Donnerstag, 27. Juni 2019

Abschied der Briten - Börsenprofi Thomas Grüner erklärt Warum ein Brexit den Finanzmärkten sogar helfen wird

Brexit: Nach dem britischen Austritt im März ist die Zeit der Unsicherheit endlich vorbei

Premier-Ministerin Theresa May steht in ihrer Heimat Großbritannien unter Feuer. Die Opposition in Großbritannien drängt auf Nachverhandlungen des Brexit-Abkommens mit der EU. Diese sind laut Europäischer Union jedoch ausgeschlossen. Ein erstes Misstrauensvotum konnte May noch überstehen, auf beiden Seiten trifft man allerdings eher Vorkehrungen für Notmaßnahmen im Falle eines ungeregelten Brexits, als gezielte Fortschritte zu einer Einigung zu erzielen. Wir sind weiterhin der unpopulären Meinung für leidgeplagte Anleger im Korrekturmodus, dass es für den globalen Bullenmarkt irrelevant ist, ob letztendlich eine Einigung erzielt wird. Die Brexit-Entscheidung an sich wird positiv auf die Märkte wirken.

Warum? Eine Betrachtung der Faktoren Politik, Wirtschaft und Stimmungslage hilft bei der Bewertung.

Mit der Politik als Auslöser für die leidvollen Diskussionen startete das Drama um Großbritannien so richtig im Jahr 2016 mit dem relativ überraschenden Brexit-Votum. Unabhängig von den bisherigen Geschehnissen stellt sich nun jedoch die Frage, ob in den kommenden Wochen bis zur Brexit-Abstimmung eine Lösung vor allem im britischen Parlament gefunden werden kann. Aufgrund der tiefen Gräben scheint dies aktuell mehr als fraglich, jedoch sind alle Diskussionen auf dieser Ebene reine Mutmaßungen. Auch die Personalfragen der kommenden Monate sind sicherlich völlig offen. Eine Ablösung Theresa Mays scheint genauso möglich wie ein harter Brexit. Die Unsicherheit in allen Bereichen ist genau der Zustand, welcher vom Markt aktuell eingepreist wird.

Märkte hassen Unsicherheit

Thomas Grüner
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    Thomas Grüner ist Gründer und Vice Chairman des Vermögensverwalters Grüner Fisher Investments (www.gruener-fisher.de) mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern.

Die Unsicherheit sorgt dafür, dass zunächst einmal nicht investiert wird. Weder geschieht dies in der realen Wirtschaft durch Firmen, noch an den Finanzmärkten durch Anleger. Warum sollte man sich auch dem Risiko aussetzen, dass möglicherweise haarsträubende Entwicklungen für unumkehrbare Verluste sorgen? Aber wer glaubt schon ernsthaft, dass die wichtigen Akteure der Wirtschaft, die großen, global agierenden Unternehmen nicht schon seit mehr als zwei Jahren an möglichen Lösungen für jedes mögliche Szenario arbeiten?

Die Stimmungslage dürfte an einem absoluten Tiefpunkt angekommen sein. Der Einkaufsmanagerindex für Dienstleistungen, welcher 80 Prozent der britischen Wirtschaft widerspiegelt, ist im Dezember mit einem Punktestand von 50,4 auf dem tiefsten Wert seit Juli 2016 angekommen und somit nur knapp über der magischen Grenze, die Wachstum signalisiert. Warnungen der Bank of England vor einer möglichen Rezession in Großbritannien im Falle eines ungeregelten Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union schüren ebenso Ängste, wie die Ankündigung vieler Firmen, ihre Produktion zu verlagern, sollte keine Einigung gefunden werden. Das britische Pfund hat seit der Entscheidung eines Austritts deutlich abgewertet - ein klares Zeichen für mangelndes Vertrauen in die britische Wirtschaft.

Die britische Wirtschaft wächst seit 23 Quartalen

Wie sieht die wirtschaftliche Realität in Großbritannien aus? Seit dem 4. Quartal 2012 gab es kein Quartal mit negativem BIP-Wachstum mehr. Das bedeutet, dass die britische Wirtschaft seit 23 Quartalen konsequent wächst. Das Kreditwachstum des privaten Sektors in dem vereinigten Königreich schwächte sich zuletzt ein wenig ab, befindet sich jedoch noch immer weit über zwei Prozent und war ebenfalls seit 2013 nicht mehr negativ. Die Zinsstrukturkurve ist noch immer steil genug, sodass die Kreditvergabe lohnenswert für Kreditinstitute ist. Ähnlich wie in anderen Industrienationen befindet sich der Arbeitsmarkt quasi im Zielzustand der Vollbeschäftigung. Die Arbeitslosenquote beträgt lediglich vier Prozent. Tendenz: (noch) weiter fallend. Die Wirtschaft ist gesund, die Kreditvergabe funktioniert, den Menschen geht es gut.

Zusammengefasst weiß aktuell keiner, ob nun eine Lösung für den Konflikt zwischen der EU und Großbritannien gefunden werden kann. Keiner weiß, ob die handelnden Personen in einem halben Jahr noch dieselben sein werden wie heute. Die hieraus entstehende Unsicherheit drückt in extremem Maß auf das Sentiment und natürlich auch auf die Aktienkurse. Die fundamentale wirtschaftliche Basis ist jedoch eigentlich sehr gut in Großbritannien.

Der Worst Case eines ungeregelten Austritts Großbritanniens ist natürlich trotzdem nicht positiv zu werten. Auch wenn der Markt aktuell genau diesen harten Brexit einpreist, wird es Verlierer geben. Für Anleger stellt sich nun die Frage: Wie vermeide ich diese Verlierer im eigenen Depot? Wie sieht eine geeignete Risikovorsorge aus?

Risikovorsorge ist notwendig

Bei einem harten Brexit droht eine Rezession für die britische Wirtschaft. Die Binnenwirtschaft würde leiden, das Britische Pfund deutlich abwerten. Kurzfristig würde der Handel mit der Europäischen Union zum Erliegen kommen. Mittelfristig würden höchstwahrscheinlich relativ geringe Zölle eingeführt. Großbritannien und die EU sind stark miteinander verbunden, auch nach dem Austrittsvorgang. Beide Seiten sind stark vom Handel abhängig. Somit werden die Handelsbarrieren relativ schnell auf ein Minimum reduziert werden.

Die Auswirkungen neu entstehender Zölle sind nun vor allem davon abhängig, um welches Produkt es sich handelt. Ist es einfach substituierbar, so wird der Produzent des Gutes die Kosten tragen. Handelt es sich jedoch um ein lebensnotwendiges Gut, nicht ersetzbar durch eine Alternative, welche keinen Zöllen unterliegt, so wird der (britische) Verbraucher die Mehrbelastung tragen müssen. Vor allem aber würde der Handel mittelfristig ähnlich gut funktionieren wie zum heutigen Tag. Verschiebungen der Lieferwege und das Eigeninteresse der beteiligten Akteure würden dafür sorgen.

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Welche Unternehmen ein harter Brexit besonders trifft - und wer profitiert

Somit würde ein ungeregelter Austritt vor allem die Unternehmen treffen, welche wenig Handlungsspielraum bei Produktionsvorgängen haben. Unternehmen, die vor allem auf den Heimatmarkt bezogen sind und nicht groß genug sind, um Lieferketten zu verschieben oder über ein diversifiziertes Umsatzportfolio verfügen. Im Gegensatz dazu würden vor allem die großen Unternehmen, exportstark und flexibel, nur geringe Auswirkungen verspüren. Das abgewertete Pfund würde in einem solchen Fall für bessere Exportmöglichkeiten sorgen. Ausgeführte Produkte würden im Ausland günstiger. Gleichzeitig würden im Ausland erzielte Umsätze und Gewinne bei der Umrechnung in das britische Pfund Währungsgewinne in den Bilanzen auslösen. Somit wird hier der aktuell schon durch die Marktphase existierende Mega Cap-Effekt tendenziell verstärkt.

Fazit

Die Brexit-Entscheidung wird gut für die Märkte sein. Unabhängig davon, welches Ergebnis letztendlich zustande kommt, wird vor allem die Unsicherheit reduziert werden. In welcher Form auch immer werden Firmen wieder mehr investieren. Ebenso werden Anleger die falschen Ängste ablegen und die sinkende Unsicherheit wird zu steigenden Kursen führen. Konzentrieren Sie sich jedoch auf die großen, global agierenden Unternehmen Großbritanniens um den Anteil in Ihrem Depot darzustellen. Diese würden im Worst Case eines ungeregelten Austritts sogar noch durch die Währungskomponente profitieren.

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