Ozean-Anleihen Ein Investment ins Blaue

Nachhaltige Geldanlagen mit Fokus auf Meeresschutz könnten jährlich 2,5 Billionen US-Dollar erwirtschaften. Eine Möglichkeit dafür sind blaue Anleihen. Doch die bergen Risiken.
Aus Lissabon berichtet Maren Jensen
Blaue Mission: Ozean-Geldanlagen bieten Chancen und bergen Risiken

Blaue Mission: Ozean-Geldanlagen bieten Chancen und bergen Risiken

Foto: imago images/Cavan Images

Tote Korallenriffe, Versauerung des Wassers und riesige Landschaften aus Plastikmüll: Wie besorgniserregend der Zustand der globalen Ozeane ist, zeigt sich in dieser Woche auf der UN-Ozeankonferenz in Lissabon. In der portugiesischen Hauptstadt diskutieren bis zu diesem Freitag rund 5000 Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) über den aktuellen Zustand der Meere und mögliche Schutzmaßnahmen.

Ziel der Konferenz war es dabei auch, die "Blue Economy" zu stärken, also wirtschaftliches Wachstum mit einer nachhaltigen Nutzung der Meeresressourcen zu verbinden. Doch kann das gelingen?

Die mögliche wirtschaftliche Wertschöpfung der Blue Economy schätzt die Umweltschutzorganisation WWF auf mindestens 2,5 Billionen US-Dollar pro Jahr. Würde man die Ozeane als Volkswirtschaft betrachten, so stünden sie demnach weltweit an achter Stelle. Auch die Europäische Union sieht enorme Möglichkeiten in der blauen Wirtschaft. Berechnungen der EU-Kommission zufolge könnte die Blue Economy bis zum Jahr 2030 sogar doppelt so schnell wachsen wie herkömmliche Volkswirtschaften.

Blue Bonds als nachhaltige Geldanlage

Wie schon beim Klimaschutz könnten auch hier die Kapitalmärkte eine treibende Rolle übernehmen, so die Idee: über so genannte "Blue Bonds". Durch das Umschwenken der großen Asset-Investoren sind in den vergangenen Jahren Unmengen Anlegergelder in nachhaltige Projekte geflossen. Über die neuen, blauen Finanzierungsinstrumente soll künftig Kapital auch in ozeanfreundliche Projekte fließen. Die Blue Bonds funktionieren dabei ähnlich wie übergeordnete Gruppe der schon etablierten Green Bonds: Banken, Unternehmen oder Städte geben Anleihen aus, um sich Geld zu leihen und dieses anschließend für Projekte wie nachhaltige Fischerei, Küstenschutz, nachhaltigen Tourismus oder den Schutz der Biodiversität zu verwenden. Anleger erhalten dafür Zinsen und können gleichzeitig von steigenden Kursen profitieren – so zumindest die Theorie.

Die weltweit erste blaue Anleihe legte im Oktober 2018 die Republik Seychellen auf. Insgesamt 15 Millionen US-Dollar sammelte der Staat damit von internationalen Investoren ein. "Das zeigt das Potenzial der Länder, die Kapitalmärkte für die Finanzierung der nachhaltigen Nutzung von Meeresressourcen zu nutzen", sagte die Weltbank damals. Im Januar 2019 legte die Nordische Investitionsbank (NIB) mit einem Blue Bond in Höhe von rund 195 Millionen US-Dollar nach, um Banken zu unterstützen, die Kredite für ausgewählte Wasserbewirtschaftungs- und -schutzprojekte in der Ostsee vergeben.

Mittlerweile beträgt die Gesamtgrößte des Marktes für blaue Anleihen rund zwei Milliarden US-Dollar. Damit sind sie ein absolutes Nischengeschäft – der gesamte globale Anleihenmarkt ist mehr als 100 Billionen US-Dollar groß. "Der Markt für Ozeanfinanzierungen ist noch nicht groß und umfangreich genug, obwohl das Potenzial signifikant ist", sagt Markus Müller, Leiter des Chief Investment Office der Privatkundenbank der Deutschen Bank.

Ein Problem: Bisher investiert vor allem der öffentliche Sektor in die Anleihen. Für die global gesetzten Klimaziele der Vereinten Nationen dürfte das aber nicht genügen. Allein die Auswirkungen des Klimawandels auf die Ozeane könnten im Jahr 2050 laut den Ergebnissen eines Forscherteams rund um den amerikanischen Geologen Robert Gaines (49) weltweit wirtschaftliche Kosten von 428 Milliarden US-Dollar pro Jahr verursachen. Bis zum Jahr 2100 rechnet das Forscherteam mit Kosten von rund zwei Billionen US-Dollar. Um die zu decken und Innovationen zu gewährleisten, diskutieren die Fachleute in Lissabon, wie auch vermehrt Privatinvestoren für ökologische Meeres-Investments gewonnen werden könnten.

Die Ozean-Ökonomie könnte Investments verfünffachen

Dass die geförderten Projekte etwas bringen, scheint klar. Das High Level Panel for a Sustainable Ocean Economy, eine Initiative von 16 Staaten, berechnete 2020 die erste Kosten-Nutzen-Analyse nachhaltiger, ozeanbezogener Investitionen für die nächsten 30 Jahre. Dafür verglich sie die zu erwartenden Kosten der Projekte mit dem erwarteten Nutzen im Jahr 2050, einschließlich gesundheitlicher, umweltbezogener, wirtschaftlicher und sozialer Aspekte. Ergebnis: Jeder investierte US-Dollar in eine nachhaltige Ozean-Ökonomie könnte in diesem Zeitraum mindestens fünf Dollar einbringen.

"Der Nutzen kann aber je nach Industrie oder Sektor auch höher ausfallen", sagt Deutsche-Bank-Manager Müller. Eingesetzt in Projekte wie die nachhaltige Produktion von fischbasiertem Protein im Meer, beispielsweise aus nachhaltig betriebenen Aquakulturen in Fischereien, würde ein Dollar laut der gleichen Analyse zehn Dollar einbringen. "Klar ist: Es gibt eindeutig ein Geschäftsmodell für eine nachhaltige blaue Wirtschaft", sagt Müller, der auch selbst nach Lissabon gereist ist.

Doch die Realität sieht häufig komplizierter aus: Für private Geldgeber seien manche Ozeanprojekte aktuell noch zu klein, um nach den herkömmlichen Finanzierungsmodellen tragfähig zu sein, zu risikoreich oder zu sehr auf kostengünstige Fremdfinanzierung angewiesen, sagt Müller. "Das alles ist lösbar, aber dafür braucht es fundierteres Wissen bei den Investoren und ein klares regulatorisches und rechtliches Umfeld." Investitionen könnten beispielsweise attraktiver gestaltet werden, indem Zuschüsse in die Frühphase von Projekten einbezogen werden, Fremdkapitalkosten an den Umweltfortschritt gekoppelt werden oder die Finanzierung für kleine Meeresunternehmen besichert werden würden.

Auch Private Public Partnerships, also Partnerschaften zwischen privaten und staatlichen Investoren, sieht Müller als einen Weg, das gesamte Finanzierungssystem für den Ozean zu verbessern. "Mit zinsgünstigen oder zuschussbasierten Vorabinvestitionen könnten sie helfen, die hohen Kapitalkosten zu Beginn eines Projekts zu verringern, damit das jeweilige Risikoprofil zu verbessern und so das Vertrauen von Investoren stärken", sagt der Investmentexperte. Derzeit sei der Markt dafür aber noch zu fragmentiert. "Wir benötigen schnell ein skalierbares Modell, denn die Zeit rennt uns davon."

Geringe Zinsunterschiede zu normalen Anleihen

Immerhin: Die blauen Bonds nun vermehrt auch von Unternehmen auflegen zu lassen, könnte schneller gelingen als bei den Green Bonds, prognostiziert Michael Grote, Professor für Corporate Finance an der Frankfurt School of Finance and Management. "Bei Green Bonds haben sich nur sehr langsam Standards gebildet. Bei den Blue Bonds können einige Jahre der Entwicklung übersprungen werden, weil wir diese Standards übernehmen können", sagt er.

Die Frage sei eher, ob private Investoren an solchen Projekten interessiert seien. Derzeit hält Grote das noch für schwierig. "Den ganz großen Optimismus teile ich nicht", sagt der Professor. Auch bei Green Bonds sei der Versuch bisher nur wenig erfolgreich gewesen. Ein Grund dafür: Der Zinsunterschied zwischen grünen Bonds und normalen Bonds sei nur sehr klein. "Wir reden von 0,01 Prozent bis 0,3 Prozent – jedenfalls sind grüne Bonds bisher nicht viel billiger", sagt er. "Auf Unternehmensebene bringen solche Bonds daher sehr wenig für den privaten Anleger." Und überhaupt: Viele Projekte im Ozean würden sich gar nicht erst für profitbringende Projekte eignen. "Es zahlt niemand dafür, dass Plastik auf dem Meer gefischt oder ein Deich gebaut wird."

Hinzu kommt, dass der Begriff "Blue Bond" nicht geschützt ist. Und je mehr Anleihen unter dem Label künftig ausgegeben werden, desto größer sei auch die Befürchtung, dass sich einige Unternehmen damit nur schmücken wollen. Um "Bluewashing" zu verhindern, müsse die EU daher zeitnah klare Richtlinien für das Auflegen solcher Anleihen vorlegen, sagt Grote. "Ich denke, dass Blue Bonds noch lange im Schatten stehen werden."

Wer sich dennoch für den Schutz der Meere über den Kapitalmarkt einsetzen möchte, solle auf die breite Streuung seiner Investments achten. "Und bei allem, was neu ist, gilt natürlich je nach Risikobedarf Diversifikation im Rahmen eines breit gestreuten Wertpapierportfolios über verschiedene Anlageklassen und Regionen."

Anmerkung der Redaktion: Die Autorin reiste im Rahmen eines Medienworkshops nach Lissabon, der vom Pressenetzwerk für Jugendthemen und der Deutschen Gesellschaft der Vereinten Nationen organisiert und aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit finanziert wurde.

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