Folgen für Firmen, Konsumenten und Anleger So verändert die Dollar-Rallye die Wirtschaftswelt

Die wichtigste Währung der Welt wird immer stärker, während der Euro schwächelt. Das hat drastische Folgen für Wirtschaft, Unternehmen und Geldanlage. Ein Überblick.
Währungssymbole an einer Wand in Peking: Dollar-Rallye und Euro-Schwäche wirken sich weltweit aus

Währungssymbole an einer Wand in Peking: Dollar-Rallye und Euro-Schwäche wirken sich weltweit aus

Foto: Mark Schiefelbein/ dpa

Im Sommer 2021 erhielten Investoren plötzlich neue Signale von der amerikanischen Notenbank. Jerome Powell (69), Chef der Fed, äußerte sich zuversichtlicher zur Entwicklung der US-Wirtschaft als zuvor. Zugleich zeigte er sich kritischer gegenüber der steigenden Inflation. Den Finanzmarktakteuren war damals klar, was Powell damit sagen wollte: Die Zeiten des ultrabilligen Geldes sind bald vorbei, richtet euch auf steigende Zinsen ein. Und sie handelten entsprechend: Seit Mitte 2021 fließen verstärkt Gelder in den Dollar-Raum und lassen den Kurs der US-Währung steigen.

Inzwischen währt die Rallye des US-Dollar, die Powell seinerzeit in Gang setzte, bereits seit mehr als einem Jahr – und es ist zugleich eine Talfahrt des Euro. Mehr als 1,20 Dollar mussten Investoren, Geschäftsleute oder Touristen noch im Mai 2021 für einen Euro bezahlen. Inzwischen sind beide Währungen etwa gleich viel wert, der Wechselkurs pendelt aktuell um die sogenannte Parität.

Die neue Stärke des Dollar, der nach wie vor wichtigsten Währung der Welt, hat Folgen für die gesamte Wirtschaft. Aber welche? Welche weitere Entwicklung ist zu erwarten? Und was bedeutet das für Geldanleger? Hier sind die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was sind die Gründe für die Dollar-Rallye?

Als Hauptgrund für die Stärke des Dollar gilt die Geldpolitik der Notenbanken, allen voran die der Federal Reserve in den USA. Um der steigenden Inflation zu begegnen, hat sie ihren Leitzins im aktuellen Zyklus inzwischen bereits viermal nach oben gesetzt, zuletzt im Juli dieses Jahres. Derzeit befindet sich der Zins in der Spanne zwischen 2,25 und 2,5 Prozent. Doch dabei wird es nicht bleiben. Fed-Chef Powell hat bereits eine Zinsspanne von 3 bis 3,5 Prozent bis Jahresende in Aussicht gestellt. Auf dem Treffen der Notenbanker in Jackson Hole vor wenigen Tagen äußerte sich Powell kämpferisch und ließ erkennen, dass er wohl weiterhin an einem strikten Zinskurs festhalten wird.

Kämpferisch gegen die Inflation: US-Notenbankchef Jerome Powell mit Gattin Elissa Leonard (r.) Ende August beim Bankertreffen in Jackson Hole

Kämpferisch gegen die Inflation: US-Notenbankchef Jerome Powell mit Gattin Elissa Leonard (r.) Ende August beim Bankertreffen in Jackson Hole

Foto: JIM URQUHART / REUTERS

Die Europäische Zentralbank (EZB) auf der anderen Seite war bislang zurückhaltender, sie hielt die Inflation lange Zeit für ein vorübergehendes Phänomen . Erst im Juli erhöhte die EZB nach langem Zögern erstmals nach elf Jahren wieder ihren Leitzins. Er liegt jetzt bei 0,50 Prozent. Inzwischen sind zwar auch aus den Reihen der EZB-Banker schärfere Töne zum Kampf gegen die Inflation zu hören. Der Vorsprung der Amerikaner hat jedoch zu einem signifikanten Zinsgefälle zwischen dem Dollar- und dem Euro-Raum geführt, das maßgeblich für die Wechselkursveränderung sein dürfte. Ein Beispiel: Die Rendite der US-Staatsanleihe mit zehn Jahren Laufzeit beträgt derzeit bereits wieder mehr als 3 Prozent. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe dagegen notiert bei etwa 1,5 Prozent.

Zudem wirkt sich die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung in beiden Währungsräumen auf den Wechselkurs aus. Die US-Wirtschaft zeigt sich robust, was nicht zuletzt ein Grund dafür ist, dass die Fed Spielraum für weitere Zinserhöhungen sieht. In Europa dagegen sind der Krieg in der Ukraine und die Energiekrise erhebliche Risikofaktoren. Viele Ökonomen glauben, dass der hiesigen Wirtschaft eine Rezession bevorsteht. Die EZB dürfte daher weniger Spielraum für weitere Zinserhöhungen haben. Investoren, die sich für einen der Währungsräume entscheiden wollen, fällt die Wahl auch daher nicht schwer.

Schließlich spielt auch die Entwicklung in Fernost eine Rolle. Chinas Wirtschaft wird durch immer neue Corona-Ausbrüche und die rigide Quarantänepolitik ein ums andere Mal zurückgeworfen, zuletzt in der Techmetropole Shenzhen. Im zweiten Quartal dieses Jahres etwa enttäuschte die Volksrepublik mit einem Wirtschaftswachstum von nur 0,4 Prozent. Die Konjunkturschwäche zieht Europa stärker in Mitleidenschaft als die USA, denn die europäische Wirtschaft ist mit der chinesischen enger verwoben. Auch das schwächt den Euro im Verhältnis zum Dollar.

Schwächelt der Euro nur gegenüber dem Dollar?

Nein. Gegenüber dem Dollar hat der Euro binnen einem Jahr rund 15 Prozent seines Werts verloren. Und auch gegenüber den Währungen anderer wichtiger Handelspartner hat der Euro zum Teil deutlich an Wert verloren. So gab er gegenüber dem chinesischen Yuan binnen einem Jahr um etwa 10 Prozent nach. Gegenüber dem Schweizer Franken beträgt das Minus sogar 11 Prozent, während es gegenüber dem britischen Pfund immerhin weniger als 2 Prozent sind. Prominente Ausnahme: Gegenüber dem japanischen Yen dagegen konnte der Euro in den vergangenen zwölf Monaten sogar um etwa 5 Prozent aufwerten.

Welche Folgen hat die Wechselkursverschiebung für Deutschland?

Grundsätzlich ist klar: Wertet der Euro ab, verteuern sich alle Importe aus dem Nicht-Euro-Raum. Umgekehrt werden Güter und Dienstleistungen, die aus dem Euro-Raum in andere Währungsgebiete veräußert werden, für dortige Käufer günstiger, was den Absatz tendenziell ankurbeln kann. Es sind zwei gegenläufige Effekte.

Für die deutsche Wirtschaft sind vor allem die Euro-Schwäche gegenüber dem Dollar und dem Yuan von Bedeutung, denn die USA und China sind die wichtigsten Handelspartner Deutschlands. China führt die Liste der Länder mit den höchsten Außenhandelsumsätzen dabei mit Abstand an.

Ein genauer Blick zeigt allerdings: China ist vor allem ein wichtiger Lieferant deutscher Importgüter. An dieser Stelle wirkt sich die Wechselkursentwicklung also besonders belastend aus, denn Importe aus der Volksrepublik werden dadurch für deutsche Unternehmen teurer.

Der größte Teil der Exporte aus Deutschland dagegen geht in die USA, gefolgt von den beiden Euro-Staaten Frankreich und den Niederlanden und auf dem vierten Platz China. Hier profitieren die Unternehmen, gerade in der nach wie vor exportorientierten deutschen Industrie.

Insbesondere Exporteure in die USA können sich über die Euro-Schwäche freuen, denn sie kurbelt ihre Geschäfte an. Zu den Profiteuren gehören dabei vor allem Autobauer wie Volkswagen, BMW oder Mercedes, Maschinenbauer wie Trumpf, Kion oder Thyssenkrupp oder Unternehmen aus der chemischen Industrie wie Bayer oder BASF. Deren Erzeugnisse machen den größten Teil am deutschen Exportumsatz aus:

Was das alles unter dem Strich für die deutsche Wirtschaft bedeutet, zeigt ein Blick auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes . Demnach haben die deutschen Exporte im ersten Halbjahr 2022 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 13,4 Prozent auf 763,9 Milliarden Euro zugenommen. Der schwache Euro dürfte dabei eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Dieser Exportboom findet sich auch in den jüngsten Quartalszahlen hiesiger Großkonzerne wieder. Einer Auswertung der Wirtschaftsberatung EY zufolge konnten die 40 Dax-Konzerne ihre Gesamtumsätze im zweiten Quartal um 13,7 Prozent auf Rekordniveau steigern – auch dank der Währungseffekte, wie EY mitteilt. Insbesondere in den Vereinigten Staaten erzielten die Unternehmen dabei hohe Wachstumsraten, so die Analyse.

Der Umsatz allerdings ist nur eine wichtige Kennzahl – eine andere ist der Gewinn. Da sah es bei Deutschlands größten börsennotierten Unternehmen zuletzt weniger erfreulich aus. Wie aus der EY-Studie hervorgeht, sank der Gesamtgewinn der 40 Dax-Konzerne im zweiten Quartal um 19,3 Prozent auf knapp 39,6 Milliarden Euro. Hauptgrund dafür waren zweifellos hohe Energie- und Rohstoffpreise sowie steigende Material und Logistikkosten, dazu eine zunehmende Konsumzurückhaltung angesichts rapide steigender Preise. Aber auch der negative Effekt des schwachen Euros beim Import dürfte sich auf der Kostenseite ausgewirkt haben.

Was bedeutet die Wechselkursverschiebung für die Inflation?

Hohe Inflation und schwache Währung, wie Europa und Deutschland sie derzeit erleben, sind eine ungesunde Mischung. Beide Phänomene können sich gegenseitig verstärken. Durch den schwachen Euro verteuern sich Güter, die im Ausland erworben werden, für Euro-Besitzer. Die ohnehin hohe Inflationsrate im Euro-Raum erhält dadurch zusätzlichen Auftrieb. Nochmals verstärkt wird der Effekt, wenn diese Güter aus einem Land kommen, in dem die Inflationsrate ebenfalls hoch ist, wie momentan zum Beispiel in den USA. Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang auch von "importierter Inflation".

Auch hier verdeutlicht ein Blick auf die Zahlen, dass es sich dabei keineswegs um akademische Überlegungen handelt. Laut Statistischem Bundesamt sind die Importpreise im Juni 2022 gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres um 29,9 Prozent gestiegen. Preistreiber waren dabei vor allem die Energieimporte, allen voran die Einfuhren von Erdgas. Die Steigerung liegt zwar zum Großteil am Konflikt zwischen dem Westen und Russland. Die Dollar-Aufwertung spielt aber ebenfalls eine Rolle dabei.

Welche weitere Entwicklung ist zu erwarten?

Eine Prognose ist wie immer unsicher, aber in diesem Fall spricht doch einiges dafür, dass der Euro auch in nächster Zeit weiter schwächeln wird. Die US-Notenbank dürfte wie oben beschrieben weiter stärker gegen die Inflation vorgehen als die EZB. So lockt nicht nur die stärkere US-Wirtschaft Investoren wohl auch künftig eher in den Dollar-Raum. Vielmehr dürfte das Zinsgefälle zwischen beiden Währungsräumen vorerst ebenfalls bestehen bleiben.

Insbesondere die Entwicklung am Gasmarkt wird dabei aufmerksam verfolgt, denn sie trägt wesentlich zu den wirtschaftlichen Problemen Europas bei. Steigt der Gaspreis, fällt der Euro – diese Reaktion war in den vergangenen Wochen immer wieder zu beobachten. Allein die Ankündigung von russischer Seite, die Pipeline Nord Stream 1 nun für einige Tage außer Betrieb zu nehmen, ließ die europäische Währung spontan einknicken.

Nicht wenige Finanzprofis erwarten vor dem Hintergrund, dass die Dollar-Rallye weitergeht – und die Euro-Schwäche anhält. Man gehe sowohl im Ausblick als auch bei der Handelspositionierung davon aus, das der Euro weiter abwerte, sagte etwa kürzlich ein führender Experte der Citibank dem US-Sender CNBC . Bei der ING Bank halten es die Fachleute sogar für möglich, dass der Euro bis auf 0,75 Dollar fallen kann .

Die Wetteinsätze der Investoren sprechen ebenfalls eine deutliche Sprache: Am Finanzmarkt befinden sich die Short-Wetten gegen den Euro gegenwärtig auf dem höchsten Stand seit zwei Jahren.

Was sollten Geldanleger tun?

Das hängt in erster Linie davon ab, welche weitere Entwicklung die Anleger erwarten. Gehen sie, wie viele Profis, von einer Fortsetzung des Trends aus, bietet es sich an, den Außer-Euro-Raum im Portfolio höher zu gewichten. Sprich: beispielsweise Aktien US-amerikanischer Unternehmen zu erwerben oder in Rohstoffe zu investieren, die in der Regel in Dollar gehandelt werden. Auch ein Dollar-Konto mit Bargeldbestand ist eine Möglichkeit, von einer weiteren Aufwertung der US-Währung zu profitieren.

"Jeder Anleger sollte auch etwas Dollar halten", erklärte etwa der Fondsmanager Klaus Kaldemorgen (68) von der DWS kürzlich gegenüber dem "Handelsblatt" . "Die weltweit wichtigste Reservewährung bietet Krisenschutz – der starke Dollar hat Anlegern aus Europa zuletzt auch Rendite beschert."

Wichtig ist dabei allerdings, nicht ausschließlich auf die Währung zu schielen, sondern auch von dem Investment an sich überzeugt zu sein. "Als Vermögensverwalter kaufe ich stabile US-Aktien für die offensiven Depots", sagt etwa Lothar Koch, Leiter des Portfoliomanagements der GSAM + Spee Asset Management AG in Krefeld. "Liquidität habe ich teilweise in US-Tagesgeldern geparkt. Neben dem Währungsgewinn steigen im US-Raum die Tagesgeldzinsen."

"Wir haben den Euro-Raum mittlerweile stark untergewichtet und bevorzugen Aktien und Anleihen in US-Dollar, Kanadischen Dollar, Schweizer Franken und britischem Pfund", sagt auch Frank Ringelstein, Geschäftsführer beim Vermögensverwalter Ringelstein & Partner in Essen. Das Gute daran: Erfüllt sich die Wechselkurserwartung, so streichen Anleger sogar Gewinne ein, wenn das eigentliche Asset eher mäßig performt.

Der Blick zurück belegt das, wie Marc Ospald vom Vermögensverwalter Habbel, Pohlig & Partner in Wiesbaden erläutert. Er verweist beispielsweise auf den Goldpreis, der – gemessen in Dollar – in den vergangenen zwölf Monaten eher enttäuschte. Kein Wunder: Bei allgemein steigenden Zinsen verliert Gold an Attraktivität. Zudem verteuert sich das in Dollar gehandelte Edelmetall automatisch für Käufer, die nicht in der US-Währung rechnen, wenn der Dollar steigt. Umgekehrt macht der Währungskurseffekt das Gold für hiesige Anleger aber attraktiv. "US-Investoren verbuchen seit Jahresanfang in Gold etwa minus 3 Prozent Wertverlust", sagt Ospald. "Hiesige Investoren dagegen einen Zuwachs von 9 Prozent in Euro." Ähnlich sei es bei US-Aktien, so der Investmentprofi. "Plus 12 Prozent im Vergleich zu Investoren aus den USA."

Einerseits. Andererseits sollten Anleger auch diesen anscheinend so einfachen Investmentfall kritisch hinterfragen. Wie sicher ist es beispielsweise, dass der Euro tatsächlich weiter fällt? "Viel Luft nach unten wird beim Euro nicht mehr drin sein", gibt etwa Uwe Zimmer, Geschäftsführer von z-invest in Köln, zu bedenken. "Erhöht die EZB die Zinsen oder senkt die Fed sie, geht es in die andere Richtung."

Zudem muss auch bei den US-Aktien differenziert werden – nicht alle profitieren im gleichen Maße von der Dollar-Stärke. "US-amerikanische Unternehmen, die einen Großteil ihres Umsatzes im Ausland erzielen, leiden unter dem starken Dollar, weil diese Erträge in heimischer Währung weniger Wert werden", erläutert dazu Christopher Lindken von der GAP Vermögensverwaltung in Köln. "Zu diesen Unternehmen gehören beispielsweise Microsoft und Apple, die in ihren jüngsten Quartalsberichten genau diesen Zusammenhang als Belastungsfaktor herausgestellt haben."

Anders sehe es jedoch bei den großen amerikanischen Energieexporteuren aus, so Lindken. "Diese profitieren davon, dass Energierohstoffe, wie Öl und Gas, in Dollar bezahlt werden. Dadurch ergibt sich für diese Unternehmen kein Nachteil, wenn sie ihre Produkte ins Ausland exportieren."

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