Konto, Fonds, Versicherungen Wie kann man den Strafzinsen entgehen?

Strafzinsen schrecken viele Kunden von Banken und Sparkassen ab - aber lohnt es sich, das Geld in andere Investments umzuschichten? Der Vergleich zeigt, worauf es dabei ankommt.
Strafzinsen schrecken Kunden ab: Banken und Sparkassen (im Bild das Bankenviertel von Frankfurt) stehen in der Kritik

Strafzinsen schrecken Kunden ab: Banken und Sparkassen (im Bild das Bankenviertel von Frankfurt) stehen in der Kritik

Foto: Arnulf Hettrich/ imago images

Die Postbank hat sich einen besonders schönen Taschenspielertrick ausgedacht. Sie nennt ihn Postbank Kapital Invest, und er ist noch bis Ende Oktober im Angebot: Wer bei der Deutsche-Bank-Tochter keine Negativzinsen zahlen möchte, kann sein Geld im Rahmen dieser Aktion zur Hälfte in eine Festgeldanlage geben, zu einem "Sonderzins" (O-Ton Postbank) von 2 Prozent für sechs Monate. Die andere Hälfte fließt in einen oder mehrere Investmentfonds.

Wer die branchenüblichen Kosten von Investmentprodukten kennt und einen Taschenrechner hat, kann sich schnell ausrechnen, was dabei beinahe zwangsläufig herauskommt: ein großes Kostenminus für den Sparer, das durch die Performance des Fondsinvestments erstmal wieder aufgeholt werden muss, bevor dieser eine zählbare Rendite bringt.

Für Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg ist das ein Paradebeispiel dafür, wie Banken und Sparkassen derzeit versuchen, Profit aus der Niedrigzinsphase zu schlagen. Nicht genug damit, dass die Institute immer häufiger Negativzinsen auf Konten, Fest- oder Tagesgelder erheben. Sie versuchen auf der anderen Seite auch, ihre Kundinnen und Kunden zu Alternativen zu verleiten, die nicht unbedingt deren Bedarf entsprechen, an denen die Geldhäuser jedoch kräftig verdienen. "Strafzinsen", so brachte es Nauhauser jüngst im Interview mit dem manager magazin auf den Punkt, "sind eine Turbo für das Provisionsgeschäft vorbei am Kundenbedarf."

Dabei geht es längst um ein branchenübergreifendes Thema. 1300 Banken und Sparkassen beobachtet das Finanzportal Biallo.de regelmäßig, davon erheben mittlerweile 450 auf Einlagen ihrer Kunden ab einer bestimmten Höhe ein sogenanntes Verwahrentgelt. Vulgo: Negativzinsen. Oder polemisch: Strafzinsen.

Immer mehr Institute führen "Verwahrentgelte" ein

Deutsche Bank, Commerzbank, Comdirect, ING und viele mehr - sie alle sind bereits dabei. Die Zahl der Institute, die auf diese Weise in die Taschen ihrer Kunden greifen, steigt rasant. Mitte 2019 waren es laut Biallo lediglich 30, und allein in diesem Jahr sind beinahe 200 neue Banken und Sparkassen zur Riege der Empfänger von Verwahrentgelten hinzugekommen.

Die Postbank beispielsweise schrieb ihre Kunden im Juni an, um auf das kommende "Verwahrentgelt" von 0,5 Prozent auf den Einlagebetrag hinzuweisen. Wie die meisten Institute räumt auch die Deutsche-Bank-Tochter Freibeträge ein: 50.000 Euro auf dem Girokonto, 25.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto - für Beträge, die darüber hinausgehen, müssen Postbank-Kunden künftig zahlen.

Wobei, sie müssen es nicht. "Sie sind uns wichtig", schreibt die Postbank in ihren Kundenbriefen, von denen manager magazin ein Exemplar vorliegt. "Gern möchten wir Sie persönlich beraten und Ihnen Alternativen bieten, mit denen Sie das Verwahrentgelt einsparen können." Was bei solchen Beratungsterminen zur Sprache kommt, ist absehbar. Stichwort: Postbank Kapital Invest.

Viele Kunden hätten bis vor wenigen Jahren vermutlich gar nicht geglaubt, dass Negativzinsen auf Bankeinlagen überhaupt möglich sind. Nun ziehen Verbraucherschützer gegen die Zinspolitik der Geldhäuser vereinzelt bereits vor Gericht.

Investmentbranche freut sich über Negativzinsen

Dabei muss es für Bank- oder Sparkassenkunden keineswegs immer von Nachteil sein, Gelder, die über die Freibeträge auf negativ verzinsten Kunden hinausgehen, anderswohin umzuschichten. Es kommt eben immer auf den Einzelfall an - und darauf, wohin das Geld fließt und wie es dort um das Verhältnis von Kosten und Renditeaussichten bestellt ist.

Schließlich sind die Anlegerinnen und Anleger hierzulande traditionell allzu verliebt in nicht sehr rentable Bankprodukte und halten sich zugleich vom langfristig oft besser performenden Aktienmarkt fern. In vielen Fällen ist es also womöglich aus Anlegersicht nicht die schlechteste Idee, Geld vom negativ verzinsten Konto abzuziehen und beispielsweise in Aktienfonds umzuleiten. Nicht wenige Investmentprofis begrüßen jedenfalls bereits diesen Effekt, den die Strafzinspolitik der Banken und Sparkassen auf das Anlageverhalten in Deutschland hat.

Dennoch stellt sich die Frage: Wie fällt der Vergleich zwischen den Negativzinsen auf der einen Seite und den Kosten anderer Anlageprodukte auf der anderen Seite eigentlich tatsächlich aus?

Im Falle der Postbank ist die Rechnung einfach: Hat Max Mustermann beispielsweise 75.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto der Bank, so müsste er auf 50.000 Euro davon künftig 0,5 Prozent "Verwahrentgelt" bezahlen. Das wären bei gleichbleibender Sparsumme 250 Euro pro Jahr.

Entscheidet sich Herr Mustermann dagegen, die 50.000 Euro in das Aktionsprogramm "Postbank Kapital Invest" zu stecken, dann passiert Folgendes: Auf die eine Hälfte, also 25.000 Euro, erhält Mustermann den Festgeld-"Sonderzins" von 2 Prozent, also innerhalb der Laufzeit von sechs Monaten stattliche 250 Euro.

Die Postbank ist kein Einzelfall

Die verbleibenden 25.000 Euro dagegen fließen in "ausgewählte Investmentfonds", wobei angenommen werden kann, dass diese die branchenüblichen Kostensätze von in der Regel 5 Prozent Ausgabeaufschlag und etwa 1,5 Prozent laufenden Kosten pro Jahr mit sich bringen.

Das heißt: Unter dieser Annahme muss Mustermann bis zum Ende der sechs Monate mehr als 1400 Euro der zweiten 25.000 Euro an Kosten und Gebühren berappen - den Betrag abzüglich der 250 Euro "Sonderzins" muss der Fonds zunächst mit seiner Performance wieder einspielen, bevor von einer positiven Rendite des Investments die Rede sein kann.

Dabei ist die Postbank keineswegs ein Einzelfall, die Rechnung lässt sich verallgemeinern: Angenommen Max Mustermann hat 75.000 Euro auf einem Konto bei der Feld-Wald-und-Wiesen-Bank angespart. Nun führt die Bank - wie laut Biallo die Mehrzahl der 450 fraglichen Institute in Deutschland - ein "Verwahrentgelt" von 0,5 Prozent ein. Das entspricht exakt dem negativen Prozentsatz, den auch Banken und Sparkassen zahlen müssen, wenn sie gegenwärtig kurzfristig Gelder bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken.

Die Feld-Wald-und-Wiesen-Bank von Max Mustermann erhebt dieses Verwahrentgelt allerdings nicht auf den vollen Sparbetrag. Sie räumt ihren Kunden vielmehr - wie laut Biallo inzwischen ein Drittel aller fraglichen 450 Institute in Deutschland - einen Freibetrag von 25.000 Euro ein.

Herr Mustermann muss auf die überschießenden 50.000 Euro künftig also jährlich 0,5 Prozent Strafzinsen zahlen. Die Bank berechnet diese Zinsen zwar aufgrund möglicherweise schwankender Kontostände taggenau. Unter der beispielhaften Annahme jedoch, dass sich an Mustermanns Kontostand ein Jahr lang nichts ändert, entsteht unter dem Strich ein Betrag von 250 Euro, den der Kunde am Jahresende an die Bank zahlen muss.

So hoch sind die Kosten bei Aktienfonds

Die Frage ist nun: Wie hoch wären die Kosten, wenn Mustermann den gleichen Betrag vom Konto genommen und anderswo investiert hätte? Beispielsweise in einen Aktienfonds?

Da gibt es zwei Varianten: Auf der einen Seite die traditionellen, aktiv gemanagten Aktienfonds, die eine vergleichsweise hohe Gebührenbelastung haben, und auf der anderen Seite kostengünstige, passive Fonds, also beispielsweise Indexfonds oder ETFs.

Einer der größten Fonds der ersten, aktiv gemanagten Kategorie hierzulande ist der DWS Deutschland (WKN: 849096/ISIN: DE0008490962) von der Deutsche-Bank-Tochter DWS. Der Fonds hat ein Volumen von rund 4,5 Milliarden Euro und investiert in Aktien deutscher Unternehmen vor allem aus dem Leitindex Dax. Steckt also Max Mustermann seine 50.000 Euro in den DWS Deutschland, so fallen bereits beim Kauf 5 Prozent Ausgabeaufschlag an. 2500 Euro fließen also in den Vertriebsapparat der DWS und nicht in das Aktienportfolio des Fonds - das Geld kann Mustermann abschreiben (allerdings besteht die Möglichkeit, den Fonds beispielsweise bei einer Direktbank wie der Comdirect zum halben Ausgabeaufschlag zu erwerben, das wären dann lediglich 1250 Euro Verkaufsgebühr).

Hinzu kommen die laufenden Kosten, die beim DWS Deutschland nach Angaben des Anbieters 1,4 Prozent der Anlagesumme betragen (eine branchenübliche Größenordnung). Auf das Jahr gerechnet kassiert die DWS von Mustermanns Anlagebetrag von anfänglich 47.500 Euro also - ohne die Berücksichtigung möglicher Wertschwankungen des Fonds - noch einmal 665 Euro.

Auf lange Sicht geht es an der Börse meist aufwärts

Das heißt: Mustermanns Strafzinsen von 250 Euro stehen im ersten Jahr beim Beispiel des DWS-Fonds Kosten von schlimmstenfalls mehr als 3000 Euro gegenüber. Ein schlechtes Geschäft wie es scheint, allerdings darf bei der Kalkulation nicht außer Acht gelassen werden, dass der Fonds eine Wertentwicklung erzielen kann, und zwar im Idealfall nach oben. Angesichts haussierender Aktienmärkte hat der DWS Deutschland beispielsweise in den zurückliegenden Monaten ein Plus von rund 30 Prozent hingelegt. Aus 47.500 Euro wären demnach binnen eines Jahres 61.750 Euro geworden - abzüglich laufender Kosten von einigen hundert Euro, versteht sich.

Zwar kann ein solcher Fonds selbstverständlich am Jahresende auch im Minus landen, dann hätte sich die Sparsumme von Herrn Mustermann noch weiter dezimiert. Untersuchungen zeigen jedoch, dass Aktieninvestments, sofern sie ausreichend breit gestreut sind, über längere Zeiträume selten zu Verlusten führen.

Dennoch: Die Kostenbelastung eines aktiv gemanagten Fonds kann abschrecken. Als Alternative bieten sich Indexfonds an, bei denen auf individuelles Fondsmanagement verzichtet und stattdessen ein vorgegebener Aktienindex eins zu eins nachgebaut wird. Der Vorteil: Diese Fonds sind wesentlich kostengünstiger als die persönlich gemanagte Konkurrenz. Zwar besteht in dem Fall auch nicht die Hoffnung darauf, die Performance des vorgegebenen Index zu übertreffen. Das gelingt allerdings aus dem Lager der menschlichen Fondsmanager erfahrungsgemäß im Schnitt auch nur wenigen dauerhaft.

Häufig sind solche Indexfonds zudem wie Aktien laufend handelbar, sie werden dann ETFs genannt. Ein beliebter ETF auf den deutschen Leitindex Dax ist beispielsweise der iShares Core Dax (WKN: 593393, ISIN: DE0005933931) von iShares, einer Tochtergesellschaft des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock. Auf den Fonds wird zwar vom Anbieter ebenfalls ein Ausgabeaufschlag von 2 Prozent erhoben. Beim Handel über die Börse entfällt dieser jedoch, über Onlinebroker wie die Comdirect kann der Fonds daher problemlos ohne Ausgabeaufschlag erworben werden.

Die laufenden Kosten des iShares Core Dax-ETFs bewegen sich mit 0,16 Prozent auf die Anlagesumme im branchenüblichen Bereich und fallen damit nicht allzu schwer ins Gewicht. Bei einer Anlagesumme von Max Mustermanns 50.000 Euro würde iShares also 80 Euro im Jahr an Gebühren kassieren - immerhin weniger als die Strafzinsen, die Mustermann in unserem Beispiel an die Bank zahlen müsste.

Hinzu kommt auch in diesem Fall: Der Fonds bietet die Hoffnung auf Performance, das Konto nicht. Der iShares Core Dax beispielsweise liegt auf Sicht der vergangenen zwölf Monate gegenwärtig mit etwa 25 Prozent im Plus. Und auch in diesem Fall gilt: Verluste am Aktienmarkt sind zwar von Zeit zu Zeit beinahe unvermeidlich. Auf lange Sicht jedoch und bei richtiger Streuung, das zeigen Studien, wirft die Börse eine vergleichsweise zuverlässige Rendite ab, die auch jenseits von Null- oder Negativzinszeiten über dem Zinsniveau bei Banken und Sparkassen liegt.

Wer tatsächlich Aktien stärker in seine Geldanlage einbinden möchte, hat zudem die Möglichkeit, nicht einen großen Betrag auf einen Schlag anzulegen, sondern per Sparplan regelmäßig hinzuzukaufen. Dadurch reguliert sich der durchschnittliche Einstiegskurs - und schwache Börsenphasen werden zu günstig genutzten Kaufgelegenheiten.

Aktienfonds sind indes keineswegs die einzige Alternative zum Bankkonto. Laut Verbraucherschützer Nauhauser werden Kunden in Geldhäusern als Ausweg vor dem Negativzins auch Versicherungen, Bausparverträge oder andere Vermögensanlagen vom weniger regulierten Teil des Kapitalmarktes, dem früheren Graumarkt, angeboten. "Auch dabei fallen zum Teil erhebliche Kosten an", sagt Nauhauser. "Bei einer Einmalanlage in eine Rentenversicherung liegen allein die anfänglichen Abschluss- und Vertriebskosten beispielsweise bei rund 4 Prozent der Einzahlsumme. Hinzu kommen laufende Verwaltungskosten."

Immerhin: Die Anlagebranche ist inzwischen verpflichtet, ihre Kostensätze gegenüber dem Kunden transparent zu machen - im Kleingedruckten. Wer beispielsweise auf der Website der Postbank genau hinschaut, findet beim Angebot Kapital Invest einen Passus ungefähr der halben Schriftgröße des Haupttextes auf der Seite. Da steht: "Bitte berücksichtigen Sie, dass die erzielte Gesamtrendite aus dem Festgeldkonto und der Anlage in Investmentfonds unter Umständen nicht ausreicht, um die Inflation und das Kommissionsentgelt sowie die auf Ebene des Investmentfonds anfallenden Kosten auszugleichen."

cr
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