Auktionatorin Cheyenne Westphal "Die Kunstgeschichte hat sich erweitert"

Das Werk "Untitled" von Jean-Michel Basquiat wurde am Mittwoch in New York für 85 Millionen Dollar verkauft. 2022 könnte insgesamt ein Rekordjahr für den Auktionsmarkt werden, sagt Cheyenne Westphal, Global Chairwoman beim Versteigerer Phillips. Neue Ultrareiche und Krypto-Multimillionäre verändern die Künstler-Rangliste.

Die Deutsche Cheyenne Westphal ist Global Chairwoman beim Auktionshaus Phillips, der Nummer drei des Kunstmarkts hinter Sotheby’s und Christies. Als langjährige Verantwortliche für Nachkriegs- und Gegenwartskunst bei Sotheby’s hat sie den Aufstieg dieses Kunstmarktsegments mitgeprägt, das inzwischen für mehr als die Hälfte des gesamten Auktionsumsatzes mit Kunst steht. Beim Gespräch in ihrem Büro am Londoner Berkeley Square stellt sie einen Auktionsmarkt-Rekord für 2022 in Aussicht. Sie spricht außerdem über den raketengleichen Aufstieg der Street-Art-Heroen Jean-Michel Basquiat und Banksy, über das Phänomen der Non-fungible Token (NFTs) und die russischen Eigentümer des Auktionshauses.

manager magazin: Frau Westphal, war 2021 am Kunstmarkt das Jahr der Erholung nach dem Corona-Crash?

Cheyenne Westphal: Das ist richtig. 2021 war wirklich ein unglaubliches Jahr für uns. Das war das beste Jahr in der Geschichte von Phillips. Wir hatten schon seit vielen Jahren das Ziel, beim Auktionsumsatz die Milliardengrenze zu erreichen - und das ist dann wirklich 2021 passiert. Wir haben 1,2 Milliarden Umsatz gemacht und das war ein Anstieg von 32 Prozent auf das Jahr 2019. Wir zählen das Jahr 2020 nicht voll, weil damals wegen der Corona-Pandemie Auktionen gestrichen worden waren.

Das bedeutet, dass Phillips Marktanteile gewonnen hat. Denn die Analyse von 700 Auktionsäusern durch den mm-Kunstindex von Ökonom Roman Kräussl zeigt, dass der Auktionsumsatz insgesamt nur um gut 24 Prozent zugelegt hat. Der Kunstmarkt hat den Einbruch um 39 Prozent von 2021 noch nicht wieder aufgeholt.

Soweit wir das recherchieren können, waren wir 2021 das am stärksten wachsende von allen Auktionshäusern. Das ist natürlich prozentual gemeint.

In absoluten Zahlen ist Phillips inzwischen klar die Nummer drei hinter Sotheby’s und Christie’s. Insgesamt stagniert der Markt seit fast 15 Jahren. 2008 gab es knapp neun Milliarden Dollar Auktionsumsatz. 2021 dann gut neun Milliarden, dazwischen dreimal richtige Umsatzeinbrüche: 2009, 2016 bis 2020. Das klingt ja nach einem schwierigen Geschäft, oder?

Es war relativ stabil die ganzen Jahre über. Und deswegen haben wir uns auch so gefreut, dass es vergangenes Jahr eigentlich richtig losging. Das hat natürlich eine Menge Gründe und die können wir gerne durchgehen.

Wagen Sie zuvor einen Tipp für den Gesamtmarkt? Wie lange wird es dauern, bis der dann von jetzt gut neun Milliarden wieder auf die fast 11 Milliarden von 2019 kommt? Schon dieses Jahr, oder braucht es länger?

Wie es aussieht, könnte das alles dieses Jahr passieren. Wir sind uns natürlich bewusst, was in der Welt passiert. Aber die kleineren Auktionen, die wir 2022 schon hatten, waren hervorragend. Vor allem bereiten wir uns jetzt auf die wichtigste Auktionssaison vor, die wir je hatten. Bei Phillips haben wir als Spitzenlos einen Jean-Michel Basquiat für 70 Millionen Dollar. Es ist das teuerste Bild ist, das wir bislang bei Phillips versteigert haben. Und dann sehe ich natürlich auch, was die Konkurrenz macht und weiß, dass die wirklich auch eine sehr, sehr starke Saison haben werden.

Der bisherige Umsatzrekord des Kunstmarkts von mehr als 12 Milliarden Dollar stammt aus dem Jahr 2015. Gibt es sogar die Chance, dass wir vielleicht einen neuen Rekord sehen 2022?

2015 war ein unglaubliches Jahr. Was ich jetzt schon weiß ist, dass die Saison sehr stark wird. Und wenn sich das im Herbst fortsetzt, dann kann es schon sein, dass wir wieder auf dem Level von 2015 oder vielleicht sogar darüber sind.

Kommen wir nun zu den Preisen für das Spitzensegment: Da errechnet Roman Kräussl für den Kunst-Index 26 Prozent Plus für 2021. Was deutet sich 2022 bei den Preisen an?

Es ist möglich, dass 2022 wieder ein starkes Jahr wird, aber dafür muss es auch eine tolle November-Saison geben. Und weitere Super-Saisons in Asien. Das ist wichtig. Es ist noch recht früh, aber bislang hat sich alles, was wir zur Auktion haben bringen können, wirklich sehr gut verkauft. Die Verkaufsquoten betrugen zum Teil mehr als 90 Prozent.

Das ist bemerkenswert, denn Auktionen zeigen im langfristigen Durchschnitt eine Rückgänger-Quote ("Buy in") von rund 30 Prozent. Schon 2021 waren es nur rund 20 Prozent, bei Ihnen jetzt noch weniger. Lassen Sie uns zurückschauen auf die vergangenen Jahre, seit der Finanzkrise – und einen Ausblick auf die kommende Dekade wagen. Die Preise seit der Finanzkrise sind für die Top 50 der umsatzstärksten Künstler um den Faktor 2,5 gestiegen. Bei Aktien und Gold hat man allerdings eine Verfünffachung seit der Finanzkrise gesehen. Wie hat der Börsenboom den Kunstmarkt geprägt?

Was wir in den letzten zwei Jahren erlebt haben ist, dass sehr viele Leute sehr viel Geld verdient haben. Auch viele Hedgefonds. Deren Gründer und Mitarbeiter sind natürlich auch wichtige Kunden von uns und zögern dann auch nicht, wenn es ein tolles Bild gibt, das ein ikonisches Werk für die Sammlung sein könnte. Es ist viel Geld im Markt, und Kunden schrecken auch vor Top-Objekten nicht zurück. Wir können derzeit sehr viele Top-Objekte pro Saison anbieten.

"Es ist sehr viel Geld im Markt. Wir können derzeit sehr viele Top-Objekte anbieten."

Die Zeit des billigen Geldes geht jetzt wohl zu Ende. Wir haben wohl auch nicht mehr diese Wachstumsraten in der Wirtschaft. Die Stagflation mit hoher Inflation und niedrigem Wachstum gilt für viele mittlerweile als Hauptszenario. Was sagen Ihre Kunden dazu? Kaufen die jetzt eher verhaltener oder haben sie jetzt noch mehr Interesse an Kunst?

Bislang ist das Interesse weiterhin sehr stark und das geht eigentlich durch alle Bereiche der Kunst durch. Also von der ganz jungen Kunst, die natürlich sehr angesagt ist im Moment, zu den Klassikern des Kunstmarkts, ob es jetzt Basquiat oder Andy Warhol oder Gerhard Richter ist. Dabei hilft uns, dass der Kunstmarkt sich seit 2019 unglaublich verbreitert hat.

Was meinen Sie damit?

Wir haben seit dem Ausbruch der Pandemie unsere digitalen Angebote stark erweitert. Wir hatten bei Phillips letztes Jahr allein 44.000 neue Konten, die eingerichtet wurden. Das sind alles neue Sammler, die dabei sein wollen. Es kommen sehr viele neue Leute in den Markt, die in den 30ern und 40ern sind, die ihren eigenen Geschmack mitbringen. Und dadurch verändert sich auch das, was wir anbieten. Durch diese Vergrößerung des Marktes haben wir das Gefühl, das unser Geschäft 2022 weiterhin wachsen wird. Viele Kunden kommen aus Asien, dort ist das Wachstum am stärksten. Zuletzt haben wir 36 Prozent aller angebotenen Lose an asiatische Kunden verkauft, in New York, London und Hongkong.

"Der Kunstmarkt hat sich unglaublich verbreitert"

Sind die hohe Inflation und die wirtschaftliche Unsicherheit Gesprächsthemen, wenn Sie sich mit Sammlern unterhalten?

Bislang war das noch kein Thema. Ich habe die Krise der 1970er Jahre nicht miterlebt im Geschäft, wohl aber die Krise der 1990er Jahre. Anfang der 90er Jahre waren die Zinsen unglaublich hoch, hier in England zumindest. (Anm. der Redaktion: 1992 erhöhte die Bank of England den Leitzins zeitweise auf 12 Prozent.) Der Kunstmarkt hat wahnsinnig lang gelitten.

1990 war die Spekulationsblase in Japan geplatzt. Mit dem Geld aus den übertrieben hoch gewerteten Aktien- und Immobilienmärkten hatten japanische Sammler auch viel Kunst gekauft. Von dem Japan-Crash hat der Kunstmarkt sich lange erholen müssen.

Genau. In den ersten neun Jahren, in denen ich gearbeitet habe, waren die Auktionen wirklich klein.

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