Studie zeigt Verlustgefahren auf So treiben Trading-Apps Anleger ins Risiko

Spätestens seit dem Gamestop-Hype sind Trading-Apps wie Robinhood oder Trade Republic in aller Munde: Sie bieten Wertpapiergeschäfte für jedermann, einfach und günstig. Eine Studie beleuchtet, wie gefährlich das sein kann.
Immer auf dem Schirm: Trading-Apps verleiten zu häufigem Handeln - und erhöhen so die Kosten

Immer auf dem Schirm: Trading-Apps verleiten zu häufigem Handeln - und erhöhen so die Kosten

Foto: DADO RUVIC / REUTERS

Sie tragen Namen wie Robinhood oder Trade Republic. Sie werben damit, Geldanlage für jedermann zu bieten. Und sie erfreuen sich seit Monaten wachsenden Zuspruchs: Trading-Apps und Billigst-Broker haben im Corona-Börsenhype Hochkonjunktur. Mehr Menschen denn je sitzen in Homeoffices, suchen Ablenkung, lesen über steigende Aktienkurse und wollen mitmischen.

Die Discount-Anbieter machen es ihnen leicht: Wer dem Finanz- und Aktienmarkt lange fernblieb, weil er womöglich dachte, der Wertpapierhandel sei anspruchsvoll und erfordere allzu viel Fachwissen, wird augenscheinlich eines Besseren belehrt. Anbieter wie Trade Republic oder Just Trade ermöglichen den Aktienkauf im Handumdrehen. Dank lukrativer Deals innerhalb der Finanzbranche können diese Firmen ihre Dienste zudem zu extrem niedrigen Kosten anbieten.

Wie groß der Einfluss solcher Trading-Apps und der zahlreichen neuen Privatinvestoren ist, zeigte sich erst kürzlich beim Hype um Aktien wie Gamestop. Das Papier des Videospielehändlers aus den USA geriet zwischen die Fronten von Investmentprofis auf der einen Seite und zahllosen Privatanlegern, die sich über Social-Media-Kanäle wie Reddit austauschen , auf der anderen. Viele Profis hatten auf Kursrückgänge bei Gamestop gewettet (sie hatten die Aktie also "geshortet"), die Privatinvestoren hielten dagegen: Sie versuchten eben diese Kursverluste zu verhindern und die Hedgefonds damit in Schwierigkeiten zu bringen.

Letztlich hatten die Privatanleger die Nase vorn: Die Gamestop-Aktie legte – zusätzlich angetrieben von Notkäufen involvierter Hedgefonds – binnen Wochen um zeitweise mehr als 1700 Prozent zu. Ihre Transaktionen tätigten viele Vertreter der Social-Media-Aktien-Crowd dabei über Trading-Apps wie Robinhood.

Doch der neue Trend hat seine Schattenseiten:  Viele Anleger lassen sich unter anderem durch die einfache Handhabung von Trading-Apps wie Trade Republic zu besonders häufigem Handeln verleiten – und stehen am Ende nicht selten mit Verlusten da.

Dass dahinter ein systematisches Problem liegt, hat jetzt eine Studie von Wissenschaftlern der Universität St. Gallen, der Universität Paderborn und der New York University ergeben. Für die Untersuchung wurden Handelsdaten von etwa 300.000 Kunden eines Online-Brokers ausgewertet, mit dem die Forscher zusammengearbeitet haben, dessen Name allerdings ungenannt bleiben muss.

Unerfahrene Investoren gehen ins Risiko

Zwei Ergebnisse stechen besonders heraus, sagt Marc Arnold (43) von der Universität St. Gallen, einer der Autoren der Studie. Erstens: Machen Broker, wie es üblich ist, Kunden gezielt auf einzelne Aktien oder Wertpapiere aufmerksam – etwa per Mail oder per Pop-up-Information – so nimmt der Handel mit diesen Papieren tatsächlich signifikant zu. Und zweitens, und das ist laut Arnold die eigentlich beachtliche Erkenntnis: Die Investoren gehen bei diesen Papieren dann ein messbar höheres Risiko ein als sie es sonst tun.

Als Maßstab des Anlagerisikos diente den Forschern bei dieser Untersuchung der Einsatz eines Leverage-Hebels, den der fragliche Broker ermöglicht: Je höher der Hebel, desto größer das Risiko.

Arnold bereiten diese Studienergebnisse Sorgen, denn sie zeigen seiner Ansicht nach, dass Investoren ohne große Geldanlageerfahrung auf Trading-Apps Fehler machen, von denen in der Fachwelt eigentlich seit Jahren bekannt ist, dass sie vermieden werden sollten. "Viele Studien zeigen inzwischen, dass es auf lange Sicht selbst professionelle Investmentmanager sehr schwer ist, den Markt zu schlagen", sagt der Forscher im Gespräch. "Nicht zuletzt deshalb gibt es einen starken Trend zum passiven Investieren über Indexfonds oder ETFs."

Auf Trading-Apps jedoch agieren meist unerfahrene Investoren genau andersherum, sagt Arnold: Sie unterliegen der Illusion, sie könnten mit besonders großer Aktivität ein besseres Ergebnis erzielen – und werden in der weitaus größten Mehrzahl scheitern. Schließlich verursachen hohe Handelsaktivitäten vor allem Kosten, generieren aber im Durchschnitt keinen Mehrwert.

Zusätzlich problematisch ist nach Angaben des Studienautors, dass Anleger ausgerechnet bei riskanten Papieren wie Optionsscheinen oder auch bei Kryptowährungen wegen der dort häufig stärkeren Wertschwankungen besonders aktiv sind. Das bedeute in der Konsequenz: höhere Kosten und größere Verluste.

Die Mär vom kostengünstigen Handeln

Dabei entpuppt sich das Versprechen der App-Anbieter vom kostengünstigen Wertpapiergeschäft auf lange Sicht als Mogelpackung: "Diese Apps bieten zwar günstige Konditionen, sodass ihre Kunden glauben können, die häufigen Transaktionen schlügen nicht schwer ins Kontor", sagt Arnold. "Auf lange Sicht entstehen in der Summe jedoch enorme Kosten, was die Performance drückt. Und die Anbieter vermeiden es tunlichst, dass Kunden sich darüber einen klaren Überblick verschaffen können."

Hintergrund ist nach Angaben des Experten ein Interessenkonflikt, der dem ganzen Geschäft zugrunde liegt: Investoren sollten eigentlich versuchen, mit möglichst wenigen Transaktionen und damit kostengünstig ein Depot zu erstellen, das auf lange Sicht ohne große Eingriffe einen Wertzuwachs erfährt. Viele App-Anbieter dagegen legen es gezielt darauf an, die Zahl der Transaktionen ihrer Kunden nach oben zu treiben, weil damit auch die Umsätze der Broker steigen.

Das ist auch einer der Gründe, weshalb beispielsweise Robinhood die Abwicklung von Wertpapierkäufen und -verkäufen für Investoren auf eine geradezu spielerische Weise vereinfacht hat - und das im buchstäblichen Sinne. In den USA hat das Unternehmen deshalb bereits Probleme mit der Wertpapieraufsicht. Im Staat Massachusetts etwa leiteten die Aufseher laut "Financial Times" rechtliche Schritte gegen Robinhood ein. Ein Vorwurf dabei: Der Anbieter nehme die Interessen seiner Kunden nicht ernst und lasse Geldanlage wie ein Kinderspiel erscheinen ("'gamification' of investing" ).

Für Marc Arnold von der Uni St. Gallen gibt es indes vor allem einen Weg, um der Misere zu begegnen: nämlich mit mehr Transparenz. Trading-Apps müssten besser über das Geldanlagegeschäft informieren, sagt er. Insbesondere die Risiken und die Tradingkosten sowie die Folgen dieser Kosten für die Anlageperformance müssten klar ersichtlich sein. Nur so kann laut Arnold auf lange Sicht ein böses Erwachen der unerfahrenen Investoren vermieden werden.

cr
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