Freitag, 6. Dezember 2019

Geldhäuser greifen bei Privatkunden zu Negativzins breitet sich aus - teils schon ab dem ersten Euro

Menschen vor einer Sparkasse in Frankfurt: Immer mehr Kunden werden von Instituten in ganz Deutschland zur Kasse gebeten.
Frankfurter Sparkasse
Menschen vor einer Sparkasse in Frankfurt: Immer mehr Kunden werden von Instituten in ganz Deutschland zur Kasse gebeten.

Das aus Sicht von Geldanlegern unerfreuliche Zinsumfeld sorgt inzwischen seit Jahren für Debatten: Während sich Kreditnehmer über günstige Konditionen freuen können, sind für Guthaben bei Banken und Sparkassen in Deutschland bereits seit geraumer Zeit kaum noch Zinsen zu bekommen. Im Gegenteil, immer mehr Institute gehen dazu über, neben Unternehmen auch Privatkunden zur Kasse zu bitten, wenn sie deren Geld aufbewahren sollen. Die Rede ist dann vom sogenannten Negativ- oder Strafzins.

Dem jüngsten Monatsbericht der Bundesbank ist nun zu entnehmen, wie weit sich der Negativzins im Privatkundengeschäft der Geldhäuser bereits ausgebreitet hat. 23 Prozent von 220 stichprobenartig durch die Bundesbank befragten deutschen Instituten haben demnach einen "negativen volumengewichteten Durchschnittszinssatz" gemeldet. Das bedeutet laut Bundesbank, dass ein Anteil von 25 Prozent der Sichteinlagen privater Haushalte in Deutschland bereits einem negativen Durchschnittszinssatz unterliegt.

Wohl gemerkt: Die Angaben beziehen sich auf die Volumina der angelegten Gelder, nicht etwa auf die Anzahl der betroffenen Sparer. Weil Negativzinsen in den meisten Fällen erst ab Anlagesummen von beispielsweise 100.000 Euro erhoben werden, dürften vor allem vermögende und superreiche Bankkunden davon betroffen sein. Bislang jedenfalls, denn auch diese Grenze scheint allmählich zu bröckeln.

So berichtete das Finanzinformationsportal Biallo jüngst über eine Analyse von 1300 Banken und Sparkassen, die das Portal regelmäßig durchführe. Gegenwärtig kassieren bereits rund 140 der beobachteten Institute Negativzinsen, so Biallo. Beinahe 50 der Finanzhäuser täten dies auch im Privatkundenbereich. Und erste Adressen greifen der Untersuchung zufolge bereits ab dem ersten Euro bei ihren Privatkunden zu.

Zu Letzteren zählt offenbar auch die Volksbank Raiffeisenbank Fürstenfeldbruck im Westen Münchens. Die Bank erhebt seit dem 1. Oktober 2019 ein Entgelt von 0,5 Prozent auf neu eröffnete Tagesgeldkonten, wie in dieser Woche bekannt wurde. Vorstand Robert Fedinger begründete die Entscheidung laut Nachrichtenagentur dpa mit den Strafzinsen in Höhe von 0,5 Prozent, die Geschäftsbanken im Euroraum zahlen, wenn sie Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken.

Zudem schließen sich inzwischen auch Deutschlands prominenteste Adressen dem Trend zu Negativzinsen an. Die Commerzbank Börsen-Chart zeigen beispielsweise gab vor wenigen Tagen bekannt, nun auch Minuszinsen für Privatkunden einführen zu wollen. "Wir fangen jetzt mit Kunden mit hohen Einlagen an", sagte Finanzchef Stephan Engels in einer Telefonkonferenz anlässlich der Veröffentlichung von Geschäftsergebnissen der Bank Anfang November. Engels ließ offen, ab welcher Einlagenhöhe Strafzinsen gelten sollen. Einfache Sparer würden jedoch weiter verschont.

Bereits Ende Oktober hatte zudem Deutsche-Bank-Finanzvorstand James von Moltke in einem Interview gesagt, auch sein Institut ziehe inzwischen die Einführung von Negativzinsen für Privatkunden in Erwägung.

Den schwarzen Peter für die Situation schiebt auch Bayerns Sparkassenpräsident Ulrich Netzer der EZB zu. Die Zentralbank betreibt seit geraumer Zeit eine extreme Niedrigzinspolitik und verlangt von Banken ebenfalls Minuszinsen, wenn diese Geld bei ihr parken wollen. Diesen Negativzins hatte die EZB erst vor Kurzem von minus 0,4 auf minus 0,5 sogar noch gesenkt.

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Die Sparkassen befinden sich damit nach Netzers Worten in der gleichen unerfreulichen Lage wie ihre Kunden: "Und damit geht's uns wie dem Sparer, da sind wir im gleichen Boot", so Netzer gegenüber der dpa. "Das ist unser Grundproblem."

Das Problem ist laut Netzer, dass Kunden viel Geld auf Termingelder und Girokonten liegen lassen, weil sie keine Alternative sehen. "Es gibt etliche Girokonten - im Geschäftsbereich sowieso, aber auch bei Privatkunden -, auf denen mehrere Hunderttausend Euro liegen", sagt der Verbandschef. Die Kunden hätten dasselbe Problem wie die Sparkassen. "Weil sie keine Anlage mit vernünftiger Rendite zu aus ihrer Sicht vertretbarem Risiko finden, lassen sie es auf dem Girokonto."

Aber müssen die Institute dafür tatsächlich Strafzinsen nehmen? Sascha Straub von der Verbraucherzentrale Bayern kritisiert diese Praxis. "Letztendlich zahlt der Kunde die Negativzinsen der EZB", sagt er.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Auch der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) sieht Sparer als "die Leidtragenden der Negativzinsen". Ob und in welchem Umfang Banken Verwahrentgelte oder Negativzinsen erheben, sei die Entscheidung der einzelnen Institute. Immer mehr von ihnen kommen bei dieser Entscheidung offenbar zum gleichen unschönen Ergebnis.

Anm. d. Red.: In dem Text hieß es ursprünglich, die Angaben aus dem Bundesbankbericht ließen darauf schließen, dass ein Viertel der privaten Einlagen bei Banken und Sparkassen bereits einem negativen Zins unterlägen. Diese Passage haben wir entfernt, weil sie durch die Aussagen der Bundesbank zum "negativen volumengewichteten Durchschnittszinssatz" nicht gedeckt erscheint.

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