Montag, 22. Juli 2019

Anlageprofi Robert Halver erklärt Die Liquiditätshausse ist wieder da

Händler an der New Yorker Börse: Die Notenbanken erfreuen die Börsianer weiter mit billigem Geld.

Deflation bedeutet einen anhaltenden Rückgang des Preisniveaus für Güter und Dienstleistungen. Wenn Unternehmen und Konsumenten ihre Portemonnaies zunageln, weil es morgen noch billiger wird, ist das Tor für Wirtschaftskrisen und soziale Probleme weit geöffnet.

Mit dieser schlimmsten aller Konjunkturgefahren haben wir es zurzeit nicht zu tun. Doch sind Politiker gut beraten, Deflation frühzeitig zu bekämpfen. Denn ist sie erst einmal da, klebt sie wie Kaugummi am Schuh.

Trump - "Demolition Man" der Weltwirtschaft

Heutzutage ist anti-deflationäre Wirtschaftspolitik aber rar gesät.

Da die EU und China aufgrund ihrer Exportabhängigkeit unter einem Handelskrieg mehr leiden als die USA, glaubt Trump, dass sie wegen seiner Drohungen letztlich klein beigeben müssen. Da Trump China - das sicher auch kein handelspolitisch Heiliger ist - keinerlei ehrenhafte Freiräume für Eingeständnisse gewährt, hat er sich selbst in eine Sackgasse geführt. Wenn er im US-Präsidentschaftswahlkampf zur eigenen Gesichtswahrung all seine Handelsdrohungen umsetzt, wird die Weltwirtschaftsleistung schon 2020 laut Internationalem Währungsfonds um mindestens eine halbe Billion US-Dollar dezimiert.

In der nächsten Quartalsberichterstattung werden Gewinnwarnungen von US-Unternehmen beweisen, dass auch Amerika keine Wachstumsinsel ist. Läuft im Extremfall die Wirtschaftswelt auf die Zweiteilung in eine US-dominierte und chinesisch beherrschte Hemisphäre zu, würden die seit 1989 langwierig aufgebauten, hocheffizienten globalen Produktions-, Liefer- und Absatzketten reißen.

Da Europa nur mit Moral gewinnen will, hat es wirtschaftspolitisch schon verloren

Doch auch Europas Wirtschaftspolitik trägt deflationäre Züge. So betreibt zum Beispiel Italien unverhohlen europäische Wehrkraftzersetzung. Und Deutschland? Die Stimmung in der GroKo ist schlechter als auf jedem Friedhof. Und wenn sich insofern selbst Deutschland nicht mehr traut, heiße Reform-Eisen anzufassen, wird Europa langsam, aber sicher zu einem kollektiven Industriemuseum.

Überhaupt, mit populistischen Themen wie Mietpreisdeckeln und Enteignungen werden Privatinvestoren aus Deutschland vertrieben wie Unkraut durch Glyphosat. Und dem Klimaschutz läuft man hinterher, ohne darüber nachzudenken, wie man ihn mit der Ökonomie versöhnen kann. Was machen wir eigentlich, wenn aufgrund von Umweltauflagen die Produktion aus Deutschland ins Ausland und die Arbeitsplätze gleich mit verlagert werden?

Wo bleiben die breiten industriellen Alternativen und Infrastruktur- bzw. Digitalisierungsoffensiven, um die wirtschaftliche Zukunft zu gewinnen?

Insgesamt verschreckt diese weltwirtschaftspolitische Verunsicherung Unternehmen wie Plastik-Raben die Tauben. Die deutsche Industrie steckt laut dem Ifo Institut bereits in der Rezession. Aber auch weltweit zieht es die Frühindikatoren deutlich nach unten.

Und tatsächlich, gemäß Preiserwartungen für die nächsten fünf Jahre ist die Gefahr eines Desinflationsszenarios sowohl in den USA als auch in Europa durchaus gegeben.

Welche konjunkturellen Lustgewinne versprechen die neuen geldpolitischen Freuden?

Panisch stellen sich die Notenbanker auf einen Weltwirtschaftsabschwung ein. Die Fed wird in diesem Jahr noch die Zinsen senken. Und da sich Peking als Vergeltung für Trumps Sanktionen massiv von US-Staatspapieren trennt, ist auch seitens der amerikanischen Liquiditätspolitik noch nicht aller Tage Abend.

Wenngleich die EZB ihren Krisenmodus seit 2009 nie aufgegeben hat, denkt sie angesichts drohender Wirtschaftsabkühlung über weitere geldpolitische Lockerungen nach, auch um den Euro im Krieg um die schwächste Währung möglichst exportfreundlich zu halten. Obwohl die Leitzinsen bereits auf null stehen, ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Ein noch tieferer Einlagenzinssatz für Banken - aktuell minus 0,4 - würde aber die ohnehin schwache Profitabilität der Euro-Banken zusätzlich belasten.

Daher setzt der Kapitalmarkt eher auf die Wiederaufnahme des Anleihenaufprogramms. Tatsächlich befinden sich die Renditen von Staatsanleihen im heftigen Sinkflug. In Europa liegen sie mehrheitlich auf historischen Tiefständen.

Aber wirkt das noch billigere Geld wirklich konjunkturstützend bzw. deflationsbekämpfend? Nein, denn was nutzt privaten Investoren fast geschenktes Geld, wenn kaum (wirtschafts-)politische Planungssicherheit gegeben ist und damit die Renditeaussichten der Investitionen nebulös sind. Niemand baut ein Haus auf sandigem Untergrund.

Zur Deflationsverhinderung bleibt dann nur noch Vater Staat mit neuen Schulden. Es ist zu erwarten, dass das Deflationsgespenst als bedeutendes Alibi verwendet wird, die europäischen Schuldenkriterien noch weiter zu schleifen. Es ist zu hoffen, dass dann neue Konjunkturprogramme auch der Infrastruktur und Wettbewerbsverbesserung zugutekommen. Nennen wir es gute Schulden.

Wie auch immer, die Aktienbörsen erleben ein Déjà-vu: Die Liquiditätshausse ist wieder da. Der zinsseitige Anlagenotstand sorgt zumindest für Inflation an den Aktienmärkten. In diesem Zusammenhang wird auch der Goldpreis inflationiert.

Liebe Anlegerinnen und Anleger, grämen wir uns nicht über Politik. Setzen wir lieber auf Sachkapital.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG

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