Samstag, 21. September 2019

Börsenprofi Thomas Grüner erklärt Handelskonflikt - so trickst die Wirtschaft die Politik aus

Container im Hafen von Portsmouth, USA: Der Handelskonflikt besorgt die Börsianer - zum Großteil zu unrecht.

Die Schrecken des globalen Handelskriegs

Mit jeder Meldung, welche auf eine weitere Eskalation des globalen Handelskriegs schließen lässt, entstehen neue Unsicherheiten. Auch wenn die daraus resultierende Volatilitätszunahme an den Märkten aufgrund eines einsetzenden Gewöhnungseffekts inzwischen tendenziell nachgelassen hat, gilt es trotzdem, die fundamentale Entwicklung im Blick zu halten.

Die Entwicklungen sind vielfältig und vor allem global. So geht es einmal um die illegale Zuwanderung mexikanischer Einwanderer in die USA, um unfaire Handelspraktiken der Europäischen Union bei Autozöllen, um indischen Protektionismus seit der Unabhängigkeit oder um die prominentesten Themen zwischen China und den USA. Doch was sind die tatsächlichen Folgen dieser Diskussionen? Und welche Auswirkungen entstehen an den Märkten? Was ist der Handelskrieg und was ist er nicht?

Bärenmarkt voraus?

Handelskriege können Bärenmärkte auslösen. Der Welthandel hat in den vergangenen Jahrzehnten im Zuge der Globalisierung immens an Bedeutung für die Weltwirtschaft gewonnen und ist aus den heutigen Wachstumszahlen nicht mehr herauszudenken. Das Ganze lässt sich auf die einfache Formel bringen: Ohne Handel kein globales Wachstum. Ein fundamental getriebener Bärenmarkt an den Aktienmärkten geht jedoch normalerweise mit einer Rezession einher. Das bedeutet, dass das Ausmaß eines negativen Ereignisses noch immer einen direkten oder indirekten Schaden von mehr als 2 Billionen US-Dollar auslösen müsste, um einen fundamental getriebenen, globalen Bärenmarkt hervorzurufen.

Abgeleitet aus dieser Diskussion stellt sich die Frage, welche fundamentalen Entwicklungen sich bereits aus dem Handelsstreit ergeben haben. Die erste wichtige Erkenntnis ist: Der globale Handel boomt ungestört von Handelskriegs-Rhetorik und eingeführten Zöllen weiter. Das amerikanische Handelsvolumen steigt. In den ersten vier Monaten erreichten die Exporte der USA an Waren und Dienstleistungen einen saisonal adjustierten Wert von 835,3 Milliarden US-Dollar, was einem Plus von 1 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert und einer Steigerung von 8,6 Prozent gegenüber dem Exportvolumen von Januar bis April im Jahr 2017 entspricht. Auch die Importe konnten zulegen. Mit 1,04 Billionen US-Dollar wurde der Importwert des Vergleichszeitraums aus 2018 um 1,2 Prozent gesteigert, der Wert aus 2017 sogar um 9,5 Prozent gesteigert.

Das Handelsvolumen der USA mit Indien, einem weiteren Streitfall Donald Trumps, stieg im Jahr 2018 trotz gekappter Handelsvorteile für Indien um 12,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert. Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) zwischen den USA, Mexiko und Kanada wurde neu verhandelt und Ende 2018 unterzeichnet. Auch außerhalb der USA entwickelt sich der globale Handel positiv. Zum 1. Februar 2019 trat beispielsweise das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Japan in Kraft, welches in etwa 30 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts und 40 Prozent des globalen Handels einschließt und somit die größte Freihandelszone der Welt generiert. Handelsprobleme? Fehlanzeige!

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