Mittwoch, 20. November 2019

Wie Kevin Kühnert und Friedrich Merz zusammenpassen Reden wir über Mitarbeiterbeteiligung!

Friedrich Merz (links), Kevin Kühnert
DPA, Getty Images
Friedrich Merz (links), Kevin Kühnert

Als das böse S-Wort fiel, gab es kein Halten mehr. Es war kurz vor der Europawahl, als der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert in einem Interview mit der "Zeit" seinen Wunsch nach einem neuen Sozialismus und der Kollektivierung von Unternehmen verkündete. Die darauf folgende Aufregung suchte ihresgleichen: "Was hat der geraucht?", schrieben die einen. "Das ist ein Aufruf zum Verfassungsbruch", die anderen.

Stephan Grabmeier
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    Kienbaum
    Stephan Grabmeier sorgt als Chief Innovation Officer bei Kienbaum dafür, dass neue Services, Produkte und Geschäftsmodelle in die Welt kommen. Zudem betreut er die Start-up-Beteiligungen des Unternehmens. Seine Business Rebellen Talks sowie weitere Artikel zu Innovation und New Work sind auf seinem Blog www.stephangrabmeier.de zu finden.

Mir persönlich hat das Interview eine gewisse Freude bereitet - nicht etwa, weil ich Kühnerts Verstaatlichungsideen teile, sondern weil es die Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Thema gelenkt hat, das für mich die Zukunft von echtem "New Work" sein kann: die Beteiligung von Mitarbeitern am Unternehmen.

Nur 16 Prozent aller Deutschen besitzen Aktien

Es ist eine überfällige Debatte, die derzeit nicht nur von Juso-Chef Kühnert, sondern auch vom Hoffnungsträger des CDU-Wirtschaftsflügels, Friedrich Merz, angestoßen wird. So spricht sich Merz, der sicherlich aller Sympathien für den Sozialismus unverdächtig ist, "für mehr Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand" aus und bemängelt, dass man Angestellte zu wenig an den Erfolgen ihrer Firmen beteilige.

Merz geht es dabei um die Frage, warum es so wenige börsennotierte Aktiengesellschaften in Deutschland gibt, die mehrheitlich deutschen Anteilseignern gehören. Tatsächlich besitzen gerade einmal 16,2 Prozent aller Deutschen - gut zehn Millionen Menschen - überhaupt Anteilscheine an Unternehmen, wie die "Wirtschaftswoche" kürzlich vorrechnete.

Vor allem Belegschaftsaktionäre seien selten: Gerade einmal 1,3 Millionen Angestellte, die nur rund 700 Aktiengesellschaften arbeiten, haben Anteilsscheine ihres Arbeitgebers in ihren Depots. Bei den rund 3200 Mittelständlern, die als GmbHs oder Personengesellschaften firmieren, sind es 1,2 Millionen Teilhaber. Macht summa summarum 2,5 Millionen Betriebskapitalisten in knapp zwei Prozent aller deutschen Firmen.

Ein Gegenmodell zum Kapitalismus

Ich finde diese Diskussion äußerst wichtig. Mir geht allerdings die oben diskutierte Frage nicht weit genug, denn tatsächlich gibt es noch mehr Möglichkeiten von Mitarbeiterbeteiligung, die auch Unternehmen umsetzen können, die keine Anteilscheine ausgeben können oder wollen.

Ich möchte Sie kurz in die Vergangenheit mitnehmen, um Ihnen zu erklären, was ich meine: Es war im Jahr 1999, also lange vor der Xing-New-Work-Marketingmaschine und der Berliner Hipster-Bewegung, als ein Mann namens Fritjof Bergmann den Plan fasste, sein neues Konzept von Erwerbsarbeit aus den USA nach Europa und Deutschland zu bringen: New Work. Sein Ziel: Neue Zentren der Arbeit als ein Gegenmodell zum Kapitalismus zu entwickeln.

Merken Sie etwas? Hier schlagen wir ganz dezent einen Bogen zu Juso-Chef Kühnert, auch wenn Bergmann etwas ganz anderes im Sinne hatte. Ihm ging es in erster Linie darum, Unternehmen zu einem besseren und nachhaltigeren Wirtschaften zu erziehen, und den Mitarbeitern Selbstständigkeit und Freiheit sowie die Möglichkeit zu einem kreativeren Arbeiten und der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit zu schenken.

Nur wenige Vorbilder

Heute, fast zwanzig Jahre später, muss man nach diesen vorbildlichen Unternehmen, von denen Bergmann geträumt hat, mit der Lupe suchen. Dennoch, es gibt sie, und sie werden sukzessive mehr, die sogenannten "Purpose Unternehmen", also Firmen, denen es nicht um die größtmögliche Rendite geht und die ihre Mitarbeiter ganz im Sinne Bergmanns in das Geschehen einbeziehen. Damit sind aber ausdrücklich nicht die Unternehmen gemeint, die ihre Büros als Vitra- oder Bene-Showrooms mit Tischkicker und oberflächlicher Sneaker-Uniformierung verkleidet haben. Es sind unter anderem junge Start-ups wie der Berliner Kondom-Hersteller Einhorn, dessen Chef Waldemar Zeiler beschlossen hat, seinen Mitarbeitern nicht jeden Schritt vorzuschreiben, sondern sie stattdessen arbeiten zu lassen, wo und wann sie Lust haben - und der sie zusätzlich auch noch ihr Gehalt selbst bestimmen lässt. Klingt verrückt? Der wirtschaftliche Erfolg beweist, dass es funktioniert.

Vor wenigen Monaten ging Zeiler sogar noch einen Schritt weiter: Er und sein Co-Gründer Philip Siefer beschlossen, eine sogenannte self-owned Company zu werden, also ein Unternehmen, das nicht mehr verkauft werden kann, weil Anteile nur noch intern und nicht an externe Investoren weitergegeben werden dürfen.

Oder Ecosia, eines meiner Lieblingsbeispiele für ein digitales Social Business: Der Gründer Christian Knoll der ebenfalls in Berlin ansässigen Suchmaschine, die einen Teil ihrer Einahmen von Beginn an in Aufforstungsprojekte steckte, hat seine Firma im vergangenen Jahr weitgehend an eine Schweizer Stiftung abgetreten und so sichergestellt, dass das Unternehmen niemals verkauft werden kann oder Profite abgeschöpft werden können. Gewinne dürfen nur noch in den Unternehmenszweck, das Pflanzen von Bäumen auf der ganzen Welt, reinvestiert werden. Mit jedem Klick sollen die Nutzer nicht einen mächtigen Tech-Giganten aus dem Silicon Valley füttern, sondern etwas gegen unseren Klimawandel tun.

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