Sonntag, 21. April 2019

Anlageprofi Robert Halver erklärt Chinas Probleme und der Preis des schnellen Wachstums

In den 80er Jahren pilgerten westliche Industriemanager inflationär nach Japan, um dort ein überdynamisches Konjunkturwunder zu bestaunen, das auf einem zinsbilligen Schneeballsystem basierte. Ende der 80er Jahre platzte die Seifenblase und bis heute zahlt das Land für seinen vermeintlichen Wirtschaftsmythos mit Überschuldung, Überteuerung und Überalterung.

Robert Halver
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    Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarkt-analyse der Baader Bank AG und bekannt durch regelmäßige Medienauftritte und als Kolumnist. Mit Wertpapieranalyse beschäftigt er sich seit über 20 Jahren.

Auch das Reich der Mitte ist zu schnell gewachsen

Anfang der 90er wurde China zuerst zur billigsten Drehbank der Welt, dann zur Export- und anschließend so schnell wie kein anderes Land zuvor zum Industrie- und Hightech-Land. Aber kann eine Volkswirtschaft wirklich 30 Jahre lang zwischen 6 und über 10 Prozent wachsen, ohne dafür einen hohen Preis zu bezahlen.

Nein, für seine Geschwindigkeit beim Aufschwung bezahlt China zunächst mit einer unglaublichen Umweltverschmutzung und Städten im Dauersmog. Hinzu kommt Chinas dramatische Verschuldung. Denn es gibt zu viele Schattenbanken und Zombie-Staatsunternehmen, die künstlich am Leben bleiben, um Menschen in Lohn und Brot zu halten. Nichts fürchtet Peking mehr als soziale Unruhen. Daher kann sich Marktwirtschaft, bei der produktives Sterben verlustbringender Firmen oder ganzer Branchen stattfindet, nur verhalten entwickeln.

Die schnöde Wirtschaftsrealität von China als Industrieland

Ohnehin sind die Wachstumsjahre der wirtschaftlich problemlosen Kinderzeit vorbei. China befindet sich in der Pubertät. Die Produktion im asiatischen Hinterland ist inzwischen vielfach günstiger. Als Schwellenland ist es eben einfach, über Billiglöhne Exportweltmeister zu werden. Als Industrieland jedoch eine stabile Binnenkonjunktur aufzubauen, ist viel schwieriger.

Und so wundert es nicht, dass die Stimmung im verarbeitenden Gewerbe auf eine Schrumpfung der chinesischen Industrie hindeutet. Auch die Dienstleistungsbranche glänzt weniger.

Trump hat Chinas Wirtschaftsschwäche gewittert wie ein Fuchs seine Beute

In diese Kerbe der wirtschaftlichen "Verwundbarkeit" schlägt US-Präsident Donald Trump immer wieder mit seinem Zollhammer. Die US-Importzölle haben Export-China nicht nur direkt, sondern über die handelsseitig eingetrübte Weltwirtschaftsstimmung ebenfalls indirekt zugesetzt. Die Gegenzölle schmerzen Amerika zwar auch. Doch im Vergleich hat der Exportweltmeister China gegenüber dem handelsdefizitären Amerika mehr zu verlieren.

Sicherlich ist zu erwarten, dass in den nächsten Wochen ein Handels-Deal zwischen den USA und China zustande kommt. Doch wird China mit den USA und anderen in puncto Marktöffnung, Beteiligungen an chinesischen Unternehmen und deutlichen Importerleichterungen zukünftiges Wachstum auch teilen müssen. Insgeheim freut sich Europa über die harte Gangart Trumps gegenüber China. Denn was Amerika über ein Handelsabkommen mit China erreicht, dürfte auch früher oder später zum Standard im Handel zwischen Europa und China werden.

Und ob Chinas Bemühungen zur Errichtung einer neuen Seidenstraße oder zur Rohstoffsicherung nachhaltig zum gewünschten Erfolg führen, ist auch nicht in Stein gemeißelt. In so manchem wenig demokratischen Staat kann die Regierung schneller wechseln als das Wetter. Ob sich dann die neue noch an die Absprachen der alten mit China hält? Und falls Peking dort zu forsch auftritt, könnte sich das ein oder andere Land hilfesuchend an Washington wenden. Im geostrategischen Kampf zwischen Amerika und China um den ersten Platz an der Sonne gilt: Im Krieg sind alle Waffen erlaubt.

Wehe, wenn Chinas Wirtschaftswachstum nachlässt

Also muss Peking vor allem mit eigenen Bordmitteln gegen Wachstumsdellen vorgehen. Um der Handicaps Überschuldung, planwirtschaftlichem Ballast und der Gefahr sozialer Probleme Herr zu werden, ist China geradezu gezwungen, weiter stark zu wachsen. So erklärt sich auch die offiziell immer noch extrem anspruchsvolle Wachstumsprognose für 2019 von 6,0 bis 6,5 Prozent.

Um dieses Ziel zu erreichen, setzt Peking auf das ganze Arsenal an finanz- und geldpolitischen Waffen. Die Steuern werden dramatisch gesenkt, um Industrie, Transport und Baugewerbe anzukurbeln. Zusätzlich sollen mit Investitionen in die Infrastruktur mehr als elf Millionen neue Arbeitsplätze in den Städten geschaffen werden. Nicht zuletzt wird der Rüstungssektor aufgeblasen.

Angesichts dieser Konjunkturmaßnahmen für 2019 nur von einem chinesischen Haushaltsdefizit von 2,8 Prozent in diesem Jahr auszugehen, ist ein frommer Wunsch.

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Vollgas beim Wirtschaftswachstum, egal, was es kostet

Die Schuldenparty wird von der chinesischen Notenbank finanziert, die damit längst die Instabilitätspolitik von Fed, EZB oder Bank of Japan kopiert. Wie in allen Industrieländern ist auch sie zum Durchlauferhitzer von Schulden geworden. Kommt einem alles bekannt vor.

Wie in den USA und Europa werden sich auch die chinesischen Aktienmärkte an dieser Liquiditätshausse erfreuen.

Insgesamt hat China keinen Glorienschein und ist genau so wenig ein Wirtschaftsmythos wie einst Japan. Nein, China ist einer von uns, ein Industrieland mit all seinen so typischen Problemen.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG.

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