Börsenhype spült Milliarden in ETFs Die dunkle Seite des Indexfonds-Booms

Passive Investmentfonds werden seit Jahren beliebter, im aktuellen Börsenhype fließt so viel Geld in die Vehikel wie nie zuvor. Anleger sollten jedoch einige Fallstricke und Risiken kennen, die mit dem Modeinvestment verbunden sind.
Leerer Börsensaal in New York: Immer mehr Investoren setzen auf passives Investment anstelle einer aktiven Teilnahme am Finanzgeschäft

Leerer Börsensaal in New York: Immer mehr Investoren setzen auf passives Investment anstelle einer aktiven Teilnahme am Finanzgeschäft

Foto: Kearney Ferguson/ dpa

14.169 Punkte, der lange erwartete neue Dax-Rekord wurde zu Beginn dieser Woche gesetzt. Seit Monaten haussieren die Börsen in Europa ebenso wie in den USA und an anderen wichtigen Handelsplätzen der Welt, Corona-Krise hin oder her. Investoren setzen auf ein baldiges Ende der Pandemie, das darauffolgende wirtschaftliche Comeback - flankiert von staatlichen Milliardenhilfen und billigem Notenbankgeld - wird schon jetzt in die Aktienkurse eingepreist.

Auch Privatanlegern wird immer wieder geraten, wenigstens einen Teil ihrer Ersparnisse am Aktienmarkt zu investieren. Zwar gibt es stets Rückschlagsrisiken. Langfristig aber, so das Argument, sind an der Börse bei richtiger Allokation der Mittel Renditen drin, mit denen die Zinsangebote von Banken und Sparkassen – insbesondere in der aktuellen Niedrigzinsphase – nicht mithalten können. Als probates Investmentvehikel bieten sich seit einigen Jahren vermehrt Indexfonds oder Exchange Traded Funds (ETFs) an.

Gerade in der Pandemie und dem anhaltenden Börsenboom erhalten ETFs enormen Zuspruch. So verzeichnete die Branche weltweit im vergangenen Jahr ein Nettomittelaufkommen von 756 Milliarden Dollar, wie der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock berechnet hat . Ein neuer Rekordwert, der den bisherigen von 660 Milliarden Dollar im Jahr 2017 deutlich übertraf. Allein 410 Milliarden Dollar steckten private und institutionelle Anlegerinnen und Anleger laut Blackrock 2020 in passive Aktienfonds. Fonds mit Fokus auf den Anleihenmarkt erhielten 257 Milliarden Dollar und Rohstoffprodukte weitere 64 Milliarden Dollar.

Hintergrund: Die sogenannten passiven Fonds verzichten auf ein teures Managementteam und setzen stattdessen auf die Nachbildung vorgegebener Indizes. So lassen sich aus Anlegersicht die Kosten gering halten, die Performance der ETFs liegt, wie Studien gezeigt haben, in vielen Fällen trotzdem im Schnitt sogar über jener aktiver Fondsmanager. Da für solche ETFs auch Sparpläne angeboten werden, eignen sie sich zudem für den gleichmäßigen Vermögensaufbau über einen längeren Zeitraum. Nicht wenige Experten halten beispielsweise einen Sparplan auf einen breit streuenden ETF, der etwa den deutschen Leitindex Dax oder den amerikanischen Dow Jones nachbildet, für einen guten Grundstein eines Anlageportfolios.

Selbst ausgebuffte Investmentprofis wie der Multimilliardär und US-Starinvestor Warren Buffett (90), von Haus aus eigentlich ein Vertreter des aktiven Vermögensmanagements, sprechen sich seit geraumer Zeit immer wieder für die Vorzüge des passiven Investierens über Indexfonds oder ETFs aus. Kein Wunder also, dass sich diese Anlagegattung seit Jahren zunehmender Beliebtheit erfreut. Weltweit zählt die Researchfirma ETFGI  inzwischen mehr als 7600 ETFs, die zusammen mehr als 7,7 Billionen US-Dollar an Anlegergeldern verwalten. Europa kommt demnach auf mehr als 1800 ETFs mit einem verwalteten Vermögen von rund 1,2 Billionen US-Dollar.

Anleger, die sich tatsächlich für einen Indexfonds oder ETF entscheiden wollen, sollten allerdings auch die Risiken und Schattenseiten kennen, die mit diesem Anlagetypus verbunden sind. Hier ein Überblick:

Risiko 1: ETF verleiten zum Zocken

Experten halten es in der Regel für sinnvoll, bei der Geldanlage eine ruhige Hand und einen langen Atem zu haben. Sprich: Einmal getätigte Investments sollten möglichst selten angefasst und geändert werden. So lassen sich zwischenzeitige Turbulenzen überstehen und die Transaktionskosten gering halten. Die niedrigen Kostensätze von ETFs können allerdings dazu verführen, von dieser Faustregel abzuweichen: Die Indexfonds können mit relativ wenig Aufwand schnell und unkompliziert ge- und verkauft werden. Die Gefahr eines solch umtriebigen Verhaltens liegt allerdings auf der Hand: Anleger drohen, den Ereignissen immer hinterher zulaufen, mit dem Ergebnis, dass am Ende nicht die Performance, sondern die Verluste maximiert werden.

Die Gefahr, sich zu Zockerei animieren zu lassen, wird zudem noch gesteigert, weil die Investmentindustrie ETFs inzwischen in verschiedenen Varianten anbietet. So gibt es Fonds, die einen Hebel bieten, so dass die Performance des zugrunde liegenden Index beispielsweise verdoppelt oder sogar verdreifacht wiedergegeben wird. Ebenso gibt es sogenannte Short-ETFs, die die Performance ihres Benchmark-Index praktisch umkehren und sich daher für Wetten auf fallende Kurse eignen. Privatleute, die an einer soliden, langfristigen Vermögensbildung interessiert sind, sollten von solchen Exotenfonds eher die Finger lassen.

Risiko 2: Erwirbt mein ETF die Aktien?

Grundsätzlich wird zwischen zwei verschiedenen Typen von ETFs unterschieden, den sogenannten physisch replizierenden Fonds und den Swap-basierten. Tückisch kann insbesondere das Investment in einen Swap-basierten ETF sein. Diese Fonds erwerben nicht die Aktien, die sich im zugrundeliegenden Index befinden. Stattdessen schließen sie mit einem Partner, beispielsweise einer Bank, einen Vertrag ab, der ihnen die Performance des Index garantiert.

Damit verbunden sind zwei Aspekte, die Investoren zumindest kennen sollten. Punkt eins ist das Kontrahentenrisiko: Sollte der Swap-Partner (Kontrahent) des Fonds seinen Verpflichtungen nicht nachkommen, können für Anleger Verluste entstehen, denn der Swap ist nicht Teil des Fonds-Sondervermögens, für das es aus Anlegersicht eine Absicherung gibt. Die Auswirkungen dieses Kontrahentenrisikos sind allerdings wiederum durch die europäischen Vorschriften zur Regulierung von Investmentfonds (OGAW) begrenzt, wie auch die Verbraucherzentrale betont .

Punkt zwei ist die Intransparenz der Kosten, die dem Fonds durch den Abschluss des Swap-Vertrages entstehen. Diese Kosten sind in der Regel für die Anleger kaum nachvollziehbar. Da viele Fondshäuser entsprechende Swap-Vereinbarungen jedoch mit Muttergesellschaften im eigenen Konzernverbund abschließen, besteht per se die Gefahr von Interessenskonflikten, die auf Kosten der Fondsanleger gehen können.

Risiko 3: In welchen Märkten ETF Vorteile haben

ETFs kosten geringere Gebühren und erzielen im Schnitt die bessere Rendite als aktiv gemanagte Investmentprodukte - das ist die Faustregel, das Hauptargument, aus dem sich immer mehr Anleger für passive Fonds entscheiden. Doch keine Regel ohne Ausnahme. Ihren Vorteil ausspielen können diese Fonds vor allem in großen, etablierten Märkten, die transparent und sehr liquide sind. In solchen Märkten ist es kaum möglich, mit Spezialwissen eine Überrendite zu erzielen – hohe Gebühren für Fondsmanager erweisen sich oft als schlecht angelegtes Geld. Der deutsche Aktienmarkt mit dem Leitindex Dax etwa ist ein solches Spielfeld, ebenso wie der US-Markt mit Indizes wie dem Dow Jones oder dem breiter aufgestellten S&P 500. Das sind ideale Umgebungen für passives Investieren.

Anders verhält es sich mit spezielleren Anlagethemen. Was ist beispielsweise, wenn jemand seinem Portfolio gezielt aussichtsreiche Biotech-Titel beimischen will? Wenn er auch Wachstumswerte im lateinamerikanischen Raum spannend findet? Oder Immobilienfirmen in Osteuropa? All dies sind Themen, bei denen Experten gefragt sind, Fachleute mit Expertise und Erfahrung auf dem fraglichen Gebiet, die idealerweise auch über ein persönliches Netzwerk in der jeweiligen Branche oder Region verfügen. Anleger, die solche Beimischungen im Anlagedepot wünsche, sollten also zunächst recherchieren, wo ihnen diese Expertise am ehesten geboten wird - und im Zweifel auch bereit sein, dafür den entsprechenden Preis in Form von Fondsgebühren zu zahlen.

Risiko 4: Vorsicht bei ähnlich klingenden Produkten

Seit geraumer Zeit werden in einem Zuge mit ETFs, also Exchange Traded Funds, auch ETCs (Exchange Traded Commodities, für das Investment in Rohstoffe wie Gold) sowie ETNs (Exchange Traded Notes) verkauft. Bei letzteren handelt es sich aber nicht wie bei ETFs um gesicherte Sondervermögen mit geringem Ausfallrisiko. ETCs sowie ETNs sind vielmehr Inhaberschuldverschreibungen, bei denen der Investor das Risiko einer Emittentenpleite trägt.

Welche Diskussionen Anleger auch noch kennen sollte

Abgesehen von den genannten Punkten, die unmittelbar mit den Fonds und dem Investment des Anlegers zu tun haben, gibt es übergeordnete Problemfelder, über die im Zusammenhang mit ETFs und Indexfonds ebenfalls diskutiert wird. Auch diese sollten Investoren, die sich für diese Fonds entscheiden, kennen, denn mit ihrem Investment werden sie Teil dieser Problemstellungen.

Eine Debatte dreht sich etwa um die Frage, ob der Vormarsch von Indexfonds und ETFs die Funktionsweise des Aktienmarktes und anderer Bereiche der Finanzwelt grundsätzlich gefährdet. Kritiker warnen, dass die Kursausschläge an der Börse in die eine oder andere Richtung künftig heftiger zu werden drohen, weil immer mehr Geld "blind" in die eine oder andere Richtung bewegt wird, ohne dass sich noch ein verantwortlicher Manager oder ein Team Gedanken darüber machen würde. Die Anlageform verstärke insofern den Herdentrieb der Investoren, ist ebenfalls zu hören.

Markttheoretiker sehen auch die Gefahr, dass Finanzmärkte bald nicht mehr effizient funktionieren könnten. Denn eine Voraussetzung für eine vernünftige Preisbildung sei, dass ausreichend bewusste Kauf- und Verkaufsentscheidungen getroffen würden. Indexfonds jedoch machen sich keine Gedanken über ihre Transaktionen - sie führen einfach aus, was die Indexanbieter ihnen vorgeben.

Ein wichtiger Kritikpunkt lautet zudem, dass Indexfonds nicht nur bei ihren Anlageentscheidungen mehr oder weniger blind den Vorgaben des verfolgten Index nachgehen. Vielmehr verhalten sie sich auch bei der Ausübung ihrer Stimmrechte bei den Aktiengesellschaften, deren Papiere sie im Portfolio haben, in der Regel zurückhaltend. Mit zunehmender Bedeutung von Indexfonds schwinde daher die Einflussnahme der Aktionäre auf das Management der Unternehmen, so die Kritiker. Ein wichtiges Regulativ für den langfristigen Erfolg der Firmen drohe auf diese Weise entscheidend geschwächt zu werden.

Hinzu kommt ein möglicher Interessenkonflikt auf Seiten der ETF-Branche: Viele Unternehmen, deren Aktien von Indexfonds gehalten werden, verfügen zugleich über Altersvorsorgeprogramme, die ihrerseits in Aktien und Fonds investieren. Für Indexfondsanbieter kann das eine reizvolle Geschäftsmöglichkeit darstellen. Sobald sie jedoch auf die Altersvorsorgegelder der Konzerne schielen, sind diese nicht mehr nur Portfoliounternehmen in den Depots der Indexfonds, sondern zugleich potenzielle Kunden.

cr
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