Mittwoch, 13. November 2019

Börsenprofi Thomas Grüner erklärt Warum passives Investieren jetzt gefährlich wird

Nicht immer ist der beste Sektor im Bullenmarkt auch der schlechteste im folgenden Bärenmarkt.

Eine gängige Diskussion in der Geldanlage dreht sich um den Glaubenskrieg zwischen aktivem und passivem Investieren. Für beide Investmentideen existieren schlüssige Argumente. Mit laufendem Marktzyklus lassen sich jedoch Entwicklungen feststellen, die für die Risikobewertung relevant sind. Der zyklische Verlauf von Bullen- und Bärenmärkten sorgt nämlich grundsätzlich dafür, dass sich das Chance-Risiko-Verhältnis im Zeitablauf verändert.

Thomas Grüner
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    Thomas Grüner ist Gründer und Vice Chairman des Vermögensverwalters Grüner Fisher Investments (www.gruener-fisher.de) mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern.

Sobald der zeitliche Abstand zum letzten stärkeren Crash größer wird, nimmt die Anzahl an Anhängern des passiven Investments zu. Beispielhaft sieht man dies an den Nettokapitalflüssen in Aktien-ETFs in den USA, die zuletzt im Jahr 2009 auf Quartalsebene negativ waren. Seitdem nehmen die Volumina tendenziell zu, was mit dem so genannten Rezenz-Effekt erklärt werden kann. Dieser besagt, dass später eingehende Informationen einen größeren Einfluss auf die Erinnerungsleistung einer Person ausüben als früher eingehende Informationen.

Die Möglichkeit eines größeren Verlusts gerät in diesen Phasen in den kognitiven Hintergrund. Passives Investieren gilt dann häufig als Allheilmittel für erfolgreiche Investitionen, ohne dass veränderte Grundgegebenheiten Beachtung finden. Gerade im aktuellen Umfeld des zeitlich längsten globalen Bullenmarkts aller Zeiten sollten jedoch die folgenden Überlegungen eine immer größere Rolle spielen.

Wie funktionieren Märkte?

Bullenmärkte werden meist von einem oder zwei Sektoren dominiert. Im aktuellen Marktzyklus trägt insbesondere der Technologie-Sektor die Verantwortung für die hervorragende Aktienmarktrendite. Da die meisten Technologie-Unternehmen der Industrienationen in den USA angesiedelt sind, hat dies bislang für eine Outperformance der amerikanischen Aktienmärkte gesorgt. Betrachtet man jedoch die verschiedenen Aktienmärkte jeweils ohne den Technologieanteil, so haben sich die US-amerikanischen Aktien in etwa analog zu den europäischen Pendants entwickelt.

Durch den lange laufenden Bullenmarkt werden bereits Stimmen laut, dass Aktien wohl aufgrund einer historischen Alternativlosigkeit und partiell drohender Negativverzinsung lange Zeit nicht mehr fallen können. Um an einer solchen Entwicklung zu partizipieren, wird häufig zu einem passiven Investment in Form von ETFs geraten. Doch irgendwann droht der nächste Bärenmarkt. Aktuell zeigen sich deutliche Anzeichen, dass bereits das letzte Drittel des laufenden Bullenmarkts erreicht wurde, welches klassischerweise meist noch einmal eine außerordentliche Dynamik bietet.

Für diese Beobachtung sorgen nicht primär die zeitliche Länge, sondern viele fundamentale und stimmungsbezogene Faktoren. So hat sich die Aktienmarkt-Stimmung seit 2009 doch deutlich aufgehellt, auch wenn man von einer gefährlichen Euphorie noch ein gutes Stück entfernt scheint. Arbeitslosenraten sinken auf globaler Ebene idealtypisch, große Aktien zeigen eine Outperformance gegenüber kleineren Werten und auch die Volatilität nimmt langsam zu. Die Differenz der globalen Zinsstrukturkurve zwischen langfristigen und kurzfristigen Zinsen hat deutlich abgenommen - war teilweise bereits invers. Auch die Marktbreite nimmt mehr und mehr ab - immer weniger Unternehmen sorgen somit für die Fortsetzung des Bullenmarkts. Die Länder-, Sektoren und Aktienauswahl wird somit tendenziell wichtiger. All diese Entwicklungen laufen nahezu idealtypisch zu vorangegangenen Marktphasen ab.

Die Risiken nehmen zu

Wenn ein bestimmter Sektor sich über einen längeren Zeitraum besonders gut entwickelt, sorgt dies per Definition für einen Bedeutungsgewinn im zugrundeliegenden Index. Durch die Dominanz eines Sektors gab es in der Vergangenheit bereits verschiedene Steigerungen der Marktanteile bestimmter Sektoren. Im aktuellen Bullenmarkt hat beispielsweise der Technologiesektor inzwischen die anteilige Schwelle von 26 Prozent im S&P 500 überschritten. Kauft man sich also heute einen ETF auf den S&P 500, so erhält man eben diesen Anteil an Technologieunternehmen im eigenen Portfolio.

Schaut man sich im Nachgang die auf Bullenmärkte folgenden Bärenmärkte an, so zählen häufig die Sektoren zu den größten Verlierern, die zuvor den Markt anführten. So war beispielsweise Energie zwischen den Jahren 1974 und 1980 der beste Sektor im S&P 500 mit einer Performance von 262 Prozent, während der marktbreite Index lediglich 125 Prozent zulegen konnte. Dies führte zu einer Steigerung von Energie an den Marktanteilen auf einen Wert von mehr als 25 Prozent. Im folgenden Bärenmarkt verlor der Index jedoch nur 27 Prozent, während Energie mit 48 Prozent erhebliche Anteile seiner zuvor errungenen Gewinne wieder abgeben musste und auch mit den Marktanteilen wieder mit etwas mehr als 15 Prozent auf alte Werte zurückfiel.

Ein weiteres Beispiel für eine solche Entwicklung gab es im Bullen- und Bärenmarktzyklus zwischen 1990 und 2002. Technologie erreichte im Verlauf des Bullenmarkts einen Anteil an der Marktkapitalisierung von bis zu 35 Prozent am S&P 500, konnte in dieser Zeit eine Performance von 1852 Prozent aufweisen, während der Index nur 459 Prozent zulegen konnte. Im folgenden Bärenmarkt verlor der Technologiesektor 82 Prozent - der S&P 500 hingegen nur 47 Prozent. Der Anteil von Technologie an der gesamten Marktkapitalisierung des Markts nahm von etwas mehr als 5 Prozent auf 35 Prozent zu, um dann im folgenden Bärenmarkt zurück auf 14 Prozent zu fallen.

Doch ganz so einfach ist die Rechnung nicht. Nicht immer ist der beste Sektor im Bullenmarkt auch der schlechteste im folgenden Bärenmarkt. Eine besondere Bedeutung hat der jeweilige Auslöser des Bärenmarkts. So war in der letzten Finanzkrise in den Jahren 2007 bis 2009 zwar der Finanz- inklusive Immobiliensektor nicht der beste Sektor im vorangegangenen Bullenmarkt, dafür jedoch der größte mit einem Anteil an der gesamten Marktkapitalisierung des S&P 500 von mehr als 20 Prozent. Da jedoch der Auslöser des Abwärtstrends in der Finanz- und Immobilienbranche zu suchen war, verlor der Finanzsektor im Bärenmarkt 82 Prozent, während der Immobiliensektor mit Verlusten von 73 Prozent zu kämpfen hatte. Der marktbreite Index hingegen verlor nur 55 Prozent. Der Anteil von Finanzinstituten sank zeitweise auf unter 10 Prozent.

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All diese Daten zeigen insbesondere eines: Das Risikomanagement wird insbesondere beim Wechsel zwischen den Marktphasen immens wichtig. Gerade dann sorgt eine Sektorenrotation für einen erheblichen Mehrwert. Denn passive Renditen erreicht nur, wer auch wirklich passiv agiert. Wenn jedoch das eigene Portfolio um mehr als 50 Prozent gefallen ist, erhöht sich die emotionale Hürde immens, mit seinem Vermögen an den Aktienmärkten investiert zu bleiben.

Fazit

Selten ist eine Sektorenrotation wichtiger als beim Wechsel zwischen Bullen- und Bärenmärkten. In dieser Phase kann durch ein aktives Risikomanagement ein erheblicher Mehrwert geschaffen werden. Bereits heute hat der Technologiesektor durch seine hervorragende Performance insbesondere seit 2013 immens an Bedeutung gewonnen. Wer also jetzt den Plan eines langfristigen, passiven Investments aufstellt, kauft sich erhebliche Sektorenrisiken für den nächsten Bärenmarkt in das eigene Portfolio. Trotzdem scheint ein solcher Plan verlockend, scheint es doch so, als könnten Märkte nie wieder fallen. Doch der nächste Bärenmarkt kommt bestimmt und mit ihm die Schwierigkeit, seinen langfristigen Plan auch mit zwischenzeitlichen Verlusten von möglicherweise mehr als der Hälfte des eingesetzten Vermögens durchhalten zu müssen. Passive Investments können eine hervorragende Lösung der Geldanlage sein - jedoch tendenziell vor allem zu Beginn eines Bullenmarktzyklus und nicht gegen Ende!

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