Nachteile von Nachhaltigkeitsfonds Das unterschätzte Risiko der grünen Geldanlage

Milliarden fließen inzwischen Jahr für Jahr in die nachhaltige Geldanlage: Auch die Bundesregierung hat das Thema auf ihre Agenda gesetzt. Der Run auf die grünen Fonds hat aber einen Nachteil, den Anleger oft übersehen.
Elektroauto am Kabel: Umweltverträglichkeit ist auch vielen Geldanlegern bei ihren Investments wichtig

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Foto: JUSTIN SULLIVAN/ AFP

Nachhaltigkeit - der Begriff steht für einen Megatrend der Geldanlage, der weiter Tempo aufnimmt. Jahr für Jahr fließen mehr Gelder in Finanzprodukte, die dieses Label tragen. Zugleich bringt die Investmentindustrie immer mehr solcher Anlageofferten auf den Markt.

Angaben der US-Investmentgesellschaft American Century zufolge wurden 2020 weltweit neue Rekordsummen in diesen Bereich investiert. Demnach haben Anleger im vergangenen Jahr insgesamt 490 Milliarden Dollar in grüne, soziale und nachhaltige Anleihen gesteckt. Weitere 347 Milliarden Dollar seien weltweit in Aktien- und andere Investmentfonds mit dieser Ausrichtung geflossen. Dabei habe die Anlagebranche rund um den Globus mehr als 700 neue derartige Produkte auf den Markt gebracht.

Vor allem im vierten Quartal des vergangenen Jahres schossen die Zuflüsse geradezu in die Höhe, analysiert American Century. Der weitaus größte Teil des Geschehens spielte sich dabei im europäischen Raum ab. Auch nach Angaben der Ratingagentur Morningstar haben sich die Nettozuflüsse in nachhaltige Fonds, die europäischen Investoren zur Verfügung stehen, im vergangenen Jahr gegenüber 2019 fast verdoppelt.

Investoren müssen allerdings auf der Hut sein, denn in dem schnell wachsenden Markt gibt es vieles zu beachten. Heiß diskutiert wird weiterhin die Frage, welche Geschäfte und unternehmerischen Aktivitäten überhaupt unter das Label ESG, das als Synonym für Nachhaltigkeit eingeführt wurde, fallen (ESG steht für Environment, Social und Governance, also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung).

Grün ist nicht gleich grün

Wie unterschiedlich sich die Anforderungen dabei auslegen lassen, ist an den Portfolios verschiedener Nachhaltigkeitsfonds zu erkennen: Manche Produkte sind eng auf bestimmte Bereiche fokussiert, beispielsweise die Green-Energy-Branche, andere haben ein deutlich weiteres Anlagespektrum. Ein Beispiel ist der milliardenschwere Fonds "NN (L) Global Sustainable Equity" der Investmentgesellschaft NN Investment Partners, der Weltkonzerne wie Microsoft, Amazon, die Google-Mutter Alphabet oder den Lebensmittelriesen Nestlé unter seinen größten Beteiligungspositionen hat und sich damit kaum von herkömmlichen Bluechip-Investmentfonds zu unterscheiden scheint.

Hinzu kommt das bekannte Risiko des "Greenwashings", was ungefähr mit "Etikettenschwindel" übersetzt werden kann. Gemeint ist die Gefahr, dass ein Anbieter oder ein Unternehmen nicht ganz ehrlich mit seinen Angaben ist, nur um bestimmte ESG-Kritierien zu erfüllen. Erst in der vergangenen Woche geriet in dem Zusammenhang der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock in die Kritik, weil er in einem Streit um einen Palmöl-Lieferanten des Konsumgüterkonzerns Procter & Gamble nicht ausreichend transparent gemacht hatte, selbst an dem Lieferanten beteiligt zu sein .

Allerdings gibt es bereits verschiedene Ansätze, um Privatanlegern mehr Orientierung zu geben. Einige Ratingagenturen haben sich auf diesen Markt spezialisiert: Sie nehmen entsprechende Investmentprodukte unter die Lupe und bewerten sie . Die Europäische Union hat die Bedeutung des Themas ebenfalls erkannt: Im März setzte die EU den ersten Teil ihrer Verordnung über die Offenlegung nachhaltiger Finanzprodukte (Sustainable Finance Disclosures Regulation, SFDR) in Kraft, mit der unter anderem Fondsgesellschaften bestimmte Regeln für ihre Aktivitäten im ESG-Bereich vorgegeben werden.

Zuletzt wurde zudem in der vergangenen Woche bekannt, dass die Bundesregierung im Bereich nachhaltige Geldanlage ebenfalls aktiv wird. Zu dem Zweck hat sie eine sogenannte Sustainable-Finance-Strategie entworfen , mit deren Hilfe Investitionen mobilisiert werden sollen, die dem Klimaschutz und der Nachhaltigkeit dienen. Geldanlegern soll in dem Zusammenhang eine "Nachhaltigkeitsampel" an die Hand gegeben werden, mit deren Hilfe sie grüne Investments besser auseinanderhalten können.

Kursübertreibungen bei ESG-Favoriten an der Börse

Ein Risiko, das im Markt für nachhaltige Geldanlagen zunehmend wahrgenommen wird, lässt sich allerdings mit Regulierung und Orientierungshilfen kaum beseitigen: Die Gefahr von Kursübertreibungen bis hin zu spekulativer Überhitzung bei einzelnen, besonders beliebten ESG-Aktien.

Das Problem ist dabei, dass immer mehr Investmentmanager bei der Auswahl der Aktien, die sie in ihre ESG-Fonds aufnehmen, nach tendenziell ähnlichen Kriterien vorgehen. In der Folge landen viele von ihnen bei den gleichen Investments - und treiben die Kurse dieser Unternehmen mitunter über Gebühr nach oben.

Die Gefahr einer solchen Entwicklung wird von Privatanlegern womöglich unterschätzt, Investmentfachleute halten sie jedoch für sehr real. In den vergangenen Monaten waren offensichtlich übertriebene Kursausschläge bei verschiedenen Papieren, die von der Branche als Qualitätstitel in Sachen Nachhaltigkeit eingestuft werden, schon zu beobachten.

Daniel Sailer und Jan Rabe beispielsweise, Experten für nachhaltige Geldanlage beim Bankhaus Metzler, weisen in einer Präsentation zu dem Thema explizit auf diesen Punkt hin. "Portfoliomanager meiden primär ESG-Nachzügler und präferieren zunehmend ESG-Vorbilder", heißt es da. "Dieses Muster scheint beständig und spiegelt seit 1985 fast 1:1 die Entwicklung ökonomischer Unsicherheit ab."

In die gleiche Richtung geht eine Warnung von Guillaume Mascotto, Vice President bei American Century und dort Chef des Bereichs ESG-Investments. Er verweist darauf, dass die Mittelzuflüsse von nachhaltigen Investments zum großen Teil in dieselbe Richtung strömen: "Viele Anbieter legen ähnliche ESG-Produkte auf und investieren in die gleichen Aktien. So haben zahlreiche ESG-Manager bereits Sektoren wie Technologie, erneuerbare Energien und das Gesundheitswesen übergewichtet. Wir sehen deswegen das Risiko, dass ESG-Investments völlig überlaufen und deswegen zu hoch bewertet werden."

Mascotto rät vor dem Hintergrund beim nachhaltigen Investment zu besonderer Vorsicht: Je mehr die Nachfrage nach ESG-Investments steige, so der Fachmann, desto besser sollten Anleger die möglichen Risiken im Auge behalten.

Nach wie vor hohe Bewertungen

Wie real die Gefahr solcher Übertreibungen ist, zeigte sich in den vergangenen Monaten an einigen besonders beliebten ESG-Aktien. Das Papier des US-Brennstoffzellenherstellers Plug Power beispielsweise erlebte 2020 einen Höhenflug, der sogar jenen des Elektroautobauers Tesla in den Schatten stellte. Von Anfang des vergangenen Jahres bis Ende Januar 2021 stieg die Aktie um mehr als 1500 Prozent. Seither ist der Kurs zwar wieder merklich gesunken. Ein Kursplus von rund 500 Prozent sieht aber nach wie vor nach einer überaus großzügigen Bewertung der Aktie aus.

Weitere Beispiele lassen sich ebenfalls finden. Der spanische Neue-Energien-Anbieter EDP Renovaveis beispielsweise, der dänische Versorger Orsted oder der Energieanbieter Verbund aus Österreich - alle diese Unternehmen erlebten an der Börse Ende 2020/Anfang 2021 einen Höhenflug, den Experten vor allem mit den gezielten Mittelzuflüssen in den ESG-Sektor erklären.

"Zwar ist uns bewusst, dass diese Fondsströme die Aktienkurse möglicherweise weiter in die Höhe treiben. Jedoch sind die Bewertungen nicht mehr von unserem fundamentalen Rahmen gestützt, und wir können den Anlegern nicht mehr raten, neues Kapital in sie zu investieren”, schrieben beispielsweise Analysten der Bank of America im Januar dieses Jahres zur Entwicklung der genannten Papiere. Die starken Kursanstiege, so die Fachleute, sprächen bereits für die Bildung einer "Blase" bei diesen Aktien.

Seither sind die Aktienkurse zwar auch bei diesen Unternehmen wieder ein Stück weit gesunken. Nach wie vor werden die Aktien jedoch zu hohen Bewertungen gehandelt.

Wie lässt sich das Problem lösen? Aus Sicht von Investoren gilt es, vorsichtig zu sein und genau zu schauen, welche Unternehmen sich zu welchen Bewertungen in einem Investmentfonds befinden, der das Label der Nachhaltigkeit trägt.

Fondsmanagern gibt American-Century-Experte Mascotto einen Rat mit auf den Weg: Sie sollten sich besonders anstrengen, die aufstrebenden Stars des ESG-Universums zu entdecken. Gemeint sind Unternehmen, die sich noch in einem frühen Stadium ihres Wachstums befinden - und die daher auch noch nicht im Fokus der gesamten Konkurrenz stehen.

cr
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