"Das Komplexeste, was ich je erlebt habe" Goldmans Warnung vor beispiellosen Schocks

Alarmstimmung an der Wall Street. Nach dem JPMorgan-Chef warnt auch John Waldron von Goldman Sachs vor einem Crash. Die vielen parallelen Schocks könnten das ganze System erschüttern, so der zweitwichtigste Mann der Investmentbank.
Inflation, Zinsen, Ukraine-Krieg: Goldman-Sachs-Banker John Waldron warnt vor Turbulenzen

Inflation, Zinsen, Ukraine-Krieg: Goldman-Sachs-Banker John Waldron warnt vor Turbulenzen

Foto: MIKE BLAKE / REUTERS

An der Wall Street herrscht Alarmstimmung. Den Spitzenbankern in den USA wird offenbar langsam mulmig, wenn sie auf die wirtschaftliche Entwicklung schauen. Bereits am Mittwoch hatte JPMorgan-Chef Jamie Dimon (66) vor einem aufziehenden "Hurrikan" gewarnt. "Der Wirbelsturm ist da draußen und er kommt auf uns zu", sagte der CEO der größten Bank der USA angesichts einer drohenden Rezession. Nur einen Tag später äußerte sich der zweithöchste Manager des Rivalen Goldman Sachs mindestens ähnlich alarmiert. Wenige Wochen zuvor hatten Vertreter der US-Geldelite auf der "Milken Institute Global Conference" Krisenstrategien entworfen und diskutiert, wie Anleger nun ihr Geld beschützen.

Die Weltwirtschaft werde gerade von einer Reihe Erschütterungen gleichzeitig getroffen, warnte der President und Chief Operating Officer, John Waldron (50). "Dies ist eines der komplexesten, wenn sogar das komplexeste und dynamischste Umfeld, das ich in meiner Karriere je erlebt habe", so Waldron auf einer Investorenkonferenz. "Das Zusammentreffen der vielen Schocks, die das System erschüttern, ist für mich beispiellos." Er wolle zwar "irgendwelche Wetteranalogien" vermeiden, sagte er, aber die Risiken von Inflation, veränderter Geldpolitik und der russischen Invasion in der Ukraine könnten die Weltwirtschaft in die Krise stürzen.

Hinter Bankchef David Solomon (60) ist Waldron der zweitwichtigste und mit mehr als 35 Millionen Dollar Gesamtvergütung für das Jahr 2021 auch am zweitbesten bezahlte Manager bei Goldman Sachs. Vor seiner heutigen Position war er viele Jahre in führenden Stellungen im Investmentbanking der Bank tätig. Bereits Anfang des Jahres war er als einer der schärfsten Kritiker am Kurs der US-Notenbank Federal Reserve aufgetreten. Seiner Meinung nach hatten die Geldhüter nicht entschlossen genug auf die höchste Inflation seit 40 Jahren reagiert.

Die Inflation in den USA liegt inzwischen bei 8,3 Prozent, in der Euro-Zone bei 8,1 Prozent. Für die USA hat die Fed bereits eine radikale Zinswende eingeleitet; die Europäische Zentralbank hat ihren Schwenk angekündigt, in der kommenden Woche findet die nächste Ratssitzung statt. Bislang konnten viele Unternehmen steigende Kosten zwar an die Konsumenten weitergeben, sagte kürzlich auch Jane Fraser (54), Vorstandschefin der Citigroup auf einer Konferenz mit Profiinvestoren. "Die Frage ist nur: Wie lange noch?" Die CEO der viertgrößten US-Bank fühlt sich bereits an die wilden Börsenstürme der 1970er Jahre erinnert.

Unternehmen und Anleger sollten sich auf eine wilde Phase einstellen, rät auch Goldman-Manager Waldron. "Wir erwarten, dass härtere wirtschaftliche Zeiten vor uns liegen", sagte der erfahrende Investmentbanker. "Es steht außer Frage, dass wir ein schwierigeres Umfeld für die Kapitalmärkte sehen werden."

Er ist auch nicht der einzige Goldman-Banker, der Alarm schlägt. Bereits Mitte Mai hatte sich auch CEO Solomon besorgt gezeigt. "Es besteht die Chance einer Rezession", sagte er in einem Interview  mit der Nachrichtenagentur Bloomberg. Seine Ökonomen hätten eine 30-Prozent-Chance errechnet, dass so etwas in den nächsten zwölf bis 24 Monaten passieren könne. "Wir müssen die Inflation unbedingt loswerden." Vor allem für die unteren Einkommensschichten spitze sich die Lage extrem schmerzhaft zu.

Und auch Solomons Vorgänger, Goldmans Ex-Chef Lloyd Blankfein (67), zeigte sich bereits vor zwei Wochen besorgt. Es gebe aktuell ein "sehr, sehr hohes Risiko". "Wenn ich ein Unternehmen führen würde, würde ich mich sehr genau darauf vorbereiten." Und auch, wenn er ein Anleger wäre.

lhy