NFT statt Panini Das Milliardengeschäft mit den digitalen Sammelbildern

Panini-Bilder waren gestern. Heute werden die Sammelbildchen digital gekauft und getauscht. Pünktlich zum Start der Fußball-WM in Katar sind auch die Fifa und Fußball-Stars wie Cristiano Ronaldo in den lukrativen Markt eingestiegen. Auch ein deutsches Unternehmen mischt mit, unterstützt von Porsche Ventures.
NFT-fähig: Superstar Cristiano Ronaldo

NFT-fähig: Superstar Cristiano Ronaldo

Foto: PATRICIA DE MELO MOREIRA / AFP

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Bislang war das Geschäft mit den kleinen Fußballbildern fest in italienischer Hand. Seit 1961 verkauft das Unternehmen Panini aus Modena klebende Sammelbildchen, seit der Weltmeisterschaft 1970 auch international. Es ist in lukratives Geschäft: Die privat gehaltene Firma setzte zuletzt rund 1,3 Milliarden Euro um. In Deutschland kostet ein Tütchen mit fünf Bildern einen Euro, insgesamt kommen schnell hunderte Euro zusammen, will man ein ganzes WM-Album mit den 670 unterschiedlichen Bildern voll bekommen.

Allerdings läuft es für Panini nicht ganz so rund wie in der Vergangenheit. Dem Verlag macht der späte Zeitpunkt der WM in Katar zu schaffen, wie der Geschäftsführer der deutschen Tochterfirma, Hermann Paul, jüngst erklärte. Man habe die Geschäftserwartungen im Vergleich zu früheren Weltmeisterschaften nach unten gesetzt. Gleichzeitig wandelt sich der gesamte Markt. Zwar halten die Italiener weiterhin die wertvollen Rechte für die WM-Turniere. Aber der US-Rivale Topps hat sich unter anderem die europäischen Fußballturniere und Bundesliga gesichert und der weltgrößte Sportvermarkter Fanatics die Rechte an den großen US-Sportligen.

Vor allem aber: Der ganze Hype um die Sticker verlagert sich ins Internet. Messi, Ronaldo, Mbappé und Neymar werden zunehmend digital gesammelt und getauscht.

NFT für Künstler und Ballkünstler

Möglich wird das über NFT. Die Abkürzung steht für "Non Fungible Token" und beschreibt ein nicht-austauschbares, digitales Besitzerzertifikat. Ein NFT soll die Echtheit eines digitalen Produkts wie eines Videos oder Bildes garantieren. Das Token kann dann zwar von jedem im Internet angeschaut und auch kopiert oder heruntergeladen werden, es gehört aber nur demjenigen, der das Zertifikat erworben hat. Das Speichern des Token in der Blockchain macht ihn einzigartig, unveränderbar und rückverfolgbar.

Die wichtigsten Begriffe und Segmente im NFT-Geschäft

Dezentrale Netze aus Tausenden Computern führen ein gemeinsames Register. Darin kann der Besitz an austauschbaren Währungen wie Bitcoin und Ethereum eingetragen werden, ebenso das Eigentum an Gütern wie Kunstwerken oder Sammelbildern von Prominenten.

Relativ weit verbreitet sind NFTs bereits im Kunstmarkt . Der große Durchbruch gelang der Technologie im Februar 2021, als das Auktionshaus Christie’s die digitale Collage "The First 5000 Days" des Grafikdesigners Mike Winkelmann alias Beeple für 69 Millionen Dollar versteigerte. Daraufhin explodierten die Preise für NFTs. Im vergangenen Jahr flossen laut dem Datenanbieter Chainanalysis weltweit mehr als 44 Milliarden Dollar in NFTs. Der große Hype der NFT-Blase  ist inzwischen vorbei, die übertriebenen Preise sind teils deutlich gesunken. Das Konzept aber funktioniert.

Inzwischen hat auch das Sport-Business die Token für sich entdeckt. Immer mehr Sportverbände und Plattform-Anbieter tummeln sich in dem Geschäft – und erzielten teils unglaubliche Preise. Vorreiter sind die amerikanischen Profiligen, insbesondere die Basketballliga NBA, die mit ihrem Projekt Top Shot einzigartige Bilder oder Videos als NFT produziert. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete sie damit einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro. Der teuerste jemals verkaufte Token im Bereich Sport-Business war eine Kombination aller sechs Championship-Ringe der Golden State Warriors aus der NBA mit umgerechnet fast 800.000 Euro.

Aber auch im Fußball hat die Technik Einzug gehalten. So wurde beispielsweise im Februar dieses Jahres eine Sammelkarte des norwegischen Stürmerstars Erling Haaland (22) für rund 609.000 Euro verkauft. Die Haaland-Karte landete damit auf Platz zwei der wertvollsten Sport-NFTs aller Zeiten.

Fifa und CR7 steigen pünktlich zur Fußball-WM in Katar ein

Kein Wunder, dass in diesem scheinbar lukrativen Geschäft auch der Weltfußball-Verband Fifa mitmischen will – und zwar pünktlich zum Start der WM in Katar. Auf der neuen NFT-Plattform "Fifa+ Collect " können Fußballfans seit Kurzem besondere Momente der WM-Geschichte als NFT kaufen und sammeln – ähnlich wie bei der Top-Shot-Sammlung der NBA. Mit Beginn der Fußball-WM in Katar sollen auch Bilder der aktuellen Spiele als NFT angeboten werden. Die Karten können aber nicht nur gesammelt und getauscht werden. Die Eigentümer können ihre digitalen Spieler auch gegeneinander antreten lassen und damit angeblich sogar Gewinne erzielen. Als technologischen Partner hat sich der Verband für die Blockchain-Plattform Algorand mit der Kryptowährung Algo entschieden, deren Kurse auch nach dem FTX-Desaster heftig schwanken.

Und nur wenige Tage vor Beginn des Turniers in Katar launcht Portugals Superstar Cristiano Ronaldo (37) sogar seine eigene NFT-Collection. Exklusiv über den NFT-Handelsplatz der weltgrößten Krytobörse Binance startet "CR7" am 18. November den Verkauf seiner Token. Die Kollektion soll sieben animierte Statuen Ronaldos beinhalten und mit Erhalt weitere Features freischalten, darunter Autogramme oder eine Mystery Box. Je nach Rarität soll ein NFT zwischen 77 und 10.000 US-Dollar kosten.

DFL kooperiert mit dem milliardenschweren Start-up Sorare

Die Deutschen mischen, anders als die Fifa, schon länger im neuen Digitalgeschäft mit. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) verkündete bereits im Oktober 2021 eine Kooperation mit der Fußballplattform Sorare , die seitdem auf ihrer Website unter anderem NFTs aus der Ersten und Zweiten Bundesliga verkauft.

Sorare wurde 2018 von Nicolas Julia (36) und Adrien Montfort (38) als Fantasy-Fußballspiel in Paris gegründet und hat derzeit etwa 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Insgesamt zählt die Plattform monatlich mehr als 380.000 aktive Nutzer. Neben der DFL sind unter anderem auch die spanische LaLiga – das Gegenstück zur Ersten Bundesliga – sowie die Klubs Paris St. Germain und der FC Liverpool Partner von Sorare.

Im Laufe der Zeit haben die Gründer schon viele prominente Unterstützer gefunden wie beispielsweise Oliver Bierhoff (54), Antoine Griezmann (31), André Schürrle (31), Serena Williams (41) und Gerard Piqué (35). Auch die institutionellen Investoren sind namhaft: die japanische Softbank sowie die Finanzinvestoren Benchmark Capital und Accel sind dabei. Inzwischen wird das Start-up laut CBInsights  mit 4,3 Milliarden US-Dollar bewertet und ist damit eines der wertvollsten Start-ups Frankreichs. Nach der spektakulären Finanzierungsrunde über 680 Millionen Euro im Herbst 2021 sagte Gründer Julia über seine Vision zum manager magazin : "Wir bauen einen Entertainmentgiganten."

Unterstützt Sorare mit ihrem Namen: Tennisstar Serena Williams

Unterstützt Sorare mit ihrem Namen: Tennisstar Serena Williams

Foto: SARAH YENESEL / EPA

Eigenen Angaben zufolge soll Sorare von Anfang an profitabel gewesen sein. Kein Wunder, schließlich liegt die Marge bei fast 100 Prozent des Verkaufspreises. Das Start-up schafft ja Werte quasi aus dem Nichts – und die Nutzer bezahlen mit echtem Geld. Etwa 10 Prozent der generierten Einnahmen gehen laut Sorare an die Fußballklubs und Ligen, 50 Prozent zahlt das Unternehmen den Nutzern wieder aus, wenn sie mit ihren digitalen Spielern beispielsweise an Online-Turnieren oder ähnlichem teilnehmen. Technisch gesehen setzt Sorare anders als die Fifa auf die Ethereum-Blockchain, die gerade eine groß angelegte Umstellung vollzogen hat.

Extra zur WM hat auch Firmenchef Julia ein neues Managerspiel rund um die digitalen WM-Helden gestartet. Gerade erst präsentierte er außerdem einen weiteren prominenten Botschafter: Lionel Messi (35).

DFB-Partner ist Fanzone – unterstützt von Porsche Ventures

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat sich dagegen für einen anderen Anbieter entschieden. Das Berliner Unternehmen Fanzone  hat die Rechte an den digitalen Sammelkarten der deutschen Nationalmannschaften der Frauen und Männer, der U-21 Nationalelf und der 3. Liga. Weitere Partner sind der Deutsche Basketball-Bund (DBB) und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB). Das Start-up wurde 2020 von Dirk Weyel (54), Björn Hesse (40) und Claudio Werk (39) gegründet und hat ebenfalls bereits prominente Unterstützer wie die Ex-Fußballer Andreas Brehme (61) oder Per Mertesacker (38) um sich geschart. Einer der ersten Investoren war unter anderem Porsche Ventures, die Risikokapitalabteilung des Sportwagenbauers.

Fankultur 3.0: Die digitalen Sammelkarten der deutschen Nationalmannschaft der Fußballerinnen gibt es bei Fanzone zu kaufen

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Foto: [m] manager magazin; PR

Fanzone hat derzeit rund 20 Beschäftigte, zum Umsatz macht das Unternehmen keine Angaben. Immerhin zählt auch diese Plattform eigenen Angeben zufolge inzwischen rund 100.000 Nutzer, davon gut die Hälfte aus Deutschland. Die Berliner nutzen die sogenannte Polygon-Blockchain, die den energieeffizienten Proof-of-Stake-Mechanismus verwendet.

Win-win für Verbände und Anbieter – Risiken für Nutzer

Für die Sportverbände sind die Plattformen nach den Einnahmeausfällen durch die pandemiebedingt geschlossenen Stadien eine lukrative zusätzliche Einnahmequelle. Die Anbieter wiederum erreichen deutlich mehr potenzielle Kunden, die sich zuvor vielleicht nie mit Kryptowährungen oder NFTs beschäftigt haben, nun aber eine Möglichkeit sehen, sich mit ihren Vereinen zu vernetzen.

Allerdings birgt das digitale Sammelbildchen-Geschäft auch Risiken. Die Kurse in der Kryptowelt sind extrem volatil, erst recht seit dem Kollaps der Kryptobörse FTX und den Folgen für die gesamte Branche. Auch die Volatilität bei den NFTs ist derzeit sehr hoch. Zudem ist der Markt noch sehr abhängig von der Entwicklung der Kryptowährungen wie beispielsweise Bitcoin. "Das Handelsvolumen auf den großen NFT-Plattformen ist in den vergangenen Monaten parallel zu den Entwicklungen am Kryptomarkt drastisch eingebrochen", meint etwa Bitkom-Experte Benedikt Faupel – angesichts der Betrugsvorwürfe gegen FTX dürfte zusätzlich viel Vertrauen verloren gehen.

Ein weiteres Problem ist, dass manche Plattformen in sich geschlossen sind. "Nutzer können ihre NFTs dann nur über die jeweiligen Anbieter handeln und sie nicht in ihrer Wallet von einem Dienst zum nächsten mitnehmen", sagt Faupbel. "Falls das Unternehmen pleitegeht, sind die Token wertlos."

Tückisch bei den Plattformen ist auch der Seltenheitswert der Karten. Schließlich können die Anbieter jederzeit neue Kategorien einführen, um mehr Karten zu verkaufen. Dann gäbe es einen Spieler nicht nur 1000-mal zu kaufen, sondern 5000-mal. Damit würde auch der Preis der bereits verkauften NFTs sinken.

Gerade im Sport-Business setzen viele Verbände daher auf zusätzliche Angebote wie Meet and Greets, VIP-Tickets oder individuelle Videos der Stars. Damit wird die digitale Welt mit der analogen verbunden und ein Mehrwert über den digitalen Wert hinaus geschaffen. Das soll vor allem die richtigen Fans und nicht nur die Spekulanten anlocken und die Preisschwankungen verringern.

Mit den klassischen Klebebildern jedenfalls könnte es bald vorbei sein. Die Möglichkeiten in der digitalen Welt scheinen zu verlockend. Und so ganz einfach wollen auch die alten Herren aus Modena das Geschäft nicht aus der Hand geben. Panini hat sich vorsorglich schon mal ein zweites Standbein aufgebaut – und vertreibt die Porträts der Fußballprofis ebenfalls digital.

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