Öl- und Gaswetten Wie Hedgefonds mit fossiler Energie Millionen machen

Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Klimakampf? Nein, danke. Viele Hedgefonds erzielten in den vergangenen Monaten ansehnliche Erträge, indem sie in einigen der schmutzigsten Ecken der Weltwirtschaft investierten.
Ölförderung von Exxon Mobil in Niedersachsen: Öl- und Gasaktien brachten Hedgefonds in den vergangenen Monaten dicke Erträge

Ölförderung von Exxon Mobil in Niedersachsen: Öl- und Gasaktien brachten Hedgefonds in den vergangenen Monaten dicke Erträge

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Hedgefonds-Milliardär Chris Hohn (55) wäre vermutlich gerne ein leuchtendes Vorbild für seine Branche. Als Gründer der Investmentgesellschaft The Children's Investment Fund Management (TCI), deren Erträge zum großen Teil Kindern zugutekommen, die in Armut leben, ist Hohn eine Art Gutmensch des Finanzgeschäfts. In diesen Tagen wendete sich der aktivistische Investor mit einem Schreiben  an die Bank of England, die Europäische Zentralbank (EZB) und verschiedene weitere Institutionen der Bankindustrie weltweit. Seine Forderung: Geldhäuser sollen bei ihrer Kreditvergabe stärker auf den Klimaschutz achten – und im Zweifel von Regulierern dazu gezwungen werden.

Hohn ist schon früher erfolgreich als Klimakämpfer aufgetreten. Und sein Anliegen gegenüber dem Geldgewerbe erscheint begründet: Laut "Financial Times" haben Banken weltweit im vergangenen Jahr Kredite im Gesamtvolumen von 750 Milliarden Dollar an Unternehmen der Kohle-, Öl- oder Gasindustrie vergeben.

Hohn ist auch keineswegs der einzige Vertreter der Hedgefonds-Industrie, der sich für den guten – grünen – Zweck einsetzt. Im Sommer dieses Jahres sorgte die vergleichsweise kleine US-Investmentfirma Engine No. 1 für Schlagzeilen, als es ihr gelang, gleich drei Sitze im Verwaltungsrat des US-Ölriesen Exxon Mobil zu ergattern. Das erklärte Ziel der Engine-Aktivisten: Exxon soll sich des weltweiten Klima-Problems annehmen und seinen CO2-Fußabdruck verringern.

Im vergangenen Herbst begann zudem der aktivistische Hedgefonds Bluebell Capital Partners mit einer Kampagne, die den Chemiekonzern Solvay dazu bewegen soll, chemische Abfälle einer Fabrik in Italien nicht mehr ins dortige Meer zu entsorgen. Ein Jahr später lässt Bluebell nicht locker – und forderte vor wenigen Wochen den Abgang von Solvay-Chefin Ilham Kadri  (52), weil sie das Problem nach wie vor nicht beseitigt habe.

Das sind nur einige Beispiele, und immer mehr Hedgefonds tauchen auf, die sich das nachhaltige Investieren entlang sogenannter ESG-Kriterien explizit auf die Fahnen schreiben ("ESG" steht für "Environmental, Social and Governance" und hat sich als Kürzel für Nachhaltigkeit in der Geldanlagebranche etabliert). Der Nachhaltigkeitstrend, der schon seit geraumer Zeit den gesamten Investmentmarkt erfasst hat, ist also offenbar auch im womöglichen härtesten Teil der Finanzbranche angekommen, bei den Hedgefonds.

Chancen erkennen, wo andere sie nicht sehen wollen

Das ist allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Der andere lautet: Hedgefonds haben seit Beginn der Corona-Krise offenbar so viel Geld eingesammelt wie lange nicht mehr – und einen großen Teil davon haben die Investmenthäuser ausgerechnet in jene Industrie investiert, die mit am stärksten zur Umweltverschmutzung und zum Klimawandel beiträgt: die globalen Öl- und Gasunternehmen.

Um mehr als eine Billion US-Dollar auf inzwischen fast vier Billionen US-Dollar wuchs das Gesamtkapital der Hedgefonds weltweit seit Ausbruch der Corona-Krise, hat das Investmentunternehmen Bantleon mit Verweis auf Daten des Analysehauses Hedgefonds Research errechnet. Zugleich legten die Fonds während der Pandemie eine starke Performance hin: Daten von LCH Investments zufolge  brachten es die 20 besten Hedgefonds im Corona-Jahr 2020 auf Erträge von zusammen 63,5 Milliarden Dollar – der höchste Wert seit zehn Jahren.

Bantleon-Portfoliomanager Oliver Scharping überrascht das gute Abschneiden der Hedgefonds in der Krisenzeit nicht. Je schwieriger das Umfeld, desto besser können die Fonds ihre Stärken ausspielen, schreibt er in einer Markteinschätzung. Für viele Hedgefonds-Lenker bedeutet das: Investmentchancen erkennen, wo andere sie nicht sehen – oder nicht sehen wollen.

Während der Corona-Krise erkannten viele Hedgefonds diese Chancen in der Öl- und Gasindustrie. Die Ölpreise befanden sich seit geraumer Zeit im Sinkflug und erreichten Mitte 2020 einen extremen Tiefpunkt. Weniger als 30 Dollar kostete zu der Zeit ein Barrel Rohöl, das hatte es seit Anfang der 2000er-Jahre nicht gegeben. Ebenso waren auch die Aktienkurse von Ölkonzernen wie Exxon Mobil oder Royal Dutch Shell erheblich abgerutscht.

Investoren lassen "fantastische Renditen" liegen

Ein Szenario also, das vielen Anlagelaien hochriskant erscheinen musste, und das für Investoren mit Fokus auf Nachhaltigkeit ohnehin keinen Anreiz bot: Öl- und Gasfirmen gehören für viele grüne Geldanleger zu den absoluten No-Gos.

Nicht jedoch für einen Großteil der Hedgefonds-Branche. Die Investmentprofis aus London, New York und anderen Finanzzentren griffen zu – und machten mit ihren Öl- und Gasinvestments bis heute bereits einen guten Schnitt. Dabei setzten sich die Hedgefonds-Lenker nicht nur über ökologische Bedenken und Sorgen in Bezug auf den Klimawandel hinweg, die inzwischen auch innerhalb des Finanzmarkts weitverbreitet sind. Sie profitierten vielmehr sogar von dieser Zurückhaltung der Konkurrenz. Denn indem viele Anleger Öl- und Gasaktien inzwischen mit Blick auf ESG-Aspekte meiden, schwächen sie deren Aktienkurse zusätzlich – für ausgebuffte Hedgefonds-Profis ein gefundenes Fressen.

Einen Beleg dafür liefert die Klima-Aktivisten-Gruppe DivestInvest, die sich zum Ziel gesetzt hat, Investoren aus Engagements im fossilen Energiesegment herauszuhalten. Die Gruppe habe bereits Zusagen von mehr als 1300 Investoren, die für ein verwaltetes Vermögen von 14,5 Billionen Dollar stehen, schreibt die "FT" – sie alle geloben, Aktien von Öl-, Gas- oder Kohlefirmen zu verkaufen.

Die Chancen, die daraus für Hedgefonds entstehen, brachte kürzlich Crispin Odey (62), Gründer des Londoner Hedgefonds Odey Asset Management, gegenüber der "Financial Times"  auf den Punkt. "Es ist so eine großartige und einfache Idee", sagte er. "Sie (die großen institutionellen Investoren) sind so darauf aus, Öl-Assets loszuwerden, dass sie fantastische Renditen auf dem Tisch liegen lassen." Laut "FT" hat Odeys Firma in den vergangenen Monaten beispielsweise in die norwegische Ölfirma Aker BP sowie in die asiatische Jadestone Energy investiert. Die Fonds des Managers liegen 2021 bislang zum Teil um mehr als 100 Prozent im Plus, so die Zeitung.

Hedgefonds beweisen gutes Timing

Dabei ist Odey Asset Management keineswegs die einzige Investmentfirma, die beim Einstieg in die Öl- und Gaswette gutes Timing bewies. Bereits zum Jahreswechsel 2020/2021 sagte eine Reihe von Hedgefonds-Lenkern ein Comeback der Wirtschaft aus dem Corona-Tal und damit einhergehend einen Wiederanstieg des Ölpreises vorher. "Hedgefonds werden wieder bullish in Bezug auf Öl", schrieb im Februar dieses Jahres die Nachrichtenagentur Reuters .

"Bis zum Sommer, rechtzeitig zur Reisezeit, sollte der Impfstoff weithin verfügbar sein", zitierte die Nachrichtenagentur  beispielsweise David Tawil, den Mitgründer des New Yorker Hedgefonds Maglan Capital. "Wir werden in den kommenden Jahren einige unglaubliche Ölpreise sehen."

In den USA werde bis zum Sommer womöglich die erhoffte "Herdenimmunität" gegen Covid-19 erreicht, prophezeite zu Jahresanfang auch Jean-Louis Le Mee, Chef des Londoner Hedgefonds Westbeck Capital Management – und investierte kräftig in Öl-Futures und -Aktien. "Ölfirmen sehen erstmals seit Langem so aus, als könnten sie ein großes Comeback hinlegen", formulierte der Finanzprofi seine damalige Erwartung.

Die Ölpreise steigen wieder ...

Wohl gemerkt: Investments in Öl- und Gasunternehmen erschienen auch zu der Zeit nicht nur unter ESG-Aspekten kritisch. Die Aktienkurse von Branchengrößen wie Exxon Mobil, BP, Royal Dutch Shell oder ConocoPhillips dümpelten nach wie vor im Keller. Die Ölpreise notierten Anfang 2021 bei rund 50 Dollar je Barrel – sie hatten also ebenfalls schon deutlich höhere Niveaus erlebt.

Das alles schreckte die Hedgefonds-Profis jedoch nicht: Sie bauten umfangreiche Positionen im Öl- und Gasgeschäft auf, erwarben etwa Aktien von Exxon, ConocoPhillips, Chevron oder BP im großen Stil, wie Reuters berichtete . Und die Investoren behielten recht: Abgesehen von der jüngsten konjunkturellen Abkühlung, die vor allem mit weltweiten Lieferengpässen zusammenhängt, hat die Weltwirtschaft seit dem Corona-Tief in den vergangenen Monaten ein starkes Comeback hingelegt. Die Ölpreise notieren inzwischen wieder oberhalb der 80 Dollar je Barrel – Tendenz weiter steigend –, und die Aktien großer Ölkonzerne haben seit Jahresbeginn zwischen 40 Prozent (beispielsweise Royal Dutch Shell oder BP) und 80 Prozent (ConocoPhillips) zugelegt.

Alternatives Investmentthema: Kernenergie

"Die Leute verstehen nicht, wie viel Geld man mit Dingen machen kann, die die Leute hassen", sagt Josh Young, Mitgründer von Bison Interests, ein weiterer Vertreter der Hedgefonds-Branche, der vor "schmutzigen" Aktien nicht zurückschreckt. Wobei: Zumindest die "schmutzigsten Firmen" meidet Young, wie die "FT" berichtet.

Kurzum: Anders als etwa TCI-Chef Chris Hohn sind offenbar vielen Hedgefonds nach wie vor Renditeaussichten wichtiger als Ideale wie Nachhaltigkeit oder Umweltschutz. Wobei Leuten wie Crispin Odey oder Josh Young zumindest ein gewisser Grad an Realismus kaum abgesprochen werden kann: Ihre für manch einen anrüchig erscheinenden Aktiengeschäfte zahlen sich letztlich nur aus, weil die Energiewende weltweit noch längst nicht so weit fortgeschritten ist, wie es sich viele Idealisten wohl wünschen. Das heißt: Öl- und Gaskonzerne werden zwar von Klimaschützern kritisiert und von ESG-Investoren gemieden. Sie werden aber in der Weltwirtschaft momentan noch gebraucht und machen gute Geschäfte, wie nicht zuletzt auch die wieder gestiegenen Ölpreise zeigen.

Dann gibt es schließlich auch noch den goldenen Mittelweg: Auch die Kernenergie hat unter Hedgefonds zuletzt Freunde gefunden. Strenge ESG-Investoren lehnen Engagements in diesem Bereich zwar wegen der bekannten Gefahren, die von möglichen Unfällen in Kernkraftwerken ausgehen, vielfach ebenfalls ab. Auf der anderen Seite erzeugen Atommeiler aber keine klimaschädliche CO2-Belastung. Die Nutzung der Kernenergie – EU-weit momentan ein heiß umstrittenes Politikum – wird daher auch von prominenten Fürsprechern wie etwa Microsoft-Gründer Bill Gates (65) oder Tesla-Chef Elon Musk (50) zumindest als Übergangslösung auf dem Weg in eine saubere Zukunft befürwortet.

Eine Option für Investoren, auf die Zukunft der Kernenergie zu wetten, ist das Investment in den nuklearen Brennstoff Uran. Diesen haben nicht nur Kleinanleger und Zocker, die sich über soziale Netzwerke wie die Plattform Reddit austauschen, zuletzt als Thema für sich entdeckt. Vielmehr setzen auch Hedgefonds wie Light Sky Macro, Anchorage Capital oder Tribeca Investment Partners auf einen künftigen Aufschwung des Brennstoffs. Das Kalkül dahinter: Sollte die Energieerzeugung aus Sonne, Wind und ähnlichen grünen Quellen nicht schnell genug ausgebaut werden, während auf der anderen Seite die fossilen Energieträger immer weiter ins Abseits geraten, könnte der Kernenergie eine neue Blütezeit bevorstehen. Reine Theorie ist das zumindest aus Investmentsicht nicht – die Preise für Uran und entsprechende Investmentderivate haben nach langer Stagnation zuletzt bereits erheblich angezogen.

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