Investieren mit Künstlicher Intelligenz Investor Computer liest mit

Kaum ein Geschäft eignet sich so für die Nutzung Künstlicher Intelligenz wie die Geldanlage. Inzwischen lesen Computer schon Geschäftsberichte - Unternehmen wie Anleger stellen sich darauf ein.
Anstrengende Lektüre: Im Investmentgeschäft kursieren unzählige Informationen - da können Computer im Vorteil sein

Anstrengende Lektüre: Im Investmentgeschäft kursieren unzählige Informationen - da können Computer im Vorteil sein

Foto: REUTERS

Anlagebeträge, Kursentwicklungen, Unternehmensgewinne und -umsätze und vieles mehr - kaum ein Geschäft ist so zahlenlastig wie die Geldanlage - und kaum eins eignet sich daher so sehr für den Einsatz von Computern und kluger Software, um die Erfolgschancen zu erhöhen.

Tatsächlich haben Rechnerleistung und Künstliche Intelligenz bereits in vielen Bereichen des Investmentgeschäfts Einzug gehalten. Professionelle Investmenthäuser wie vor allem Hedgefonds beispielsweise steigern seit Jahren den Aufwand, den sie im Bereich der Quant-Investments betreiben. Dabei werden die Investitionsentscheidungen weitgehend Computerprogrammen überlassen, die zu dem Zweck Unmengen an Informationen verarbeiten, Muster erkennen und Trends sowie vor allem Trendumkehrpunkte identifizieren. Weil diese Programme zunächst geschrieben werden müssen, zählen Mathematiker zu den gefragtesten Leuten in der Finanzbranche. Welche Bedeutung solche Quant-Investments für die Profis inzwischen haben, wurde bereits 2017 klar, als der Anteil der von Quant-Fonds an der US-Börse investierten Mittel erstmals jenen herkömmlicher Hedgefonds überstieg.

Eng verwandt mit Quant- oder Algo-Investmentkonzepten ist zudem das Hochfrequenzhandeln. Die Idee ist die gleiche: Wo der Mensch fehlbar und zögerlich agiert, trifft der Computer klare Entscheidungen in viel größerer Geschwindigkeit (auch, weil ihm die erforderlichen Informationen deutlich schneller zur Verfügung stehen). Um diesen Wettlauf auf die Spitze zu treiben, suchen spezialisierte Investmenthäuser Orte für ihre Computer, die sich in möglichst geringer Entfernung zu den Rechnern und Servern der jeweiligen Börse befinden - jede Millisekunde zählt. Erst kürzlich berichtete das "Wall Street Journal " von einem neuen Kabeltyp, den Investmenthäuser bei der Verdrahtung ihrer EDV zum Einsatz bringen, und durch den die Informationsübermittlung der Zeitung zufolge um Milliardstelsekunden beschleunigt werden soll.

Aber auch der Privatanleger von nebenan kann längst KI-Software einsetzen, wenn er seine Investments tätigt. Robo-Advisor lautet dann das Stichwort: Bei Offerten wie von Scalable, Quirion, VTB Invest oder Growney machen Investoren zunächst Angaben zu ihrer Finanzsituation, ihrem Anlagehorizont, ihrer Risikoneigung und ähnlich für die Geldanlage relevantem. Die dahinterliegende Software dreht diese Informationen dann durch ihre Algorithmen und wirft einen Anlagevorschlag aus, der in der Regel aus einem Strauß an Indexfonds besteht, die eine angemessene Streuung und Renditechance mit sich bringen sollen. Auch den Erwerb der fraglichen Wertpapiere sowie die weitere Verwaltung übernimmt in der Regel der Computer für den Anleger.

Computer lesen Geschäftsberichte

Wie weit der Einsatz der Künstlichen Intelligenz in der Investmentwelt inzwischen geht, zeigt zudem eine Studie, die kürzlich in den USA veröffentlicht wurde. Demnach setzen Finanzhäuser Computer bereits massiv ein, um Geschäftsberichte von Unternehmen zu lesen, in die womöglich investiert werden soll. Nicht weniger als 165 Millionen Mal haben darauf spezialisierte Programme binnen eines Jahres in die Berichte geschaut, die von der US-Börsenaufsicht SEC veröffentlicht werden, so die Untersuchung, über die kürzlich auch die "Zeit " berichtete.

Der Hintergrund ist der gleiche, der eingangs bereits geschildert wurde: Im Kern handelt es sich bei Geschäftsberichten um gigantische Zahlenwerke - und wer könnte besser damit umgehen, als ein Computerprogramm. Wobei die KI allerdings bereits deutlich weiter ist: Die Unternehmensdokumente werden nicht nur auf Umsatz- und Gewinnentwicklungen durchforstet, sondern auch auf bestimmte Schlüsselbegriffe, die beispielsweise Rückschlüsse auf die Situation einer Firma oder den Optimismus oder Pessimismus des Managements zulassen.

Vor allem letzteres hat der Studie zufolge auf Unternehmensseite bereits eine Reaktion ausgelöst: Firmen gestalten ihre Geschäftsberichte inzwischen gezielt so, dass sie von Computern gut gelesen werden können, so die Studie. Zudem formulieren sie in einer Sprache, die bei den künstlichen Lesern gut ankommt. Harmlos erscheinende Vokabel wie "vielleicht" oder "könnte" sollten dabei beispielsweise eher vermieden werden - sie werden als Zeichen mangelnden Selbstbewusstseins interpretiert, wie die "Zeit" bemerkt.  

Bleibt die Frage, was das alles bringt? Verbessert der Einsatz von Computern und KI tatsächlich die Renditeaussichten eines Investors? Eine einfache Antwort darauf kann es naturgemäß nicht geben, allein schon, weil es unlauter wäre, in diesem Zusammenhang beispielsweise einen Quant-Hedgefonds von der Wall Street mit einem Feld-Wald-Und Wiesen-Robo-Advisor für Privatleute zu vergleichen. Fest steht allerdings, dass es noch keinen klaren Beleg dafür gibt, dass Software in jedem Fall das bessere Anlageergebnis bringt als der Mensch. Dieser Wettkampf wird also noch eine Weile weiter ausgetragen.

cr
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