Massen-Versammlungen in Münchens Olympiahalle Alles, was Sie über den P&R-Skandal wissen müssen

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54.000 P&R-Kunden bangen um ihr Geld: Diese Skandale kosteten Geldanleger Milliarden

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54.000 betroffene Investoren, 3,5 Milliarden Euro an Anlegergeldern, die in Gefahr sind - allein diese beiden Kennzahlen machen deutlich: Die Pleite der Münchener Investmentgruppe P&R sprengt alle bislang bekannten Dimensionen. Es ist der größte Anlageskandal, den es in Deutschland bislang gab.

Am Mittwoch und Donnerstag dieser Woche finden die ersten Gläubigerversammlungen in dem Mammut-Insolvenzverfahren statt. Ort des Geschehens, wegen der großen Zahl an zu erwartenden P&R-Kunden: Die Münchener Olympiahalle.

Doch was genau ist bei P&R eigentlich schief gelaufen? Wie stehen die Chancen der Investoren, etwas von ihrem Geld wiederzusehen? Und worum geht es eigentlich auf den jetzt anberaumten Gläubigerversammlungen genau? Diese und weitere Fragen dürften sich nicht nur die Opfer des Investmentdebakels stellen. Hier sind die wichtigsten Antworten:

Die Vorgeschichte - was ist bei P&R schiefgelaufen?

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54.000 P&R-Kunden bangen um ihr Geld: Diese Skandale kosteten Geldanleger Milliarden

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Die Unternehmensgruppe P&R mit Sitz in Grünwald gehört zu den ältesten Playern am grauen Kapitalmarkt Deutschlands. P&R wurde 1975 von Heinz Roth und einer Partnerin gegründet und wuchs danach rasant. Das Unternehmen verkaufte Container an private Investoren, denen zugleich der Rückkauf zu einem fixen Preis in Aussicht gestellt wurde. Zudem vermietete P&R die Stahlboxen an Leasinggesellschaften weltweit, die sie wiederum Reedereien zur Verfügung stellten. Dafür kassierten die Investoren regelmäßige Mieteinnahmen.

Ein simples und einträgliches Geschäft, wie sich zeigte: P&R drehte im Laufe der Jahre ein immer größeres Rad. Über die Jahrzehnte steckten insgesamt 60.000 Anleger zusammen fünf Milliarden Euro in die Offerten der Geldanlagefirma, so noch bis vor einiger Zeit die Eigendarstellung auf der Unternehmenswebsite.

Angesichts des immer weiter anwachsenden Bestandes an Containern verlor P&R jedoch offenbar im Laufe der Jahre die Kontrolle über die komplexe Kalkulation der Finanzströme mit Einnahmen aus der Containervermietung, Ausgaben für Containerkäufe sowie dem Eingang frischer Anlegergelder. Dazu muss beachtet werden: P&R kalkulierte offenbar keineswegs jedes Containerinvestment für jeden Kunden einzeln. Stattdessen versuchte das Unternehmen, die Geldströme und Containerbewegungen insgesamt im Lot zu halten. Weil dabei nach Ansicht von Beobachtern zum Teil mit Preisen und Mieten für die Container kalkuliert wurde, die nicht dem tatsächlichen Marktniveau entsprachen, lief die Sache irgendwann aus dem Ruder.

Folge: Im März mussten die wichtigsten Gesellschaften der Unternehmensgruppe Insolvenz anmelden. Wie die Insolvenzverwalter von der Münchener Kanzlei Jaffé inzwischen ermittelt haben, entstand die Schieflage bei P&R jedoch bereits sehr viel früher: Schon vor rund zehn Jahren bildete sich demnach eine Lücke im Containerbestand, die in den folgenden Jahren immer größer wurde. Der Grund ist vermutlich, dass P&R Investorengelder, die eigentlich für den Kauf von Containern bestimmt waren, benötigte, um damit Finanzlöcher an anderer Stelle zu stopfen.

Das Ergebnis: Wie die Insolvenzverwalter festgestellt haben, müssten sich bei P&R gegenwärtig rund 1,6 Millionen Container im Bestand befinden. Tatsächlich verfügt das Unternehmen jedoch lediglich über einen Bestand von 618.000 Boxen. Bei rund einer Million Containern handelt es sich um "Phantom-Container" - für sie wurde bei Kunden Geld eingesammelt, ohne dass sie jemals tatsächlich erworben wurden.

Als Konsequenz aus dem gigantischen Fehlbestand vergrößerte sich das Loch in der P&R-Kalkulation immer weiter - und führte schließlich zur Pleite im Frühjahr dieses Jahres.

Die Opfer - wer hat bei P&R investiert und bangt nun um sein Geld?

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Insgesamt investierten nach Angaben der P&R-Gruppe im Laufe der Jahrzehnte etwa 60.000 Privatanleger ungefähr fünf Milliarden Euro in die Investmentofferten des Hauses. Von der Pleite betroffen sind nach Angaben der Insolvenzverwalter immerhin noch 54.000 Anleger mit einem Investmentvolumen von zusammen rund 3,5 Milliarden Euro.

Nähere Informationen zu den Anlegern von P&R gehen aus Insolvenzgutachten hervor, die die Insolvenzverwalter inzwischen erstellt haben, und die manager magazin vorliegen. Besonders auffallend ist demnach das hohe Durchschnittsalter der Investoren, welches vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass es sich vielfach um Stammkunden handelt, die bereits seit vielen Jahren immer wieder in Offerten von P&R investiert haben.

Den Insolvenzgutachten zufolge sind mehr als 50 Prozent der P&R-Anleger älter als 60 und mehr als 30 Prozent sogar älter als 70 Jahre. Wie in den Gutachten ebenfalls angegeben wird, verfügen diese Investoren über einen überdurchschnittlich hohen Bildungsstand, wobei beinahe 50 Prozent von ihnen die Hochschulreife und 35 Prozent einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss haben.

Die Verantwortlichen - wer trägt die Schuld an der Misere?

Im Management von P&R waren über die Jahre verschiedene Geschäftsführer tätig, die alle einen Teil zur miserablen Entwicklung beigetragen haben dürften. Besonders in den Fokus geraten ist seit der Pleite der Unternehmensgruppe jedoch deren Gründer Heinz Roth.

Gegen ihn und andere Verantwortliche ermittelt auch die Staatsanwaltschaft München wegen des Verdachts auf Anlagebetrug. In dem Zusammenhang befindet sich Roth inzwischen in Untersuchungshaft. Als manager magazin vor Kurzem mit dem P&R-Gründer telefonierte, wollte er sich zu Vorwürfen gegen ihn sowie zu dem Fall insgesamt nicht äußern.

Dabei hatte er sich den Insolvenzverwaltern zufolge zunächst durchaus kooperativ gezeigt. So habe Roth zunächst Vollmachten für die Leitung der im P&R-Geflecht wichtigen Schweizer Tochtergesellschaft der Gruppe erteilt, schreiben sie in ihren Gutachten.

Dann kam jedoch ein Sinneswandel. Roth widerrief die Vollmachten, die laut Gutachten ursprünglich offenbar als "unwiderruflich" eingestuft worden waren. Zudem versuchte er offenbar Vermögenswerte vor dem möglichen Zugriff von Gläubigern oder geschädigten Anlegern in Sicherheit zu bringen. Der P&R-Gründer habe sein Eigentum an seinem Wohnhaus im noblen Münchener Stadtteil Grünwald bereits auf seine Ehefrau übertragen, heißt es in den weitgehend wortgleichen Gutachten der Insolvenzverwalter. Auch eine weitere Immobilie wollte Roth demnach bereits veräußern.

Die Gutachten legen zudem die Vermutung nahe, dass neben dem Vorwurf des Anlagebetrugs gegen Verantwortliche von P&R womöglich auch der Vorwurf der Insolvenzverschleppung im Raum stehen könnte.

Die Aussichten - wie groß sind die Chancen, dass die Investoren noch Geld erhalten?

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Die Antwort auf diese Frage ergibt sich zum Teil näherungsweise aus einer einfachen Rechnung: 1,6 Millionen Container müsste es bei P&R eigentlich geben, um alle Anleger nahezu vollständig befriedigen zu können. Tatsächlich vorhanden sind aber nur 618.000 Stahlboxen, also weniger als 40 Prozent vom Soll.

Das hört sich womöglich gar nicht so schlecht an für ein Insolvenzverfahren dieses Kalibers. Realistischer ist jedoch wohl eine Rechnung, die aus den Gutachten der Insolvenzverwalter hervorgeht. Alles in allem messen die Insolvenzverwalter dem aktuellen Containerbestand demnach einen Wert von etwa 800 Millionen Euro zu. Die Verbindlichkeiten der Unternehmensgruppe belaufen sich den vier Gutachten zufolge jedoch auf zusammen mehr als 4,3 Milliarden Euro. Das heißt: Mit den derzeit bestehen Containern könnten bei einer Verwertung wohl nur etwa ein Fünftel der Ansprüche von Seiten der Gläubiger bedient werden.

Die vor dem Hintergrund womöglich gute Nachricht lautet jedoch: Die Insolvenzverwalter von der Kanzlei Jaffé betonen in ihren Mitteilungen regelmäßig, dass ein Verkauf des Containerbestandes derzeit nicht unmittelbar bevorstehe oder geplant sei. Den Angaben zufolge ist die Containerflotte vielmehr über die Schweizer P&R-Tochter weitgehend vermietet und im Einsatz. Die Einnahmen sollen offenbar vorerst weiter kassiert werden, bevor an eine Liquidation des Bestandes gegangen wird.

Die Gläubigerversammlungen - was passiert Mittwoch und Donnerstag in München?

Insgesamt vier P&R-Töchter stehen im Zentrum des Anlageskandals, und für jede dieser vier Gesellschaften wird eine eigene Gläubigerversammlung durchgeführt. Im Einzelnen sind dies folgende Termine:

17. Oktober, 8 Uhr, Olympiahalle München: P&R Gebrauchtcontainer Vertriebs- und Verwaltungs GmbH

18. Oktober, 9 Uhr, Olympiahalle München: P&R Container Vertriebs- und Verwaltungs GmbH

18. Oktober, 14 Uhr, Olympiahalle München: P&R Transport-Container GmbH

22. Oktober, 9 Uhr, Reithalle, Heßstraße, München: P&R Container Leasing GmbH

Der Ort des Geschehens lässt es bereits vermuten: Zumindest bei den ersten drei Veranstaltungen am Mittwoch und Donnerstag dieser Woche dürfte es sich um regelrechte Massen-Events handeln. Bereits vor einer Woche meldeten die Insolvenzverwalter Voranmeldungen von jeweils bis zu 4000 betroffenen P&R-Kunden. Tatsächlich erscheinen dürften noch deutlich mehr Anleger.

Dabei handelt es sich eigentlich um recht formelle Termine: Die ersten Gläubigerversammlungen sind die so genannten Berichtstermine, deren Verlauf in weiten Teilen gesetzlich vorgeschrieben ist. Wichtige Tagesordnungspunkte sind dabei der Bericht des Insolvenzverwalters, die Bestätigung des Insolvenzverwalters in seinem Amt sowie die Bestätigung beziehungsweise Ergänzung des Gläubigerausschusses.

Allerdings sollten die Gläubiger auch bei diesen Punkten Obacht geben. Der Fachjournalist Stefan Loipfinger aus Rosenheim beispielsweise, der den Fall P&R intensiv verfolgt, merkte bereits kritisch an, dass Insolvenzverwalter Jaffé aus München den P&R-Kunden im Vorfeld der Versammlungen offenbar Anwälte für ihre Vertretung empfahl, die ihm womöglich wohlgesonnen seien.

Darüber hinaus dürfte für die Gläubiger auf den Veranstaltungen vor allem eine Frage von Interesse sein: Was passiert künftig mit dem noch existierenden Containerbestand von P&R? Entschieden wird dazu in diesen Tagen in München zwar vermutlich noch nichts. Beobachter erwarten jedoch, dass auf den Gläubigerversammlungen bereits Vertreter verschiedener Container-Investmentfirmen auftreten könnten, um sich für einen möglichen Kauf der Boxen in Stellung zu bringen.

Die Gläubiger können also womöglich schon einmal in Augenschein nehmen, wer am Ende aus ihrer Not noch ein Geschäft zu machen versucht.