Sonntag, 26. Mai 2019

Anlageprofi Robert Halver erklärt Deshalb sind Europas Aktienmärkte nicht zweite Wahl

Aktienhändler in London: Der Brexit rüttelt vor allem die britischen Finanzmärkte durch, doch langfristig bleiben europäische Aktien konkurrenzfähig.

Es war einmal ein Europa, das im Kalten Krieg von den USA heißgeliebt wurde. Der amerikanische Hütehund bewachte die europäischen Schäfchen, und gutes Geld verdienen durften sie auch noch: Europa produzierte und Amerika konsumierte.

Robert Halver
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    Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarkt-analyse der Baader Bank AG und bekannt durch regelmäßige Medienauftritte und als Kolumnist. Mit Wertpapieranalyse beschäftigt er sich seit über 20 Jahren.

Schafft sich Europa geopolitisch ab?

Ja, es war einmal. Der amerikanische Wachhund hütet jetzt den pazifischen Raum. Dort sitzt der neue, post-sowjetische Erzfeind China, dem man nicht die strategische Vorherrschaft gönnt. Gegenüber dieser neuen großen Zukunftsregion ist Europa zu alt, zu klein und von gestern. Wie sagte doch der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger einst so treffend: "Amerika hat keine dauerhaften Freunde oder Feinde, nur Interessen."

Doch wo ist Europas Alternativstrategie "Gemeinsam sind wir stark"? Lieber kocht man sein eigenes nationales Süppchen. Selbst die in geostrategischen Fragen so rationalen britischen Politiker behaupten, dass sich die kleine Insel auch ohne europäischen Deich und trotz geostrategischem Klimawandel mühelos über Wasser halten kann. Dieser Widerstand gegen die EU kommt beim Wahlpublikum so gut an wie der Kampf Robin Hoods gegen den Sheriff von Nottingham. In einer globalen Welt jedoch sind diese Einzelaktionen katastrophal. Damit macht sich die EU früher oder später zur leichten Beute von Amerika, China und Russland. Und dann machen wir auch handelspolitisch Männchen.

Können europäische Aktien in einem solchen geopolitischen Umfeld attraktiv sein?

In Europa ist der Wurm drin

Wer bei Gründung der Euro-Zone glaubte, dass Italien jemals finanzsolide wird, hatte damals schon den Nobelpreis für Naivität verdient. Überraschend ist auch nicht die aktuelle römische Finanzpolitik. Immerhin hat Rom die Bevölkerung hinter sich. Arbeitslose Jugendliche oder altersarme Rentner haben kein Interesse an Stabilität, die nicht satt macht. Und leider lehnen sie auch die schmerzhaften, aber dringend nötigen sportlichen Anstrengungen zur Ertüchtigung des italienischen Wirtschaftskörpers ab.

Die Stabilitätsheuchler in anderen EU-Ländern mögen sich angesichts der dolce vita-haften Finanz- und Wirtschaftspolitik empören. Aber echte solide Reformpolitik betreiben auch sie nicht.

Haben europäische Aktien angesichts dieses instabilen, reformarmen Umfelds überhaupt Chancen?

GRAFIK der Woche KW48

Zeitgewinn - Das europäische Luxusprodukt

Tatsächlich scheint Brüssel mit Streichhölzern in der Feuerwerksabteilung zu zündeln. Aber für "Euro-Land ist abgebrannt" ist es viel zu früh.

So ist das britische Kind noch nicht in den Euro-Brunnen gefallen. So mancher Londoner Abgeordnete wird noch einmal über die Folgen einer Ablehnung des Brexit-Deals im Parlament nachdenken. Denn tritt dann Ministerpräsidentin Theresa May zurück, muss der Nachfolger die wirtschaftlichen Schäden der schmutzigen Scheidung ausbaden. Politischer Masochismus ist selbst in Großbritannien nicht ausgeprägt. Zudem will bei einer Neuwahl kein konservativer Tory eine Mehrheit von Labour riskieren. Da ist ein Ja zum Brexit-Deal mit Zeit für finale Scheidungsverhandlungen bis Ende 2020 das kleinere Übel.

Grundsätzlich ist die Angst in Brüssel groß, dass sich die Europa-Skepsis in vielen EU-Ländern bei der Europawahl im Mai 2019 auch in einer Europa-feindlichen Parlamentsmehrheit niederschlagen könnte. Daher wird man zur Polit-Stabilisierung Europas die allseits ungeliebte Finanzstabilität schleifen. Diese Absichten verwischen selbst die aktuellen Drohgebärden der EU-Kommission gegen Italien nicht. Es wird zu einem neuen Schulden-Kompromiss zwischen Brüssel und Rom kommen (müssen). Diesen kann dann zwar nur Pinocchio als stabilitätskonform beschreiben. Aber für Ruhe im EU-Karton trägt man doch schon seit der Griechenland-Rettung gerne eine lange Nase.

Bei der Brexit- und der Italien-Frage ist Zeitgewinn das Beste, was erreichbar ist. Die Euro-politisch ohnehin nicht verwöhnten Finanzmärkte werden es zu schätzen wissen.

Die EZB hat die Nummer gegen Finanz-Kummer

Auch die EZB hat die Tür für die Wundheilung der italienischen Finanzen schon ein Stück weit aufgemacht. Zur Wahrung ihrer stabilitätspolitischen Illusion macht sie das nicht Elefanten-plump, sondern Fuchs-schlau. Sie lässt die Anleiheaufkäufe zum Jahresende auslaufen. Doch setzt sie ihre Liquiditätspolitik mit neuem Etikett fort: Über Langfristkredite kommen europäische Banken in den Genuss üppiger Finanzmittel. Diese weiter lockere Geldpolitik kann die EZB mit Verweis auf schwächere Konjunktur- und damit Inflationsprognosen mühelos "alibisieren".

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Und wenn Italien von der EU den finanzpolitischen Segen erhält, warum sollten dann Banken die neugewonnenen Finanzmittel nicht in hoch rentierliche italienische Staatspapiere investieren. Der Anlagenotstand besteht immer noch. Zum Schluss ist das römische Budget finanziert, die Italo-Schuldenkrise macht zumindest Pause und europäische Aktien haben wieder gute Laune.

Europäische Unternehmen kennen kein Vaterland, sondern nur Rendite

Europäische Unternehmen wollen nur gute Umsätze und Gewinne. Sind diese in Europa nicht zu erreichen, gehen sie eben mit Amerika oder Asien fremd. Den Aktienkursen ist es egal, wo die Konzerne fundamental erfolgreich sind, Hauptsache sie sind es.

Europäische Aktien sind nicht deshalb zweite Wahl, weil sie vorübergehend unter Kursschwäche leiden. Man kann so etwas auch Schnäppchenpreise nennen.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG.

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