden müssen.

Irgendwann im Jahr 2007, so ist zu vermuten, ist den P&R-Verantwortlichen wohl erstmals einer der Bälle heruntergefallen. In dem Jahr entstand in den verworrenen Geldströmen aus Mieteinnahmen, Kaufpreiszahlungen, Eingängen von Investorengeldern, Überweisungen von Rückkaufpreisen und ähnlichem plötzlich eine kleine Lücke. Vielleicht waren versprochene Rückkaufpreise plötzlich zu hoch im Vergleich zum tatsächlichen Preisniveau am Markt. Oder eingeplante Verkaufseinnahmen fielen niedriger aus als erwartet.

Sollte die Annahme stimmen, dann hat in dem Moment vermutlich einer der Verantwortlichen bei P&R eine fatale Entscheidung getroffen: Er beschloss womöglich, Gelder, die von Investoren für den Containerkauf an P&R überwiesen worden waren, nicht zu diesem Zweck zu verwenden. Stattdessen, so ist anzunehmen, nutzte P&R diese Gelder, um die plötzlich aufgetretene Lücke in den Finanzen zu stopfen - beispielsweise, um andere Anleger auszuzahlen.

Warum die Lücke im Bestand vermutlich immer größer wurde

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Hat P&R tatsächlich so gehandelt, so brächte dies zwei Probleme mit sich. Erstens: Gelder wurden unrechtmäßig zweckentfremdet. Und zweitens, mindestens ebenso schwerwiegend: Es fehlten von da an Container im Bestand - und die damit verbundenen Einnahmen.

Letzteres wäre für die Geschäfte der P&R-Gruppe besonders fatal. Denn es hätte zur Folge, dass aus der kleinen Finanzlücke in den folgenden Jahren eine immer größere würde - und aus einer kleinen Lücke im Containerbestand ebenso eine immer größere.

Wohl gemerkt: Dies ist lediglich ein hypothetischer Versuch, das Entstehen des gigantischen Fehlbestands von einer Million Containern bei P&R zu erklären. Es könnte auch anders gewesen sein, doch vieles spricht dafür, dass die Dinge ungefähr so abgelaufen sind, wie dargestellt.

So oder so war die Implosion der P&R-Gruppe letztlich wohl nicht zu vermeiden. Die Erfahrung zeigt: Finanzlöcher lassen sich in derartigen Kapitalanlage-Konstruktionen bestenfalls eine Zeit lang stopfen - aber irgendwann fliegt der Schwindel auf. Leidtragende sind dann jedes Mal zahllose Geldanleger. Denn selbst, wenn die Verantwortlichen juristisch zur Rechenschaft gezogen werden, bleiben die Investoren in der Regel auf dem größten Teil ihrer Verluste sitzen.

Sehr gut möglich, dass es auch den 54.000 Anlegern von P&R so ergehen wird.

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