Britische Aktien, Anleihen und Pfund gefragt Warum Investoren Großbritannien plötzlich wieder lieben

Wie ein Phoenix aus der Asche: Lange drückten Brexit und Corona-Krise britische Werte an den Finanzmärkten in den Keller. Doch jetzt boomen FTSE, Pfund und Gilts plötzlich. Kann das von Dauer sein?
Herzogin Kate: Die Gemahlin von Prinz William zählt zu den Sympathieträgern des Königreichs

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Foto: AP Photo/Alik Keplicz

Das hätte wohl kaum jemand erwartet: Noch vor Monaten stand Großbritannien in der Welt da wie der ökonomische Depp, der Brexit drohte ins Chaos zu münden, und die Corona-Pandemie hatte die Insel - von der Regierung in London wohl nicht ganz unverschuldet - härter getroffen als viele andere Länder. Doch davon ist an den Finanzmärkten inzwischen keine Rede mehr, seit einigen Wochen gehören Investments im Königreich plötzlich wieder zu den Favoriten der Investoren.

Der britische Aktienmarkt? Der Leitindex FTSE hat seit November 2020 etwa 20 Prozent zugelegt, ähnlich wie hierzulande der Dax oder in den USA der S&P 500. Das britische Pfund? Ist gefragt wie lange nicht und laut Blomberg in diesem Jahr der beste Performer in einem Korb von 16 wichtigen Währungen, die die Finanzinformationsagentur beobachtet. Gegenüber dem Euro legte die britische Währung zuletzt die längste Gewinnstrecke seit 2015 hin. Ein Pfund war zeitweise wieder mehr als 1,16 Euro wert - das gab es zuletzt vor dem Corona-Crash im Frühjahr 2020. Und die Staatsanleihen der Briten, die sogenannten Gilts? Die Hoffnung auf eine baldige Konjunkturerholung hat die Anleihekurse vieler Länder in den vergangenen Wochen unter Druck gebracht, die USA und Deutschland inklusive. Im Gegenzug stiegen die Renditen der Papiere - und das geschah besonders stark bei den britischen Anleihen.

Die Finanzmärkte senden damit eine deutliche Botschaft: Sie erwarten eine wirtschaftliche Erholung Großbritanniens, die deutlich schneller verlaufen wird als im Rest Europas oder anderswo auf der Welt.

Argumente für diese Annahme gibt es einige. So hat sich die Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Brexit weitgehend gelegt, weil es der Regierung von Premierminister Boris Johnson (56) Ende 2020 beinahe in letzter Minute doch noch gelang, ein Abkommen mit der Europäischen Union unter Dach und Fach zu bringen. Zwar habe der Pakt auch Nachteile für Großbritannien, schreibt etwa Adolf Rosenstock, Ökonom vom Frankfurter Investmenthaus MainSky Asset Management, in einer Einschätzung. Aber: "Bei allen negativen Folgen dürfte für die Zukunft des britischen Finanzmarktes die Tatsache viel entscheidender sein, dass mit dem Brexit-Deal die jahrelange Unsicherheit über das Wie und Wann des Austritts aus dem Markt verschwunden ist und es Großbritannien nun auch selbst in der Hand hat, unter welchen Bedingungen es mit Ländern außerhalb der Europäischen Union Handel betreiben will."

Briten impfen besser als andere

Auf lange Sicht, so fasst Rosenstock eine Hoffnung zusammen, die offenbar auch andere Investoren teilen, könnte der Brexit damit zu stärkeren Beziehungen zu globalen Handelspartnern wie China, Indien oder den USA führen.

Was jedoch womöglich noch wichtiger ist: Auch beim Kampf gegen die Corona-Pandemie stellt Großbritannien inzwischen viele andere Länder in den Schatten. Zur Erinnerung: Zunächst zählte das Land zu jenen, die von der Pandemie besonders stark betroffen waren, was sich beispielsweise an hohen Infektionsraten und überdurchschnittlichen Zahlen von Todesfällen ablesen ließ. Verantwortlich dafür war womöglich zumindest zum Teil auch die britische Regierung von Premier Johnson, dem Kritiker im vergangenen Jahr lange Zeit vorwarfen, nicht entschieden genug gegen das Coronavirus vorzugehen.

Doch auch bei diesem Thema hat sich das Blatt gewendet, was vor allem daran liegt, dass Großbritannien bereits deutlich früher mit einer groß angelegten Impfkampagne begann als die Länder der EU. Folge: Inzwischen haben bereits mehr als 20 Prozent aller Briten mindestens eine Impfdosis verabreicht bekommen - in Deutschland liegt dieser Wert momentan bei etwas mehr als 5 Prozent. Und während hierzulande noch über mögliche Maßnahmen gegen eine dritte Welle der Pandemie diskutiert wird, stellte Boris Johnson vor wenigen Tagen bereits ein Ende des Lockdowns und eine Wiederöffnung der Wirtschaft im Sommer dieses Jahres in Aussicht. Bis zum 21. Juni, so Johnson in einer Rede im Parlament, wolle die britische Regierung alle Beschränkungen in der Coronavirus-Pandemie in England aufheben.

Was das für die britische Wirtschaft bedeuten könnte, haben die Volkswirte von Bloomberg bereits durchgerechnet. Demnach können die Unternehmen auf der Insel im zweiten Quartal geradezu mit einem Wachstumsturbo rechnen. Nachdem für die ersten drei Monate des Jahres noch ein Corona-bedingter Rückgang der Wirtschaftsleistung um 4,5 Prozent erwartet wird, könnte das Plus von April bis Juni wieder auf 7 Prozent in die Höhe springen, so Bloomberg .

Die Unsicherheit bleibt

Klar, dass diese Perspektive am Finanzmarkt gut ankommt. "Auch wenn Großbritannien eines der am stärksten betroffenen Länder der Pandemie ist, wird die schnellere Immunisierung der Bevölkerung sowie der von Premier Boris Johnson vorgestellte Lockdown-Ausstiegsplan der britischen Wirtschaft ab dem zweiten Quartal deutlich mehr Momentum verleihen im Vergleich zur Eurozone", erwartet beispielsweise auch Tobias Frei, Portfoliomanager beim Investmenthaus Bantleon. "Diese Erwartung trieb in den vergangenen Wochen Gilt-Renditen doppelt so stark in die Höhe wie beispielsweise zehnjährige Bundesanleihen und machte das britische Pfund seit Jahresbeginn zu einer der stärksten Währungen", sagt Frei in einer Einschätzung für das manager magazin.

Die entscheidende Frage ist nur: Wie realistisch sind diese Aussichten wirklich? Und: Sollte Großbritannien tatsächlich mit einem solchen Vorsprung aus der Corona-Krise kommen - wie lange wird das Land danach weiterhin die Nase vorn haben?

Die vergangenen zwölf Monate im Pandemie-Modus haben gezeigt, dass das Virus - beispielsweise durch Mutationen - für Überraschungen sorgen kann. Eine längerfristige Planung wie die der Briten bis Juni ist daher zweifellos mit einem erheblichen Unsicherheitsfaktor verbunden. Hinzu kommt: Auch andere Länder werden in nächster Zeit vermutlich Erfolge erzielen und den Rückstand zu Großbritannien womöglich verringern oder komplett wettmachen.

"Deutschland, Frankreich und Italien werden bis Ende des Sommers bei der Impfquote gleichgezogen haben, sodass sich Investoren wieder vermehrt auf ökonomische Themen fokussieren werden", glaubt etwa Bantleon-Manager Frei. "Insbesondere der schleppende britische Export, welcher unter den EU-Zollformalitäten leidet, sowie der britische Servicesektor, welcher nicht Gegenstand des Handelsabkommens ist, könnten das weitere Aufwärtspotential begrenzen."

Angesichts der künftigen Isolation Großbritannien von der EU stehe dem Königreich zudem ein struktureller Umbruch der Wirtschaft bevor, "ähnlich der De-Industrialisierung zu Beginn der Thatcher-Ära", so Frei.

Kurzum: Investoren, die über den kommenden Sommer hinausschauen, werden vielleicht erkennen, dass die Aufholjagd Großbritanniens an den Finanzmärkten in den vergangenen Wochen womöglich gerechtfertigt war. Laut MainSky beispielsweise ist der Londoner Aktienmarkt trotz der jüngsten Kursanstiege nach wie vor "moderat bewertet" - er hatte eben lange Zeit der internationalen Konkurrenz hinterhergehinkt.

Für weitere Sprünge nach oben sollten aber neue Argumente her - oder harte Fakten anstelle von Erwartungen.

cr