Edelmetall verteuert sich Warum Anleger wieder auf Gold blicken

Trotz weltweiter Krisen ging es mit dem Goldpreis monatelang abwärts. Doch zuletzt erfüllte das Edelmetall die Erwartungen an eine Krisenwährung und zog kräftig an. Wie so oft erweist sich der Dollar als wichtiger Faktor – gleich in zweifacher Hinsicht.
Glänzende Geldanlage: Goldbarren der Bundesbank in Frankfurt am Main

Glänzende Geldanlage: Goldbarren der Bundesbank in Frankfurt am Main

Foto: Bundesbank / dpa

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Krieg in der Ukraine, Energiekrise, Rezessionssorgen – das Umfeld war in den vergangenen Monaten wie gemacht für eine klassische "Krisenwährung" wie Gold. Viele Investoren dürften schon vor längerer Zeit auf einen Anstieg des Goldpreises gesetzt haben, doch der blieb zunächst aus. Kurz nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine stieg der Goldpreis zwar auf mehr als 2000 Dollar je Unze kurzzeitig stark an. Bis Ende Oktober ging es dann jedoch auf kaum mehr als 1600 Dollar je Unze abwärts, um etwa 20 Prozent also.

Doch inzwischen hat die Entwicklung ihre Richtung geändert. Seit Anfang November ist der Goldpreis um beinahe 10 Prozent gestiegen. Inzwischen notiert das Edelmetall wieder bei 1770 Dollar je Unze – so hoch wie seit drei Monaten nicht mehr.

Hintergrund der Kehrtwende sind vor allem die veränderten Erwartungen des Finanzmarkts in Bezug auf die US-Zinspolitik. Jüngste Anzeichen in den USA deuten auf eine Abschwächung der dortigen Inflation hin. Im Oktober etwa ist die Inflationsrate in den USA auf 7,7 Prozent gesunken. Im September lag sie noch bei 8,2 Prozent. Es war bereits der vierte monatliche Rückgang in Folge, und er löste auch am Aktienmarkt starke Kursgewinne aus. Grund: Angesichts niedrigerer Inflationsraten kann die US-Notenbank womöglich bei ihren Zinserhöhungen Tempo herausnehmen. Mehr Liquidität wird an der Börse meist als gute Nachricht aufgenommen, denn sie kann die Kurse treiben.

Euro macht gegenüber Dollar Boden gut

Aus Sicht von Goldkäuferinnen und Goldkäufern jedoch entscheidend: Ein niedrigeres Zinsniveau senkt auch die Attraktivität festverzinslicher Wertpapiere wie Anleihen, die Investoren als Konkurrenz zu Gold betrachten. Und: Nimmt die US-Notenbank Fed bei der Zinspolitik Tempo raus, so verliert auch der Dollar an Attraktivität – der Wechselkurs sinkt. Die US-Währung gilt als besonders wichtige Einflussgröße auf den Goldpreis, denn das Edelmetall wird in der Regel in Dollar gehandelt. Für Anleger außerhalb des Dollar-Raums wird Gold also günstiger, wenn der Dollar günstiger wird – was wiederum die Nachfrage nach Gold treibt. Ein Dollarrückgang führt daher nicht selten zu Steigerungen beim Goldpreis.

In den vergangenen Monaten befand sich der Dollar vor dem Hintergrund steigender Zinsen in den Vereinigten Staaten auf Höhenflug. Gegenüber dem Euro etwa hat er zeitweise die Parität erreicht, ein Dollar war also so viel wert wie ein Euro. Anfang 2021 kostete ein Euro noch mehr als 1,20 Dollar.

Zuletzt hat sich jedoch auch beim Euro-Dollar-Kurs die Entwicklung umgekehrt: Der Euro hat seit Anfang November wieder deutlich Boden gutgemacht.

Dollar-Schwäche löst Gold-Rallye aus

Experten sehen einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der jüngsten Dollar-Schwäche und dem wieder ansteigenden Goldpreis. Nach Ansicht von Markus Blaschzok etwa, Chefanalyst beim Edelmetall-Investmenthaus Solit Management, wurde die Rallye, die Edelmetalle und auch Minenaktien in den vergangenen Wochen hingelegt haben, durch einen "historisch starken Einbruch des US-Dollars" ausgelöst. Der USD-Index brach in der vorigen Handelswoche um beinahe 4 Prozent ein, nachdem dieser bereits am Freitag davor um 4 Prozent gefallen war, schreibt Blaschzok in einem Kommentar. Der Goldpreis sei daraufhin binnen einer Handelswoche um 97 US-Dollar oder 5,25 Prozent angestiegen. Ebenso legte auch der Silberpreis um mehr als 4 Prozent kräftig zu.

Allerdings ist das Zusammenspiel bei der Preisbildung nicht der einzige Punkt, an dem sich Gold und US-Dollar berühren. Beide Assets konkurrieren zugleich um die Gunst von Zentralbanken, die sichere Anlagen für ihre Währungsreserven suchen. Zuletzt scheint es auch in dieser Hinsicht in einigen Notenbank ein Umdenken gegeben zu haben.

Wie der Branchenverband World Gold Council (WGF) schon vor einigen Wochen berichtete, haben Zentralbanken in verschiedenen Ländern weltweit ihre Goldkäufe im dritten Quartal signifikant nach oben gefahren. Beinahe 400 Tonnen Gold kauften die Notenbanken von Juli bis September dieses Jahres. Das war mehr als viermal so viel wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres, so der WGF. Die Zentralbank-Käufe befinden sich damit in diesem Jahr auf einem so hohen Niveau wie zuletzt 1967, als der Dollar noch mit Gold unterlegt war.

Zu den Käufern unter den Zentralbanken gehörten im dritten Quartal dieses Jahres laut WGF etwa die Institute in der Türkei sowie in Katar. Zudem mussten dem Branchenverband zufolge einige Käufe geschätzt werden, was nicht ungewöhnlich sei. Nicht alle Notenbanken veröffentlichen ihre Aktivitäten am Goldmarkt, jene in China oder Russland etwa tun dies gewöhnlich nicht.

"Die nicht-westlichen Zentralbanken wollen vermutlich ihre Währungsreserven stärker diversifizieren, dabei insbesondere ihre Abhängigkeit vom US-Dollar reduzieren", erläutert Thorsten Polleit, Chefvolkswirt bei Degussa Goldhandel. Zum einen werde vermutlich ein weitergehender Kaufkraftverlust beim Dollar befürchtet, ebenso wie bei vielen anderen westlichen Währungen wie Euro, britisches Pfund oder kanadischer Dollar. Zum anderen werden politische Risiken neu eingeschätzt, so Polleit. "Das Einfrieren der russischen Währungsreserven hat vielen Ländern und Investoren unmissverständlich vor Augen geführt, dass die USA den US-Dollar zu politischen Zwecken einsetzen", sagt er. "US-Dollar-Investments können also unter Umständen konfisziert werden." Das Halten von physischem Gold unterliegt derartigen Risiken nicht, so der Experte. Es sei "quasi die natürliche Währungsreserve".

Laut Polleit dürfte sich die Entwicklung fortsetzen: Zentralbanken und Investoren werden auch künftig versuchen, die Abhängigkeit vom US-Dollar nicht Überhand nehmen zu lassen beziehungsweise sie abzubauen. "Das gilt beispielsweise für die BRICS-Staaten, aber auch viele andere kleinere Staaten", sagt er. "Mehr und mehr Zentralbanken scheinen zu erkennen, dass das ungedeckte Geld, das sie erzeugen, nicht verlässlich ist, dass es keine gute Wertanlage ist – daher das wachsende Interesse an der Goldhaltung."

Allerdings dürfte der Dollar seine Stellung als wichtigste Weltwährung dadurch auf absehbare Zeit kaum verlieren. "Bis auf Weiteres ist und bleibt der US-Dollar die Weltreservewährung", ist sich Polleit sicher.

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