Fondsmanager zur EU-Taxonomie "Damit kommen die grünen Geldanlagen in Verruf"

Die Entscheidung der EU-Kommission, Atomkraft und Erdgasnutzung als nachhaltig einzustufen, ist ein Skandal, meint Gunter Greiner. Der Fondsmanager und Spezialist für grüne Investments hofft jetzt auf die Vernunft seiner Kollegen – und der Anleger.
Das Interview führte Christoph Rottwilm
Grüne Anleger, bitte dort entlang: Laut EU-Kommission können Investitionen in Atomkraftnutzung nachhaltig sein - Fondsmanager Gunter Greiner ist anderer Ansicht

Grüne Anleger, bitte dort entlang: Laut EU-Kommission können Investitionen in Atomkraftnutzung nachhaltig sein - Fondsmanager Gunter Greiner ist anderer Ansicht

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Die EU-Kommission stuft die Nutzung von Atomkraft und Gasenergie unter bestimmten Voraussetzungen als nachhaltig ein, und Sie sagen, das sei ein Riesenskandal. Weshalb?

Weil weder Atomkraftwerke noch Gaskraftwerke nachhaltig sind. Durch die Entscheidung der EU-Kommission werden sie aber als solche eingestuft. Dies führt dazu, dass EU-Subventionen, verbilligte Kredite und letzten Endes auch die Gelder aus grünen Fonds in Atomenergie und fossile Energie fließen. Das Kapital landet dann eben nicht dort, wo es wirklich gebraucht wird.

Kann es nicht sinnvoll sein, beim Thema Nachhaltigkeit einen pragmatischen Ansatz zu wählen, wenn dadurch die Klimaziele erreicht werden können, als sich in radikalem Idealismus zu üben und am Ende zu scheitern?

Verschwendung von Steuergeldern und die Torpedierung der selbst definierten Ziele haben nichts mit Pragmatismus zu tun. Atomkraftwerke sind inkompatibel mit erneuerbaren Energien, weil sie immer durchlaufen müssen und sich nur sehr langsam und nur zu wenigen Prozent hoch- und runterregeln lassen. Wenn man jetzt ein neues Atomkraftwerk bauen will, kommt es frühestens in zehn Jahren ans Netz und der Strom ist um ein Vielfaches teurer als Energie beispielsweise aus Wind- und Solarenergie. Die Risiken und die ungeklärte Atommüllproblematik lassen sich nicht einfach durch eine EU-Verordnung wegwischen.

Zweck der Maßnahme der EU-Kommission ist es auch, Investitionen in nachhaltige Projekte anzuregen. Kommt Ihnen als Fondsmanager das nicht entgegen?

Natürlich! Aber der eine oder andere Fondsmanager-Kollege hat bereits angekündigt, dass er der EU-Entscheidung folgen und in Atomenergie und Erdgas investieren wird. Viele Anleger werden sich deshalb wundern, wenn sie in ihre vermeintlich grünen Fonds schauen. Damit kommen die grünen Geldanlagen insgesamt noch mehr in Verruf. Auch wir als Branche müssen hier entgegenhalten.

Welches wäre aus Ihrer Sicht der bessere Weg für die EU-Kommission gewesen?

Atomenergie und Erdgas hätten niemals als nachhaltig definiert werden dürfen – darüber haben wir ja bereits gesprochen. Die EU-Kommission muss sich bei dieser Einstufung ausschließlich auf tatsächlich nachhaltige Formen der Energiegewinnung konzentrieren. Ich spreche beispielsweise von Windkraft und Solarenergie, Energiespeichern, Smart Grids, Lösungen zur Energieeffizienz. Und vor allem wäre es sinnvoll gewesen, bei einer Entscheidung dieser Tragweite auch die Ansichten von Wissenschaft und Gesellschaft zu berücksichtigen. Die EU-Kommission hat sich mit dieser Entscheidung selbst keinen Gefallen getan.

Wie beurteilen Sie die Rolle der neuen Ampel-Regierung in Berlin, die sich ja den Klimaschutz besonders auf die Fahnen geschrieben hat, bei der Taxonomie-Entscheidung vom Mittwoch?

Die ganze Thematik ist für die Bundesregierung wirklich sehr unglücklich. Die Entscheidung der EU-Kommission wurde zwischen den Jahren veröffentlicht, zu einem Zeitpunkt, als der politische Betrieb auch in Deutschland noch im Winterschlaf war und die neue deutsche Regierung sich erst frisch gebildet hatte. Der Verdacht drängt sich auf, dass dieses Timing nicht zufällig gewählt war. Die neue deutsche Regierung wurde dadurch möglicherweise überrumpelt.

Haben Sie die Hoffnung, dass es noch gelingt, das Vorhaben der EU-Kommission zu Fall zu bringen?

Tatsächlich habe ich da nur sehr geringe Hoffnungen. Wir werden mit dieser unglücklichen Entscheidung erstmal leben müssen. Es ist nun Aufgabe der gesamten Finanzindustrie, sich intensiv selbst mit dem Thema auseinanderzusetzen, was wirklich nachhaltig ist. Die Kunden und Kundinnen brauchen die klare Botschaft, dass weder Atomkraft noch fossile Energie in grünen Fonds etwas zu suchen haben. Der Anleger oder die Anlegerin kann dann selbst entscheiden, worin er oder sie investieren möchte. Ich bin mir sicher, dass sie am Ende des Tages mit ihren Investments ein klares Votum gegen Atomenergie und fossile Energien abgeben werden.