Montag, 9. Dezember 2019

Börsenprofi Carsten Klude erklärt Investoren aufgepasst - so bremst 2019 die Weltwirtschaft ab

2. Teil: Weniger wirtschaftliche Dynamik in Euroland

Eurozone: Politische Risiken schlagen durch

Die wirtschaftliche Dynamik in den 19 Ländern der Eurozone hat deutlich nachgelassen. Zwar wird das Wirtschaftswachstum im Jahr 2018 noch bei 1,9 Prozent liegen, doch rechnen wir für das nächste Jahr mit einer Abschwächung auf nur noch 1,3 Prozent. Dabei sind die konjunkturellen Risiken immens. So hat sich die Dynamik der Exporte, von denen die Wirtschaft in der Eurozone stark abhängt, bereits deutlich abgeschwächt. Aber auch von der Binnennachfrage gingen weniger Konjunkturimpulse aus als ursprünglich erwartet.

Als besonderer Belastungsfaktor erweist sich zudem der Brexit, da die Austrittsverhandlungen Großbritanniens aus der EU bisher mehr als chaotisch verlaufen sind. Ob der von der britischen Premierministerin Theresa May mit der EU ausgehandelte Vertrag im britischen Parlament eine Mehrheit findet, ist derzeit völlig offen. Nun zeigt sich, dass die britischen Politiker, die sich für den Brexit stark gemacht haben, die Komplexität des Austritts völlig unterschätzt haben. Wie befürchtet, erweisen sich die Erwartungen, die im Vorfeld der Brexit-Entscheidung im Vereinigten Königreich geschürt worden sind, als unrealistisch. Ein ungeordneter Austritt Großbritanniens aus der EU könnte das Land im nächsten Jahr in eine Rezession stürzen, da das Land keine besonderen Handelsbeziehungen zur EU mehr hätte.

Große Sorgen muss man sich auch um Italien machen. Der Konfrontationskurs der populistischen Regierung in Rom mit den EU-Partnern schürt die Sorge vor einer neuen Schuldenkrise. Dass Italien die Eurozone verlässt und zu einer eigenen Währung zurückkehrt, halten wir jedoch für sehr unwahrscheinlich. Denn ähnlich wie damals in Griechenland haben die Bürger zwar eine eurokritische Regierung gewählt, die Mehrheit der Bevölkerung möchte aber dennoch den Euro als Zahlungsmittel behalten.

Deutschland: Unter die Räder gekommen

Die deutsche Wirtschaft hat in diesem Jahr unerwartet deutlich an Fahrt verloren. Im dritten Quartal sorgte der Einbruch der Automobilproduktion sogar für eine rückläufige Wirtschaftsentwicklung - das erste Mal seit Anfang 2015. Die Probleme bei der Umstellung auf das neue Abgasmessverfahren WLTP führten dazu, dass die deutsche Automobilfertigung in den Monaten August und September um rund ein Viertel niedriger war als im Vorjahr. Die Lieferschwierigkeiten führten zudem zu einem Rückgang der Exporte und wirkten sich negativ auf den privaten Verbrauch aus.

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Für 2019 rechnen wir mit einem noch geringeren Wirtschaftswachstum in Deutschland von 1,4 Prozent. So wird sich die konjunkturelle Abschwächung in den USA, China und bei den europäischen Nachbarn bremsend auf die Exporte und die Investitionstätigkeit der Unternehmen auswirken. 2018 haben die deutschen Ausfuhren nach China und in die USA deutlich zugenommen, doch in den letzten Monaten sind die Auftragseingänge aus dem Ausland kontinuierlich gesunken. Von daher wird sich die Exportdynamik abschwächen.

So erwarten wir, dass die Exporte im nächsten Jahr um 1,7 Prozent wachsen (2018: 2,2 Prozent). Der Konsum in Deutschland könnte dagegen 2019 mit 1,4 Prozent etwas stärker als in diesem Jahr (1,2 Prozent) wachsen, vorausgesetzt der derzeitige Rückgang des Ölpreises erweist sich als nachhaltig. In diesem Fall wird die Inflationsrate von 1,9 auf durchschnittlich 1,6 Prozent im nächsten Jahr sinken, wovon die Ausgabenspielräume der Privathaushalte profitieren. Mit 10,7 Prozent im dritten Quartal 2018 war das "Angstsparen" der Deutschen fast so ausgeprägt wie während der Krise 2008/2009. Die finanzielle Situation insgesamt kann aber als sehr komfortabel beschrieben werden. Das Potenzial für zukünftig wieder kräftiger zunehmende Konsumausgaben ist vorhanden.

Während der IWF für nächstes Jahr ein unverändertes globales Wachstum von 3,7 Prozent erwartet, rechnen wir nur mit einem Zuwachs von 3,4 Prozent. Dies liegt vor allem daran, dass sich die Konjunktur in den Industrieländern deutlich abkühlen wird. Der Brexit und die Trump-Wahl fordern einen späten Tribut.

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