Wie Kevin Kühnert und Friedrich Merz zusammenpassen Reden wir über Mitarbeiterbeteiligung!

Von Stephan Grabmeier
Von Stephan Grabmeier
Friedrich Merz (links), Kevin Kühnert

Friedrich Merz (links), Kevin Kühnert

Foto: DPA, Getty Images

Als das böse S-Wort fiel, gab es kein Halten mehr. Es war kurz vor der Europawahl, als der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert in einem Interview mit der "Zeit" seinen Wunsch nach einem neuen Sozialismus und der Kollektivierung von Unternehmen verkündete. Die darauf folgende Aufregung suchte ihresgleichen: "Was hat der geraucht?", schrieben die einen. "Das ist ein Aufruf zum Verfassungsbruch", die anderen.

Stephan Grabmeier
Foto: Kienbaum

Stephan Grabmeier sorgt als Chief Innovation Officer bei Kienbaum dafür, dass neue Services, Produkte und Geschäftsmodelle in die Welt kommen. Zudem betreut er die Start-up-Beteiligungen des Unternehmens. Seine Business Rebellen Talks sowie weitere Artikel zu Innovation und New Work sind auf seinem Blog www.stephangrabmeier.de  zu finden.

Mir persönlich hat das Interview eine gewisse Freude bereitet - nicht etwa, weil ich Kühnerts Verstaatlichungsideen teile, sondern weil es die Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Thema gelenkt hat, das für mich die Zukunft von echtem "New Work" sein kann: die Beteiligung von Mitarbeitern am Unternehmen.

Nur 16 Prozent aller Deutschen besitzen Aktien

Es ist eine überfällige Debatte, die derzeit nicht nur von Juso-Chef Kühnert, sondern auch vom Hoffnungsträger des CDU-Wirtschaftsflügels, Friedrich Merz, angestoßen wird. So spricht sich Merz, der sicherlich aller Sympathien für den Sozialismus unverdächtig ist, "für mehr Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand" aus und bemängelt, dass man Angestellte zu wenig an den Erfolgen ihrer Firmen beteilige.

Merz geht es dabei um die Frage, warum es so wenige börsennotierte Aktiengesellschaften in Deutschland gibt, die mehrheitlich deutschen Anteilseignern gehören. Tatsächlich besitzen gerade einmal 16,2 Prozent aller Deutschen - gut zehn Millionen Menschen - überhaupt Anteilscheine an Unternehmen, wie die "Wirtschaftswoche" kürzlich vorrechnete.

Vor allem Belegschaftsaktionäre seien selten: Gerade einmal 1,3 Millionen Angestellte, die nur rund 700 Aktiengesellschaften arbeiten, haben Anteilsscheine ihres Arbeitgebers in ihren Depots. Bei den rund 3200 Mittelständlern, die als GmbHs oder Personengesellschaften firmieren, sind es 1,2 Millionen Teilhaber. Macht summa summarum 2,5 Millionen Betriebskapitalisten in knapp zwei Prozent aller deutschen Firmen.

Ein Gegenmodell zum Kapitalismus

Ich finde diese Diskussion äußerst wichtig. Mir geht allerdings die oben diskutierte Frage nicht weit genug, denn tatsächlich gibt es noch mehr Möglichkeiten von Mitarbeiterbeteiligung, die auch Unternehmen umsetzen können, die keine Anteilscheine ausgeben können oder wollen.

Ich möchte Sie kurz in die Vergangenheit mitnehmen, um Ihnen zu erklären, was ich meine: Es war im Jahr 1999, also lange vor der Xing-New-Work-Marketingmaschine und der Berliner Hipster-Bewegung, als ein Mann namens Fritjof Bergmann den Plan fasste, sein neues Konzept von Erwerbsarbeit aus den USA nach Europa und Deutschland zu bringen: New Work. Sein Ziel: Neue Zentren der Arbeit als ein Gegenmodell zum Kapitalismus zu entwickeln.

Merken Sie etwas? Hier schlagen wir ganz dezent einen Bogen zu Juso-Chef Kühnert, auch wenn Bergmann etwas ganz anderes im Sinne hatte. Ihm ging es in erster Linie darum, Unternehmen zu einem besseren und nachhaltigeren Wirtschaften zu erziehen, und den Mitarbeitern Selbstständigkeit und Freiheit sowie die Möglichkeit zu einem kreativeren Arbeiten und der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit zu schenken.

Nur wenige Vorbilder

Heute, fast zwanzig Jahre später, muss man nach diesen vorbildlichen Unternehmen, von denen Bergmann geträumt hat, mit der Lupe suchen. Dennoch, es gibt sie, und sie werden sukzessive mehr, die sogenannten "Purpose Unternehmen", also Firmen, denen es nicht um die größtmögliche Rendite geht und die ihre Mitarbeiter ganz im Sinne Bergmanns in das Geschehen einbeziehen. Damit sind aber ausdrücklich nicht die Unternehmen gemeint, die ihre Büros als Vitra- oder Bene-Showrooms mit Tischkicker und oberflächlicher Sneaker-Uniformierung verkleidet haben. Es sind unter anderem junge Start-ups wie der Berliner Kondom-Hersteller Einhorn, dessen Chef Waldemar Zeiler beschlossen hat, seinen Mitarbeitern nicht jeden Schritt vorzuschreiben, sondern sie stattdessen arbeiten zu lassen, wo und wann sie Lust haben - und der sie zusätzlich auch noch ihr Gehalt selbst bestimmen lässt. Klingt verrückt? Der wirtschaftliche Erfolg beweist, dass es funktioniert.

Vor wenigen Monaten ging Zeiler sogar noch einen Schritt weiter: Er und sein Co-Gründer Philip Siefer beschlossen, eine sogenannte self-owned Company zu werden, also ein Unternehmen, das nicht mehr verkauft werden kann, weil Anteile nur noch intern und nicht an externe Investoren weitergegeben werden dürfen.

Oder Ecosia, eines meiner Lieblingsbeispiele für ein digitales Social Business: Der Gründer Christian Knoll der ebenfalls in Berlin ansässigen Suchmaschine, die einen Teil ihrer Einahmen von Beginn an in Aufforstungsprojekte steckte, hat seine Firma im vergangenen Jahr weitgehend an eine Schweizer Stiftung abgetreten und so sichergestellt, dass das Unternehmen niemals verkauft werden kann oder Profite abgeschöpft werden können. Gewinne dürfen nur noch in den Unternehmenszweck, das Pflanzen von Bäumen auf der ganzen Welt, reinvestiert werden. Mit jedem Klick sollen die Nutzer nicht einen mächtigen Tech-Giganten aus dem Silicon Valley füttern, sondern etwas gegen unseren Klimawandel tun.

Beschäftigte müssen stärker vom Unternehmenswachstum profitieren

Vorbild für diese Art von Unternehmen, die ihre Gewinne wieder in das Unternehmen stecken, anstatt sie an Investoren auszuschütten, sind Menschen wie Muhammad Yunus. Der indische Wirtschaftswissenschaftler, auch Banker of the Poor genannt, gilt als einer der Begründer des Social-Business-Konzepts und hat für seine Idee, Menschen in Entwicklungsländern Mikrokredite zur Verfügung zu stellen, damit sie sich ein eigenes kleines Unternehmen aufbauen können, 2006 den Friedensnobelpreis erhalten.

Die Idee des Social Business ist alles andere als neu - und geht auf einen Deutschen zurück: Es war Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888), der bereits im 19. Jahrhundert mit dem Genossenschaftsprinzip eine Unternehmensform forderte, die auf Werteorientierung und demokratische Entscheidungsprozesse setzen sollte, und bei der Solidarität und Hilfe zur Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung an vorderster Stelle stehen sollte.

Heute gibt es allein in Deutschland mehr als 7600 Genossenschaften, mehr als 20 Millionen Bundesbürger sind genossenschaftlich organisiert - und das in fast jedem Wirtschaftszweig: in der Wohnungs- und Energiebranche sowie in der Landwirtschaft, im Handwerk, im Handel, im Dienstleistungs- und Kreditgewerbe oder im Sozial-, Kultur- und Sportbereich.

Ich bin überzeugt: Wenn die Beschäftigten stärker vom Unternehmenswachstum profitieren würden, hätten sie grundsätzlich auch mehr Verständnis für unsere Wirtschaftsordnung und wir müssten manche ritualisierte Gerechtigkeitsdebatte nicht mehr führen. Wir erleben ja zurzeit am Niedergang der SPD, dass die Politik mit diesem Thema nicht mehr punkten kann, obwohl viele im Land das Gefühl haben, sich trotz viel Arbeit Träume wie ein eigenes Häuschen nicht mehr leisten zu können. Die Menschen wollen Lösungen, kein ewiges Lamentieren - und zwar in Politik und Wirtschaft.

Ende der Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen

Genauso würde sich die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen erledigen, da jeder vom Eigentum am gemeinsamen Unternehmen und somit vom Gewinn profitiert, aber auch mögliche Verluste mitträgt. Wenn wir durch die zunehmende Digitalisierung eine höhere Produktivität erreichen und Arbeit wegfällt, ist das kein Problem. Es bleibt dann mehr Zeit für die Dinge, um es mit den Worten Fritjof Bergmanns zu sagen, die wir wirklich, wirklich tun wollen.

Angetrieben durch die Generation Greta oder den YouTube-Aktvisten Rezo sind wir mitten in einem Wandel, den die Volksparteien und auch viele Unternehmen verschlafen haben: mehr Gemeinsinn und Solidarität statt Ego-Trips von gierigen Managern, mehr Nachhaltigkeit statt mehr Konsum, weniger Besitz, stattdessen mehr Nutzen.

Unterm Strich: mehr Sozialismus UND mehr Kapitalismus. Wenn sogar der BDI als amtliche Stimme der deutschen Wirtschaft nach mehr GRÜN statt GroKo dürstet, ist es Zeit für mehr Merz UND mehr Kühnert in der Politik. Es besteht die historische Chance, echtes "New Work" und somit besseres Wirtschaften zu gestalten. Wir sollten diese Chance jetzt nutzen und aus den Diskussionen und den wenigen, aber guten Beispielen mehr machen.

Stephan Grabmeier ist Chief Innovation Officer bei Kienbaum und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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