Montag, 30. März 2020

Populäre Krisenwährung Die Stunde der Gold-Fans - oder doch nicht?

Gefragt wie lange nicht: Anleger ordern Goldmünzen und Goldbarren, während der Preis fällt.
Sven Hoppe / DPA
Gefragt wie lange nicht: Anleger ordern Goldmünzen und Goldbarren, während der Preis fällt.

Geldanleger, die sich Gold als Krisenabsicherung ins Depot geholt haben, können in diesen Tagen durchaus enttäuscht sein: Die Welt erlebt mit der Corona-Pandemie eine Krise, wie es sie zuvor in vergleichbarer Weise kaum ein zweites Mal gab. Die Zahl der Infektionen steigt rund um den Globus, Menschen sind verunsichert, das öffentliche Leben wird flächendeckend praktisch eingefroren. Kaum ein Unternehmen, dass dadurch nicht in den Ausnahmezustand versetzt würde - und an der Börse purzeln in der Folge weltweit die Aktienkurse.

Allein der deutsche Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen verlor binnen weniger Wochen etwa ein Drittel seines Wertes. Ähnlich erging es wichtigen Indizes in anderen europäischen Ländern, ebenso wie in Asien, in den USA und anderswo. Die Weltwirtschaft, so viel scheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt bereits sicher, wird durch die Corona-Krise in eine Rezession geraten.

Ein Krisenszenario, wie es dramatischer kaum sein könnte also. Und damit eigentlich genau das, wofür viele Investoren mit Gold im Depot glauben vorgesorgt zu haben. Doch was macht der Goldpreis Börsen-Chart zeigen in diesen Tagen? Er sollte doch wohl steigen - aber das tut er nicht.

Zwar legte Gold bereits seit Mitte vergangenen Jahres langsam aber stetig zu. Auch in den ersten Monaten 2020 ging es tendenziell weiter aufwärts, so dass eine Unze des Edelmetalls vor wenigen Tagen bereits beachtliche 1677 Dollar kostete, mehr als 10 Prozent mehr als zu Jahresbeginn also.

Doch dann nahm die Corona-Krise erst so richtig Fahrt auf. Die Aktienmärkte brachen in den vergangenen Tagen auf breiter Front ein - und auch der Goldpreis stürzte ab. Am Montagmittag stand der Preis bei etwa 1478 Dollar je Unze, 200 Dollar oder 12 Prozent niedriger als rund eine Woche vorher also.

Wie kann das sein?

Beobachter beschreiben das Geschehen am Goldmarkt zurzeit als ein zweigeteiltes Bild: Auf der einen Seite zeigen sich Investoren, die durch die Krise in "sichere Anlagen" getrieben werden. Diese Anleger sorgen zum Beispiel dafür, dass die Kauforders im physischen Handel mit Gold momentan in die Höhe schnellen. Händler wie Pro Aurum in München stehen daher vor einer enormen Nachfrage und dürften in nächster Zeit nur noch mit verlängerten Fristen liefern können, wie Pro-Aurum-Chef Robert Hartmann im Gespräch schildert.

Der Goldpreis allerdings wird nicht im physischen Handel mit Münzen und Barren gemacht. Er entsteht am Terminmarkt, beispielsweise an der Edelmetallbörse in London. Dort sind in erster Linie Investoren anderen Kalibers aktiv. Und die befinden sich zurzeit zum großen Teil auf der Verkäuferseite.

"In Zeiten wie diesen, wenn es an den Börsen richtig bergab geht, gilt vor allem: 'Cash is king'", erläutert Edelmetallexperte und Fondsmanager Martin Siegel vom Investmenthaus Stabilitas. "Dann verkaufen Investoren alles, auch Goldbestände."

Auch Daniel Briesemann, Rohstoffexperte von der Commerzbank, hat diese Erklärung: Investoren müssen "Nachschussforderungen an anderen Märkten nachkommen", so Briesemann. Daher werden auch Goldbestände aufgelöst; auch, weil diese sich zum Großteil nach dem Goldpreisanstieg der vergangenen Monate im Plus befinden. Eine Rolle spielen dabei vermutlich zusätzliche Sicherheiten, so genannte Margin Calls, die viele Investmentprofis angesichts hoher Verluste bei ihren Brokern hinterlegen müssen.

Dazu passen die Mittelabflüsse aus Goldfonds in diesen Tagen: Allein am Freitag vergangener Woche zogen Investoren Gelder im Wert von 17 Tonnen Gold aus den von der Nachrichtenagentur Bloomberg erfassten wichtigsten Gold-ETFs der Welt ab, der höchste Wert seit Dezember 2016. Die Londoner Rohstoffbörse verzeichnete bei dem Edelmetall vergangene Woche tägliche Handelsvolumina in Höhe von 100 Milliarden Dollar und mehr - Werte, die es zuvor nicht gab.

Die Preisentwicklung ähnelt dabei jener, die auf dem Tiefpunkt der Finanzkrise 2008 entstand: Im Herbst jenes Jahres ging es an den Finanzmärkten in der Breite abwärts, nachdem die US-Großbank Lehman Brothers in die Insolvenz gegangen war. Auch seinerzeit bewährte sich Gold nur sehr bedingt als Krisenwährung: Der Goldpreis befand sich Ende 2008 sowie während eines Großteils des Jahres 2009 unter Druck. In der Folge allerdings legte Gold dann kräftig zu, bis hin zum bisherigen Rekordhoch jenseits von 1900 Dollar je Unze im Jahr 2011.

Somit scheint klar: Auch diesmal kann es mit Gold durchaus noch für längere Zeit seit- oder abwärts gehen, trotz Krise oder eben gerade deshalb. Insgesamt jedoch sieht beispielsweise Edelmetallexperte Siegel gute Voraussetzungen für einen steigenden Goldpreis. Insbesondere die Rettungsversuche von Notenbanken, die im Kampf gegen die Krise gegenwärtig einmal mehr die Geldhähne aufdrehen, können langfristig den Goldpreis nach oben treiben, so Siegel. Erst am Sonntag hatte die US-Notenbank Fed überraschend eine weitere Zinssenkung sowie weitere Maßnahmen beschlossen. "Das viele Geld von den Notenbanken wird nicht in der Realwirtschaft ankommen", so Siegel. "Wie bisher schon wird es auf mittlere bis lange Sicht die Preise an den Kapitalmärkten nach oben treiben, also bei Aktien, Immobilien und auch bei Gold."

So sieht es auch Thorsten Polleit, Chefvolkswirt bei Degussa Goldhandel. "Die Zentralbanken scheinen in der Tat nur noch ein Medikament zu kennen", so Polleit. "Mehr Kredit und Geld, bereitgestellt zu immer niedrigeren Zinsen. Man muss kein hochdekorierter Ökonom sein, um zu verstehen, dass all das auf eine Geldpolitik hinausläuft, die die Kaufkraft des Geldes ruiniert."

Die Folge ist auch für Polleit klar: Gold werde, ebenso wie auch Silber, attraktiver für Anleger - insbesondere nach dem Preisrückgang der vergangenen Tage.

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