Vorteile steigender Preise Die Inflation kommt - na und?!

Steigende Inflationsraten lassen an den Finanzmärkten und bei Konsumenten die Alarmglocken klingeln. Aber warum eigentlich? Preissteigerungen haben im Aufschwung viele Vorteile - solange sie nicht aus dem Ruder laufen.
Zahlen, bitte: Viele Menschen fürchten sich vor steigenden Preisen, doch die haben durchaus einen volkswirtschaftlichen Nutzen

Zahlen, bitte: Viele Menschen fürchten sich vor steigenden Preisen, doch die haben durchaus einen volkswirtschaftlichen Nutzen

Foto: Eric Gaillard / REUTERS

Das gefürchtete I-Wort geistert wieder durch die Welt: Inflation. Die jüngsten Statistiken zeigten bereits ein leichtes Ansteigen des allgemeinen Preisniveaus in Deutschland. Und der Kapitalmarkt sendet Warnzeichen, dass das erst der Anfang sein könnte: Die Zinsen vieler Anleihen - etwa deutsche, US-amerikanische sowie britische Staatspapiere - sind in letzter Zeit gestiegen. Investoren befürchten offenbar, dass die erwartete Konjunkturerholung nach der Corona-Krise mit einem weiteren Anstieg der Inflationsraten einhergehen wird, der auch zu höheren Zinsen führen dürfte.

Hintergrund sind milliardenschwere Konjunkturpakete weltweit. Die USA etwa bringen gerade ein gigantisches Hilfspaket im Volumen von 1,9 Billionen Dollar auf den Weg, um ihre Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. In kleinerer Dimension finden sich solche Staatshilfen auch in vielen anderen Staaten. Und ein Blick ins volkswirtschaftliche Lehrbuch zeigt: Erholt sich die Wirtschaft und steigt zugleich die Menge an umlaufenden Geldern, so ist die Inflation womöglich nicht weit.

Viele Menschen verbinden mit einem Anstieg der Inflation vor allem negative Erwartungen: Waren und Dienstleistungen werden teurer, Konsumenten können sich weniger leisten, im schlimmsten Fall gerät die Preisspirale gar außer Kontrolle, dann droht die galoppierende oder Hyperinflation. Weimar lässt grüßen: Um der Staatsverschuldung Herr zu werden und den Verpflichtungen aus dem Ersten Weltkrieg nachkommen zu können, wurde in Deutschland 1923 infolge der Wirtschaftskrise die Notenpresse angeworfen. Folge: Die Inflation explodierte.

Ein solches Extremszenario muss aber selbstverständlich nicht eintreten - im Gegenteil: Es ist die Ausnahme, und der Politik sowie vor allem den Notenbanken stehen einige Instrumente zur Verfügung, um die Inflation im Zaum zu halten. Als probates Mittel gilt gemeinhin die Erhöhung der Zinsen, wodurch zusätzliche Kreditaufnahme eingedämmt und mit dem Sparen zugleich eine Alternative zum Konsumieren geschaffen wird.

Moderate Inflation durchaus gewünscht

Allerdings gilt eine moderate Teuerung im Rahmen eines wirtschaftlichen Aufschwungs auch aus Sicht der Zinswächter als durchaus wünschenswert. Nicht durch Zufall beträgt schließlich das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) 2 Prozent und nicht etwa 0 Prozent. Denn Preissteigerungen in diesem überschaubaren Rahmen haben Vorteile.

So hilft eine moderate Inflation dabei, dass sich die Preise verschiedener Güter im Aufschwung im erforderlichen Ausmaß untereinander anpassen: manche Preise steigen schneller, andere langsamer. Das ist insbesondere innerhalb der Eurozone ein sensibles Thema, denn die kriselnden Staaten im Süden haben teilweise bereits ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit verloren. Helfen würde ihnen, wenn in starken Volkswirtschaften – also vor allem in Deutschland – die Preise schneller steigen würden. Selbst die Bundesbank plädiert deshalb schon länger für kräftigere Lohnabschlüsse hierzulande.

Zudem kann eine in Maßen geduldete Inflation als zusätzlicher Motor für den Aufschwung wirken. Unternehmen, die höhere Preise durchsetzen können, gewinnen Spielraum für Investitionen, die die Produktivität verbessern. Da die Löhne meist erst mit Verzögerung steigen, kann die Beschäftigung zunehmen. In den keynesianisch geprägten 1970er Jahren wurde daraus die Faustregel abgeleitet, es gebe eine Wahlmöglichkeit zwischen Inflation und Beschäftigung. Legendär wurde der Ausspruch des späteren Bundeskanzlers Helmut Schmidt, der verkündete, er sehe "lieber 5 Prozent Inflation als 5 Prozent Arbeitslosigkeit".

Gut für Schuldner, schlecht für Gläubiger

Besondere Auswirkungen hat Inflation auch auf das Kreditgewerbe. Dabei gilt grundsätzlich: Höhere Preissteigerungsraten, die in den Zinsen noch nicht berücksichtigt sind, helfen Schuldnern und benachteiligen Gläubiger. Denn ein nominell feststehender Kreditbetrag schrumpft bei sinkendem Geldwert im Laufe der Zeit real auf wundersame Weise zusammen. Wenn in einem inflationären Umfeld die Einkommen steigen, können sich nicht nur all diejenigen freuen, die in letzter Zeit ein Darlehen etwa für einen Haus- oder Wohnungskauf aufgenommen haben, im Idealfall mit möglichst langer Zinsbindung. Auch der Staat als notorischer Großschuldner gehört zu den Profiteuren (Auch an der Stelle lohnt der Rückblick auf den Extremfall in der Weimarer Republik, als per Hyperinflation die deutschen Kriegsschulden praktisch komplett eliminiert wurden).

Steigen die Inflationsraten, so steigen zudem in der Regel auch die Zinsen. Sparer müssen davon zwar nicht profitieren, denn entscheidend ist für sie am Ende der reale Geldwert, und der steigt – zumindest theoretisch – im Inflationsumfeld durch die Verzinsung nicht unbedingt an. Allerdings ist die statistisch gemessene Inflationsrate nur das eine, das andere ist die Teuerung, die jeder Mensch persönlich erlebt. Diese hängt beispielsweise von seinem Konsumverhalten ab und fällt letztlich bei jedem anders aus. Daraus folgt: Wer wenig Geld ausgibt, und das auch vor allem für Dinge, deren Preise nicht so stark steigen, und zugleich viel Geld gut verzinst auf die hohe Kante legt, kann in diesem Szenario finanziell durchaus profitieren (abgesehen davon gibt es für Anleger auch inflationsgeschützte Anleihen, mit denen sich Erspartes vor der Geldentwertung bewahren lässt).

Eine Branche, der höhere Zinsen in jedem Fall zugutekommen, sind indes die Lebensversicherer. Sie haben in früheren Zeiten Policen mit nominellen Zinsversprechen verkauft und befinden sich daher angesichts seit Jahren niedriger Marktzinsen zunehmend in Bedrängnis. Ein Anstieg des Zinsniveaus würde die Assekuranz aus dieser Notlage befreien.

Schließlich, wer sich vor der Inflation fürchtet, sollte nicht vergessen, welch fatale Folgen das Gegenteil davon haben kann: die Deflation. Sinkende Preise gelten unter Ökonomen als brandgefährlich, denn sie können einen Kreislauf aus Konsumzurückhaltung, sinkenden Unternehmensumsätzen und fallenden Löhnen in Gang setzen, der nur schwer zu stoppen sein kann. Am Ende werden auch Schuldner durch ihre Verpflichtungen erdrückt, es gibt Pleiten und weiter fallende Preise – auch das war in der Weltwirtschaftskrise zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts bereits zu beobachten.

Da sind Preissteigerungen von um die 2 Prozent doch das deutlich geringere Übel.

cr, cs
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