Fondsmanager Jan Beckers "Für Fintech steht ein goldenes Jahrzehnt an"

Jan Beckers ist einer der erfolgreichsten deutschen Start-up-Investoren. Über seine Fondsgesellschaft Bit Capital investiert er nun in Techaktien. Hier erklärt der Wahlberliner seine Anlagestrategie und worauf er besonders achtet.
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Jonas Friedrich

Bereits während seines BWL-Studiums in Münster hat der Investor und Selfmademillionär Jan Beckers (38) erste Unternehmen gegründet, bevor es ihn 2007 in das damals aufstrebende Digital-Berlin zog. Nach den ersten kleineren Gigs begann Beckers, selbst Inkubatoren aufzubauen – also Brutkästen für Start-ups einer bestimmten Branche. Los ging es mit Hitfox für Onlinewerbung und Gaming, es folgte Finleap für Fintechs, und schließlich gründete er Heartbeat Labs für den Gesundheitssektor. Beckers hat mehr als zwanzig Start-ups mitaufgebaut – er ist eine Schlüsselfigur der digitalen Deutschland AG. 

Heute konzentriert sich Beckers auf seine Assetmanagementfirma Bit Capital, deren Gründer und Chief Investment Officer er ist. Mit einem 18-köpfigen Team verwaltet er mehr als eine Milliarde Euro über mehrere Fonds, die sich auf die Digitalindustrie fokussieren. Im Interview spricht er über seine Anlagestrategien und erklärt, worauf er bei den Techaktien achtet, in die er heute sein Geld investiert.

manager magazin: Herr Beckers, Sie haben Ihr erstes Geld komplett zurück in die Digitalbranche investiert. Warum?

Jan Beckers: Ich war mir sicher, dass sich das auszahlen wird und habe nie die Scheinsicherheit von langweiligen Staatsanleihen oder Immobilien gesucht. Investieren ist seit meiner Jugend eine Leidenschaft, und die Wagniskapitalknappheit damals war eine große Chance. Mein bestes Investment aus der Krise um 2008/2009 war Clio.com. Es hat sich bis jetzt mehr als verfünfhundertfacht.

Als Unternehmer haben Sie drei Inkubatoren aufgesetzt. Die große Zeit dieser Idee scheint aber vorbei. Gibt es überhaupt noch Segmente, wo Inkubatoren sinnvoll sind?

Auf jeden Fall, aber immer nur, wenn eine Branche in ihrer Digitalisierung oder einer anderen technologischen Entwicklung noch ganz am Anfang steht. Da kann ein Inkubator besonders stark mit Ressourcen helfen. In einem ausgereiften Ökosystem verringert sich der Wert zunehmend. Dann ergibt es Sinn, das Wissen des Teams in einem anderen Geschäftsfeld zu nutzen, beispielsweise als Finanzinvestor mit einem Fokus auf eine bestimmte Branche.

Beim Inkubator Heartbeat Labs hat die Beteiligung Synbionik  gerade Insolvenz angemeldet. Im internen Investorenbericht hieß es, aufgrund der Pandemie und der Marktlage würde Heartbeat keine neuen Start-ups mehr aufbauen. Ist das Projekt gescheitert?

Sieben von zehn Start-ups scheitern innerhalb der ersten fünf Jahre. Die Quote von Heartbeats Labs wird wahrscheinlich deutlich besser ausfallen. Mit Fernarzt gab es den ersten Exit. Betriebsarztservice und Kinderheldin haben gute Geschäftsmodelle, die sich zuletzt sehr positiv entwickelt haben. Besonders stolz sind wir auf Heal Capital, das auch aus Heartbeat Labs hervorgegangen und heute mit 100 Millionen Euro Volumen ein in Europa führender Investmentfonds für digitale Gesundheit ist.

Heute halten Sie noch Anteile an den Inkubatoren, aber Ihre Zeit stecken Sie in Ihren Aktienfondsgesellschaft Bit Capital. Warum der Wechsel?

Ich habe schon als Jugendlicher meine Eltern überzeugt, mein Führerscheingeld in Aktien investieren zu dürfen. Mit Bit Capital habe ich nun die Möglichkeit, meine Fähigkeiten voll einzubringen. Einerseits als Gründer, der wieder ein Unternehmen aufbaut, das dieses Mal aber nicht an einem Verkauf orientiert ist. Andererseits bei der Auswahl der Aktien, in die wir investieren. Das ist die mit Abstand größte Mission meiner Unternehmerkarriere.

Ihren Führerschein haben Sie aber trotzdem noch bezahlen können?

Ja! Einen Führerschein habe ich, aber kein Auto. Wenn ich mir einmal eines kaufen sollte, dann wird es ein cooles deutsches Elektroauto.

Hilft Ihr Netzwerk aus der Start-up-Szene  im Fondsgeschäft noch?

Dominik Richter, den Gründer des Kochboxenversenders Hellofresh, kenne ich zum Beispiel noch aus meiner Zeit beim Medium "Gründerszene". Dominik hat in meine Fonds investiert, ich bin Investmentberater seines Spacs. Ich arbeite generell gern mit vertrauten Menschen, denen ich etwas zutraue – mit einer Mischung aus geschäftlichen und privaten Kriterien. Es gibt langjährige Wegbegleiter wie Ramin Niroumand oder Hendrik Krawinkel, die Finleap mitgegründet und damit Firmen wie die Solarisbank oder den Versicherungsmanager Clark aufgebaut haben. Das Netzwerk ist besonders dann wertvoll, wenn es um Erfahrungsaustausch geht.

Zuletzt haben Sie einen kleinen Fonds namens Bit Global Fintech Leaders aufgelegt, der weltweit in Aktien von Finanztechnologieunternehmen investiert. Wieso gerade der Bereich?

Er hat zuletzt am stärksten für unsere Fonds performt. Für Fintech steht ein goldenes Jahrzehnt an. Während Banken und Versicherungen ihren ewigen Kampf mit der alten IT fortführen werden, wird das Vertrauen der Verbraucher in Fintech wachsen. Wir erleben derzeit einen Boom der digitalen Broker und Neobanken. Andere Bereiche werden folgen: Kryptonetzwerke werden eine weitere fundamentale Veränderungswelle auslösen. Gleichzeitig haben die meisten klassischen Investmentmanager diese Bereiche noch nicht verstanden und tun sich daher schwer, die Gewinner zu identifizieren.

Welche Anlagestrategie verfolgen Sie mit Ihren Fonds?

Wir investieren weltweit in die besten technologiegetriebenen Unternehmen. Jedem dieser Unternehmen trauen wir zu, den Wert in den nächsten Jahren zu vervielfachen. Wir investieren immer dort, wo wir sektorspezifische Expertise aufbringen und Entwicklungen besser verstehen und einschätzen können als andere. Für die Investmententscheidungen nutzen wir neben den üblichen Analysen selbstentwickelte Softwaretools und Daten. Das können Auswertungen von Google Trends sein oder Bezahldaten, die wir hinzukaufen. Unsere Herangehensweise hat bisher in all unseren Fonds dazu geführt, dass wir passive Indizes oder ETFs in der Performance weit hinter uns gelassen haben.

Woran erkennen Sie die Gewinner? Auf welche Erfolgsindikatoren achten Sie bei der Aktienauswahl besonders?

Die meisten Gewinner haben ein visionäres und missionsgetriebenes Management, das geradezu fanatisch determiniert ist, den Sektor zu prägen, den Wettbewerb zu dominieren und überproportional zu wachsen. Das Ergebnis sind meist hervorragende Produkte, zufriedene Kunden und eine langfristig orientierte Unternehmensausrichtung.

Haben Sie da ein Beispiel?

Ja, Sea Limited  etwa. Als Spielehersteller in Südostasien gestartet, wurden die Gewinne in den E-Commerce-Zweig reinvestiert. In kurzer Zeit ist Sea in diesem Bereich zum führenden Anbieter in Südostasien geworden und hat Alibaba überholt. Die Marktposition im E-Commerce nutzt das Management nun, um den Fintech-Markt aufzurollen.

In Deutschland wird inzwischen fast jedes Start-up vehement abgefeiert. Eigentlich ganz schön, aber es verdeckt den Blick darauf, dass in Deutschland, gemessen an der Größe seiner Volkswirtschaft, eigentlich viel zu wenig passiert. Kommen wir jetzt in eine neue Phase?

Neu sind globale Champions wie Delivery Hero  oder Hellofresh. Berlin ist derzeit zudem ein wichtiger Fintech- und Krypto-Standort. Hieraus kann eine gewaltige neue Welle entstehen – vorausgesetzt, dass die europäische Regulierung dies nicht im Keim erstickt.

Jemand hat Sie mir so beschrieben: Geld sei Ihnen nicht wichtig, Sie hätten kein Auto, würden seit sieben Jahren in derselben Zweizimmerwohnung leben und bekämen bei Ihren Investments auch keine Angst, wenn es mal länger dauert. Es heißt, Sie wären genauso glücklich, selbst wenn Sie Ihr Geld verlieren würden. Ist das nicht übertrieben?

Zumindest stimmt es, dass ich schon vor meiner ersten Million sehr glücklich war. Aber dass ich mit Bit Capital und den Gründungen viel Geld für meine Co-Investoren und mich verdient habe, freut mich – und ich gehe davon aus, dass dies auch so in Zukunft bleibt.