Frauen als Anleger Finanzberatung jetzt auch in Rosa

Im Internet wächst die Zahl an Finanzberatungsangeboten speziell für Frauen. Eine neue Studie zeigt, dass Frauen tatsächlich risikoscheuer anlegen als Männer. Woran liegt das? Und: Rechtfertigt es eine geschlechterbezogene Beratung? Oder ist es bloß ein Marketing-Trick?
Von Judith Henke und Leon Kirschgens
Frauen sind risikoaverser, wenn es um Geldanlagen geht. Rechtfertigt das besondere Beratungsangebote?

Frauen sind risikoaverser, wenn es um Geldanlagen geht. Rechtfertigt das besondere Beratungsangebote?

Foto: imago/Westend61

Was für eine Vorstellung: Sie betreten Ihre Bankfiliale und ein Schild weist Sie an: "Anlagenberatung: Frauen bitte rechts, Männer links". Am rechten Schalter wartet eine Frau auf die Kundinnen, am linken Schalter fachsimpelt ihr männliches Pendant mit seinen Klienten. Die Kunden reihen sich bereitwillig ein - denn sie wissen: Frauen und Männer haben ein ganz unterschiedliches Verständnis von Finanzen.

Zurück in die Wirklichkeit: Ganz so weit ist es noch nicht; keine Bank sortiert ihre Kunden offensiv nach dem Geschlecht. Sehr wohl tun es aber einige Finanzberatungen, wie ein Blick ins Internet verrät. Dort finden sich zahlreiche Finanzberater, die Anlagetipps extra für Frauen geben. Dort heißt es, dass sich Frauen in Sachen Finanzen zurückhielten: Sie scheuten das Risiko und vermieden daher, ihr Geld in Aktien anzulegen. Aber stimmt das überhaupt - und wenn ja, warum?

Nur 15 Prozent der Frauen investieren in Wertpapiere

Die These der Blogs bestätigen eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und eine Kundenanalyse der ING-DiBa aus diesem Jahr: Nur 15 Prozent der Frauen legen ihr Geld überhaupt in Wertpapieren an - bei den Männern sind es 22 Prozent. Und wenn Frauen investieren, dann eher in tendenziell weniger riskante Exchange Traded Funds (ETFs) als in einzelne Aktien. Frauen ist es augenscheinlich lieber, ihr Geld sicher auf verschiedene, etwa im DAX gelistete Anlagen zu verteilen, und damit auf Nummer sicher zu gehen. Männer hingegen betrachten den Anlagemarkt offenbar eher als Chance und investieren tendenziell in einzelne Aktien. Das bestätigt alte Klischees: Der Finanzmarkt ist die Domäne der Männer.

Helma Sick wundert es nicht, dass Frauen im Umgang mit Geld zurückhaltender sind. Vor mehr als dreißig Jahren hat sie "Frau & Geld" gegründet - eine Finanzberatung, zugeschnitten auf Frauen. "Frauen haben, historisch gesehen, wenig bis keine Erfahrung mit Geld", sagt sie. Bis weit in das vergangene Jahrhundert hinein hätten Frauen höchstens das Haushaltsgeld verwaltet. Erst in den Sechzigerjahren durften Frauen ein Konto eröffnen, und bis 1977 hätte jeder Ehemann den Job seiner Frau kündigen dürfen, erklärt Sick. Sie findet eine geschlechterbezogene Beratung deshalb nicht nur gerechtfertigt, sondern geradezu zwingend. Männer könnten sorgloser mit Geld umgehen, da sie im Schnitt besser bezahlt würden und weniger familiär bedingte Auszeiten hätten.

"Viele Finanzangebote für Frauen ein Marketing-Trick"

Sick beobachtet eine Art Rückwärtsbewegung: Gut ausgebildete Frauen würden sich wieder zunehmend aus dem Beruf zurückziehen und selbst dann noch in Teilzeit arbeiten, wenn die Kinder erwachsen seien. "Ich finde diese Entwicklung verhängnisvoll und auf jeden Fall zum Nachteil der Frauen. Sie machen sich damit abhängig." Kaum eine Frau spreche mit ihrem Partner darüber, die Rentenzahlungen auszugleichen, die ihr entgangen seien, weil sie für die Familie auf ihre Karriere verzichtet habe. "Es ist deshalb wichtig, dass Frauen einen finanziellen Lebensplan entwerfen, der ihre eigene Lebenswirklichkeit berücksichtigt." Und diese sei nun mal oft anders als bei Männern. "Diese unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern müssen auch in einer Beratung eine Rolle spielen."

"Nur ein Marketing-Trick"

Martin Schmidberger, Generalbevollmächtigter der ING-DiBa, wittert in vielen Finanzangeboten für Frauen jedoch einen Marketing-Trick. "Es wird ein Unterschied zwischen Frauen und Männern suggeriert, den es so gar nicht gibt." Frauen gingen zwar emotionaler und risikoscheuer als Männer an Finanzsachen heran. Das erkläre, weshalb Beratungsangebote für Frauen mit einem anderen Schwerpunkt vermarktet würden.

"Doch ein guter Berater achtet nicht auf das Geschlecht, sondern auf die Interessen des einzelnen Anlegers und stellt daraufhin ein Portfolio zusammen, das der individuellen Risikobereitschaft entspricht", sagt Schmidberger. "Nach meiner Einschätzung bedarf es dafür keiner frauenspezifischen Beratung."

Denn sonst bestehe die Gefahr, dass Frauen unnötig in eine bestimmte Rolle gedrängt werden- oder gar über den Tisch gezogen. "Die Produkte werden ja nicht anders sein, womöglich aber deren Kosten", sagt er. So könnte ein zwielichtiger Berater ein Geschäft wittern und Frauen vermeintlich auf sie zugeschnittene Fonds verkaufen, für die er einen viel höheren Ausgabeaufschlag nimmt.

Mehr Selbstbewusstsein

Dass es keiner frauenspezifischen Beratung bedarf, sieht Sick anders. "Natürlich ist es die Grundvoraussetzung in einer Finanzberatung, auf die Bedürfnisse des Einzelnen einzugehen", bestätigt sie. "Doch wenn die Lebenswirklichkeiten so unterschiedlich sind, ist es absolut sinnvoll, sich an eine Beraterin zu wenden, die diese Problematik bestens kennt und sich seit Jahren damit auseinandersetzt." Überhaupt habe Sick in der Vergangenheit oft die Erfahrung gemacht, dass Frauen selbstbewusster werden, wenn man sie unterstützt, Geld gut anzulegen und mit dem Partner faire Bedingungen für die Elternzeit auszuhandeln.

Die Sorge von ING-DiBa-Chef Schmidberger, Frauen könnten von vermeintlichen Frauenberatungen über den Tisch gezogen werden, empfindet Sick als unbegründet. Es gebe zwar auch unseriöse Beratungsangebote auf dem Markt. Doch: "Frauen merken sehr schnell, wenn hinter dem Versuch nicht echtes Engagement für Frauen steht, sondern bloße Marketingstrategie gepaart mit Verkaufsdruck."

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