Digitalisierung, Zinswende und Populismus rütteln die Märkte durch Investieren in Zeiten der Revolution

Von Huw van Steenis
Notenbank im Nebel: Geldschwemme eindämmen, dem populistischen Aufstand gegen die Globalisierung begegnen - und nicht zuletzt die Digitalisierung meistern

Notenbank im Nebel: Geldschwemme eindämmen, dem populistischen Aufstand gegen die Globalisierung begegnen - und nicht zuletzt die Digitalisierung meistern

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Wir leben in revolutionären Zeiten. Die Folgen von technologischer Umwälzung, "Quantitative Tightening" - also der Umkehr der Quantitative-Easing-Maßnahmen der Notenbanken - und von populistischem Widerstand gegen die Globalisierung sind für Anleger die gegenwärtig wichtigsten grundlegenden Themen. Vor dem Hintergrund, dass viele Märkte nahe an Allzeithochständen notieren und die Weltwirtschaft so synchron wächst wie noch nie in diesem Jahrzehnt, stehen langfristige Trends dabei ebenso im Fokus wie zyklische. Wie diese drei Entwicklungen weiter voranschreiten, wird weitreichende Folgen für Anleger und die politisch Verantwortlichen haben.

Huw van Steenis
Foto: Schroders

Huw van Steenis ist Global Head of Strategy beim Vermögensverwalter Schroders und gehört der Arbeitsgruppe Disruption Innovation in Financial Services des Weltwirtschaftsforums an.

Lenin hat einmal gesagt: "Es gibt Jahrzehnte, in denen nichts passiert; und es gibt Wochen, in denen Jahrzehnte passieren." Diesen Eindruck hat man auch bei der technologischen Revolution. Der Konkurs von Toys R Us, die Übernahme von Whole Foods durch Amazon  und Chinas Verbot der Börseneinführung von Cyberwährungen haben uns das Tempo des technologischen Wandels erneut vor Augen geführt.

Drei entscheidende Einflussfaktoren für die Wirtschaft

Geldanlage ist allerdings ein Marathon und kein Sprint. In den letzten zehn Jahren hat sich der Marktwert von Amazon verzehnfacht, der von Google  mehr als verdreifacht. Der Wert von Sears ist dagegen um mehr als 90 Prozent gefallen und der von Staples  hat sich halbiert.

Da überrascht es kaum, dass von uns gemessenen Einschätzungen zufolge die Hälfte der Anleger davon ausgeht, dass sich die technologische Umwälzung in den kommenden zehn Jahren am stärksten auf ihre Portfolios auswirken wird - noch vor "Quantitative Tightening" mit 32 Prozent, das jedoch als vordringlichstes Thema der nächsten zwölf Monate gilt. Die Folgen des Populismus wurden an dritter Stelle genannt.

Infolge der technologischen Umwälzung verändern sich die Margen und Erträge der Unternehmen beeindruckend schnell. In einigen Wirtschaftszweigen - etwa in der Musikindustrie, der Werbebranche und im Buchhandel - sind diese Veränderungen bereits weit vorangeschritten, während sich andere Bereiche noch in einem viel früheren Stadium befinden. Welches Unternehmen das nächste Amazon  sein wird, ist derzeit die beherrschende Frage.

Interessant ist, dass der Finanzdienstleistungsbereich nicht sonderlich beeinträchtigt worden ist - zumindest bisher. Fintech hat zwar zu spürbar besseren Kundendienstleistungen und zu einem drastischen Kostenrückgang im Zahlungsverkehr geführt, bisher aber nur wenige Branchenführer von ihrem Platz verdrängt. Financiers und Politiker erkennen aber allmählich die Risiken der technologischen Umwälzung, die unter anderem davon ausgehen, dass Anbieter von außerhalb des Bankensektors den Rahm abschöpfen, und sie beobachten mit wachsender Besorgnis den Boom beim Bitcoin.

Notenbanken müssen die Geldflut eindämmen

"Quantitative Tightening" ist das zweite Phänomen, mit dem Anleger zurechtkommen müssen. In der Geschichte der Notenbanken gibt es wenige so dramatische Interventionen wie die Bilanzausweitung durch die Europäische Zentralbank (EZB) und die japanische Notenbank (BoJ) zur Stützung der heimischen Wirtschaft.

Die Bilanzsummen der EZB und der BoJ betragen inzwischen 80 Prozent beziehungsweise 130 Prozent des BIP der Eurozone beziehungsweise Japans, und sie liegen damit deutlich vor der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Die 2 Billionen US-Dollar, welche die EZB und die BoJ in diesem Jahr in die Wirtschaft gepumpt haben, treiben die Preise von Vermögenswerten in die Höhe und dämpfen die Volatilität.

Als Datenbank dient uns die Geschichte. Aber wir haben keinen Präzedenzfall, bei dem ähnlich viel Geld gedruckt wurde, um zu beurteilen, wie sich der Verkauf von Anleihen mit negativen Renditen im Wert von 10 Billionen US-Dollar durch die Notenbanken auswirken wird. Alle Notenbanker tasten sich hier durch den Nebel. Deshalb überrascht es nicht, dass bei den Anlegern weiter Unklarheit über das Tempo in Bezug auf Zinserhöhungen besteht.

Wachsende Zweifel am Vorgehen der Zentralbanken

Hinter den Kulissen nehmen die Zweifel an der Vorgehensweise der Notenbanken zu. Die entschlossenen Maßnahmen der Notenbanken trugen maßgeblich zur Stützung der Wirtschaft und zur Beschäftigungssicherung bei, als keine anderen Mittel zur Verfügung standen. Doch die Argumente für extrem niedrige Leitzinsen der britischen Notenbank oder der EZB sind schon lange nicht mehr stichhaltig.

Zudem wurden durch Quantitative Easing Ungleichheiten verstärkt; denn die Vermögen der Wohlhabenden sind im Wert kräftig gestiegen, während die Lohnentwicklung stagnierte. Die volkswirtschaftlichen Folgen hiervon nehmen in den Überlegungen der Notenbanken inzwischen wesentlich breiteren Raum ein und liefern gute Argumente für eine Überprüfung der extrem niedrigen Leitzinsen.

Wer steht bei Zinserhöhungen auf der Gewinner- und wer auf der Verliererseite? Was könnten unterschiedliche Szenarien für Portfolios bedeuten? Über diese Fragen diskutieren Anleger nicht so intensiv, wie sie sollten. Zum Beispiel geben höhere Zinssätze den Banken Rückenwind, wobei die USA vorangehen. Viele mag es jedoch überraschen, dass das Kreditwachstum in der Eurozone inzwischen so stark ist wie bei den US-Banken. Dies könnte den Kreditinstituten in der Eurozone helfen, ihr verlorenes Jahrzehnt allmählich hinter sich zu lassen.

Die populistische Gefahr

Was Quantitative Tightening für Aktien im Vergleich zu Anleihen bedeutet, ist eine weitere unbeantwortete Frage. Wenige Anleger hatten erwartet, dass die Kurse sowohl von Aktien als auch von Anleihen in diesem Jahr kräftig anziehen würden. Bemerkenswerterweise wollen 87 Prozent der von uns befragten Investoren den Risikogehalt ihrer Aktienportfolios erhöhen.

Wie sich der populistische Aufstand gegen die Globalisierung manifestiert, ist das dritte Phänomen, mit dem sich Industrie- und Schwellenländer auseinandersetzen müssen.

Lange konnten Anleger im Westen politische Risiken ignorieren und sich auf die Aussichten für bestimmte Sektoren oder Unternehmen konzentrieren. Viele hoffen darauf, zu diesem früheren Normalzustand zurückkehren zu können. Im Januar sagte ich, westliche Anleger könnten davon lernen, wie man in den Schwellenländern investiert. Inmitten von Populismus braucht es dort eine klare Fokussierung auf volkswirtschaftliche Aspekte, Wechselkursschwankungen, sich ändernde langfristige Wachstumserwartungen und länderspezifische Risikofaktoren.

Aber die Frage, wie sich der Populismus in den westlichen Ländern, die sich mehr mit sich selbst beschäftigen, über die Handelspolitik auf die Schwellenländer auswirken könnte, gewinnt an Bedeutung. 2017 war bisher ein gutes Jahr für die lange Zeit wenig beliebten Schwellenländer. Ihre Erholung gewinnt an Breite, da auch Brasilien und Russland aus der Rezession herauskommen. In den nächsten Jahren ist das Wechselspiel zwischen zyklischen Aufschwungphasen und den hier beschriebenen langfristigen Entwicklungen entscheidend.

Alle Revolutionen sind nur Fantasiegebilde, bis sie Realität werden. Wir alle müssen das richtige Tempo finden, um durch diese Revolutionen hindurch zu investieren.

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