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Neues Modell: Privatinvestoren finanzieren TV-Serie

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa

TV-Geschäft Ex-Nestlé-Chef lässt Iris Berben überfallen

Im Film- und TV-Geschäft haben sich Kapitalanleger jahrelang eine blutige Nase geholt. Inzwischen gibt es neue Beteiligungsangebote, etwa per Genussrecht. Ein Schweizer Studio wirbt zudem mit besonderem Risikomanagement - namhafte private Finanziers haben bereits Millionen investiert.

Hamburg - Eine deutsche Ministerin wird auf einer Hochzeitsfeier in den Alpen als Geisel genommen - und Peter Brabeck-Letmathe, früherer Nestlé-Chef und heutiger Verwaltungsratspräsident des Lebensmittelriesen, finanziert das Ganze? Wo gibt es denn sowas?

Natürlich nur bei Film und Fernsehen: Die Ministerin ist fiktiv, die Geiselnahme ebenfalls - aber Brabeck-Letmathe keineswegs. Die Attacke auf die Dame aus dem Bundeskabinett mitsamt 50-köpfiger Entourage ist Kern des Plots einer TV-Serie, die das frisch gegründete Schweizer Studio European Star Cinema derzeit produziert. Und der Nestlé-Manager hat genau wie eine Handvoll weiterer vermögender Privatleute eine Menge Geld in die Hand genommen, um das zu ermöglichen.

An der Stelle dürften viele Kapitalanleger hierzulande bereits zusammenzucken. Denn die Finanzierung von Film- und Fernsehprojekten durch Privatleute hat in Deutschland eine unschöne Tradition. Vor Jahren versenkten Anleger Milliardenbeträge in geschlossenen Film- und Medienfonds. Insgesamt 14 Milliarden Euro von privaten Investoren flossen seit 1997 bis Anfang der 2000er Jahre in diese Beteiligungen, hat der langjährige Branchenbeobachter Stefan Loipfinger einmal ermittelt.

Die Anbieter der Fonds versprachen Hollywood-Glamour und dicke Renditen. Was tatsächlich herauskam, waren jedoch meist bestenfalls mickrige Ausschüttungen und jahrelanger Ärger mit dem Finanzamt, das steuerliche Vorteile der Investments nicht anerkennen wollte.

Schweizer Studio grenzt sich ab

Trotz allem wird bis heute am hiesigen Kapitalmarkt mitunter bei privaten Anlegern für Filminvestments geworben. Die Münchener Firma Screenvest etwa, deren jüngster Streifen "Schatzritter" mit Schauspielerin Alexandra Neldel vor einigen Monaten in den Kinos lief, bietet Anlegern, die mindestens 200.000 Euro investieren können, Genussrechte an. "Die Anlagen sind mit den Rechten an den produzierten Filmen besichert", erläutert Screenvest-Chef Sven Clement gegenüber manager magazin online. "So besteht zwar das in diesem Geschäft übliche Filmrisiko, aber fast kein Unternehmensrisiko wie bei herkömmlichen Genussrechten."

Ein weiterer Vorteil laut Clement: Das Geld wird bei den Investoren erst abgerufen, nachdem ein Projekt ausgewählt und eine Produktion beschlossen wurde. "So vermeiden wir, dass unnötig Liquidität aufgebaut wird", sagt der Produzent.

Clement ist eigenen Angaben zufolge bereits seit zwölf Jahren im Filmgeschäft tätig. Er hat zwar vor Jahren auch einen der berüchtigten Filmfonds aufgelegt. Produziert wurde mit den Anlegergeldern seinerzeit jedoch beispielsweise der Hollywood-Erfolg "L. A. Crash" mit Sandra Bullock und Matt Dillon. Der Streifen erhielt 2006 sechs "Oscar"-Nominierungen und wurde dreimal mit der begehrten Trophäe ausgezeichnet, darunter auch als "Bester Film" des Jahres. Dem Fonds bescherte das nach Angaben des Screenvest-Chefs überdurchschnittliche Ergebnisse.

European Star Cinema (ESC) dagegen sieht eine klare Grenze zwischen sich und der deutschen Filmfonds-Vergangenheit. "Wir haben in der Schweiz bessere Ausgangsvoraussetzungen", sagt Produzent Philipp Rapold zu manager magazin online. "Privatinvestoren waren hierzulande nicht sehr aktiv in dem Genre und haben kaum schlechte Erfahrungen gemacht."

Berben wird überfallen, Brandauer ermittelt

Damit sich daran auch künftig nichts ändert, verfolgen Rapold und sein Kompagnon Alex Martin ein spezielles System zur Risikosteuerung sowie zur Verbesserung der Kosteneffizienz bei TV-Produktionen. Bei ihrem Debütprojekt, der ersten, 13-teiligen Staffel der TV-Serie "Capelli Code" rund um die Geiselnahme in den Alpen, kommt es zurzeit zum Einsatz.

Zwei Elemente bilden laut Rapold den Kern dieses Konzepts: die Multicast-Produktion und die komplette "Prävisualisierung" der gesamten Serienherstellung. "Multicast bedeutet, dass eine Fernsehserie mit geringem Aufwand und ohne Qualitätseinbußen für mehrere Länder individualisiert wird", erläutert der ESC-Chef. "Das geschieht, indem die Handlung in Teilen auf die einzelnen Länder zugeschnitten wird und jeweils Länder-eigene Stars zum Einsatz kommen."

Beim "Capelli Code" heißt das: Der Kern des Plots sowie der wichtigste Ort der Handlung - eine Gletscherkirche, in der die Geiselnahme stattfindet - sind in allen Länderversionen identisch. Ausschließlich in der deutschen Fassung jedoch wird eine Bundesministerin aus Berlin in den Alpen überfallen. Im französischen Fernsehen dagegen wird es eine französische sein, im spanischen eine spanische und im italienischen eine italienische.

Hinzu kommt: Für das deutschsprachige Publikum sowie vermutlich mehrere weitere europäische Fassungen der Serie wird Weltstar Klaus Maria Brandauer den Part des Ermittlers Capelli übernehmen. Neben ihm sind auch Schauspielerin Iris Berben als Innenministerin sowie Peter Lohmeyer ("Das Wunder von Bern") und Heike Makatsch im Gespräch - diese drei aber eben nur hierzulande. Für Frankreich, Spanien, Großbritannien oder Italien dagegen werden Darsteller engagiert, die in diesen Ländern populär sind.

Minutiöse Drehplanung

"Wir vermeiden einerseits, alles mehrfach zu drehen, und müssen andererseits nicht Schauspieler synchronisieren, die in vielen Nationen kaum bekannt sein dürften", sagt ESC-Chef Rapold. "Auf diese Weise halten wir die Produktionskosten im Verhältnis zu den erwartbaren Erlösen sehr niedrig."

Und nicht nur so. Noch vor dem ersten Drehtag wird jede der insgesamt geplanten drei Staffeln des "Capelli Code" komplett durchgeplant, inklusive sämtlicher Kameraeinstellungen, Schnitte und ähnlichem. Auch diese minutiöse "Prävisualisierung" trägt laut Rapold dazu bei, die Kosten zu drücken.

Vorteile soll das vor allem für die Geldgeber haben. Zusammen mit vier weiteren vermögenden Finanziers, darunter auch der bekannte Schweizer Architekt und Unternehmer Matthias Eckenstein, hat Nestlé-Verwaltungsratspräsident Brabeck-Letmathe 4,5 Millionen Schweizer Franken (rund 3,7 Millionen Euro) in die erste Staffel des "Capelli Code" gesteckt. Die Besonderheit: Mit ihrem Geld stemmen die fünf Privatinvestoren lediglich die Vorproduktion. Die restlichen 85 Prozent der insgesamt benötigten 30 Millionen Schweizer Franken fließen laut Rapold nach Sicherstellung entsprechender Presales-Verträge und dienen dann einer reinen Zwischenfinanzierung.

Neuer Filmfonds geplant

"So reduziert sich das Risiko der Geldgeber auf 15 Prozent der gesamten Produktionskosten", sagt Rapold. "Auf der anderen Seite erhalten sie bei Erfolg 100 Prozent ihrer Einlage zurück und von allen Erlösen, die die Produktionskosten von 30 Millionen Schweizer Franken übersteigen, weitere 30 Prozent."

Sollte das Konzept aufgehen, können sich Brabeck-Letmathe und seine Co-Produzenten also über erkleckliche Rückflüsse freuen. ESC-Chef Rapold wäre dann zudem einen Schritt weiter auf dem Weg zu seinem längerfristigen Ziel. "Derzeit nehmen wir Einzelinvestoren mit Beteiligungen von 500.000 Euro und mehr auf", sagt er. "Später wollen wir jedoch die Projekte multiplizieren sowie die Höhe der Beteiligungen reduzieren, um damit mehr Anleger ansprechen zu können."

Das Vehikel, mit dem Rapold das erreichen will, dürfte vielen Anlegern hierzulande wiederum bekannt vorkommen: Er will irgendwann in Zukunft einen Filmfonds auflegen.

Fotostrecke: Die Stars des "Capelli"-Projektes im Überblick

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