Dienstag, 18. Juni 2019

Was die Apple Card kann, was sie kostet Die Apple Card - ein Game Changer?

 Karten mit Unterschrift und Nummer: Für Apple-Chef Tim Cook ist das die alte Kreditkarten-Welt.
Stephen Lam/REUTERS
Karten mit Unterschrift und Nummer: Für Apple-Chef Tim Cook ist das die alte Kreditkarten-Welt.

Filme, Nachrichten, Spiele - mit seinen neuen Abo-Diensten stößt Apple auf einen hart umkämpften Markt. Auch an Kreditkartenanbietern mangelt es nicht. Die Apple Card kommt zwar innovativ daher - aber hat sie das Zeug zum Game-Changer, wie Tim Cook sagt? Apples Partner Goldman Sachs denkt schon mal über einen Start der Karte auch jenseits der USA nach.

Apple-Chef Tim Cook sparte nicht mit Euphorie und Superlativen, als er am Montag die Apple Card ankündigte ( hier sehen Sie eine Aufzeichnung ). Die neue Karte sei "die bedeutendste Änderung in der 50jährigen Geschichte der Kreditkarte" - aus seiner Sicht ein Game Changer eben.

Seine erste Kreditkarte will der Technologiekonzern mit den Kooperationspartnern Mastercard und Goldman Sachs im Sommer in den USA auf den Markt bringen. Sie sei binnen weniger Minuten über das iPhone zu beantragen und soll vor allem einen Zweck erfüllen: Die Nutzer über die Wallet App möglichst eng an das 2014 eingeführte Zahlungssystem Apple Pay zu binden.

Die Nutzung der Karte an sich ist gebührenfrei, was keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal in diesem Markt darstellt. Apple aber will den Gebrauch der Karte mit Gutschriften von bis zu 3 Prozent auf jeden Umsatz belohnen. Die 3 Prozent gibt es, wenn die Kunden Apple-Produkte mit der Karte bezahlen.

Die Versuchung, unendlich viel "Daily Cash" - so nennt Apple das Belohnungssystem - durch mehr Umsätze zu generieren, liegt nahe. Doch dem sind Grenzen gesetzt, wie die US-amerikanische Technologie-Site Cnet nach Lektüre des Kleingedruckten weiß: Die Gutschriften sind dem Kreditkartenlimit angepasst. Bei einem Limit von 3000 Dollar lassen sich innerhalb eines Abrechnungszyklus also maximal 90 Dollar "Daily Cash" generieren.

Zwar ist seit Montag fortwährend die Rede von einer Karte, doch streng genommen geht es um die Integration eines neuen Dienstes in das iPhone. In der Realität dürfte die Karte nur dann zum Einsatz kommen, wenn Geschäfte Apple-Pay nicht akzeptieren, was zusehends den Ausnahmefall darstellt. In bereits 70 Prozent der Läden in den USA können Kunden mit ihrem iPhone bezahlen, schreibt "Forbes".

Mit dem Statussymbol aus Titan im Supermarkt protzen?

Wer die Apple Card zückt, dem dürften zumindest die Blicke anderer gewiss sein. Sie ist nicht etwa aus schnödem Plastik, sondern aus dem ultraharten Leichtmetall Titan geätzt - ein potentielles Statussymbol, wie einst auch teure iPhones, deren Absatz zusehends schwächelt.

Auf der Karte sind weder Nummer oder Unterschrift eingraviert. Die tatsächlich hinterlegten Daten werden beim Bezahlvorgang niemals gesendet, die Transaktion vielmehr über eine zufällig generierte Kreditkartennummer abgewickelt. Das System soll deshalb als fälschungssicher gelten. Wer seine Karte verliert, fragt über die App nach einer neuen, indem er die alte storniert.

Auch sonst soll die Apple Card im Zusammenspiel mit iPhone und Apple Pay einige Vorteile bieten: Die Transaktionen und Ausgabeinformationen erfolgen in Echtzeit, gleiches gelte für Gutschriften auf Umsätze, die zur Überweisung oder neue Zahlungen sofort eingesetzt werden können.

Apple an Konsumentenprofilen nicht interessiert, verdient wird trotzdem

Die Privatsphäre seiner Kunden ist Apple wichtig. Das Wort fiel am Montag während der Vorstellung der Apple Card oft. Der Technologiekonzern sei an Konsumentenprofilen und ihrer Verwertung nicht interessiert. Apple interessiere nicht, was Kunden wo und wann gekauft haben. Zwar hätte der Kooperationspartner Goldman Sachs Zugriff auf die Daten, sich aber verpflichtet, sie nicht an Dritte weiterzureichen oder zu verkaufen.

Auch wenn die Nutzung der Karte an sich gebührenfrei ist, Apple und Kooperationspartner verdienen trotzdem mit. So sollen für Überziehungen oder den verspäteten Ausgleich des Kontos Zinsen anfallen, die sich auch danach richten, wie schnell und in welchem Ausmaß die Schulden beglichen werden. Die Höhe der Zinssätze thematisierte Apple während des Events am Montag explizit nicht.

In Fußnote 4 zu einer Präsentation von Apple wurde Cnet aber fündig. Dort steht der kleine aber bedeutende Hinweis: Die variablen effektiven Jahreszinssätze liegen je nach Bonität zwischen 13,24 Prozent und 24,24 Prozent. Preise ab März 2019".

Zinssätze von bis zu 24 Prozent, Goldman signalisiert Expansion

All diese Bedingungen können sich natürlich noch ändern. Vorerst sind vor alle Kunden in den USA aufgerufen, vor Bestellung ihrer Apple Card noch einmal die Bedingungen zu prüfen. In Europa werden Apple-Fans die Kreditkarte des Technologiekonzerns vorerst nicht angeboten bekommen.

 Ausgaben in Echtzeit verfolgen und Gutschriften sammeln: So stellt sich Apple die neue Kreditkarten-Welt vor. Die Apple Card soll vor allem eines erreichen - noch mehr Apple-Fans zum Bezahlsystem Apple Pay locken
Michael Short/ AFP
Ausgaben in Echtzeit verfolgen und Gutschriften sammeln: So stellt sich Apple die neue Kreditkarten-Welt vor. Die Apple Card soll vor allem eines erreichen - noch mehr Apple-Fans zum Bezahlsystem Apple Pay locken

"Mit der Zeit werden wir [aber] auf jeden Fall über internationale Möglichkeiten nachdenken", deutete der Chef des Auslandsgeschäfts von Goldman Sachs, Richard Gnodde, dem US-Sender CNBC am Dienstag mögliche Expansionspläne an.

Die Kreditkarten-Partnerschaft der Investmentbank mit Apple, die ihre Dienste vornehmlich Regierungen, Unternehmen und institutionellen Anlegern anbietet, überrascht auf den ersten Blick. Doch startete Goldman vor drei Jahren mit seiner Online-Plattform "Marcus" den Einstieg ins Kredit- und Einlagengeschäft und baute dies 2018 mit dem Zukauf der Fintech-App Clarity Money für private Finanzen aus. Nach nennenswerten Erfolgen in Großbritannien plane Goldman, die Online-Handelsbank Marcus auch nach Deutschland zu bringen.

Apple stößt mit seiner Kreditkarte in einen hart umkämpften Markt

Branchenbeobachter sind indes uneins darüber, wie bedeutend die Kreditkarte für das Apple-Geschäft werden kann. Interessanterweise erwarten gerade Analysten von Goldman Sachs zunächst nur einen geringen finanziellen Beitrag zum Apple-Gewinn. Carolina Milanesi von der Analysefirma Creative Strategies argumentiert, der wahre Vorteil des Angebots für Apple dürfte in einer stärkeren Kundenbindung liegen.

Euphorisch klingt das nicht. Die von Tim Cook verbreitete Game-Changer-Stimmung will bei Beobachtern nicht so recht verfangen. Das dürfte auch daran liegen, dass Apple mit seiner Kreditkarte ähnlich wie mit den am Montag vorstellten Abo-Modellen einen Markt betritt, der bereits weitgehend erschlossen und hart umkämpft ist.

Kommentatoren auf CNN geben zu bedenken, dass US-amerikanische Großbanken wie JPMorgen Chase oder Citigroup neue Kunden seit Jahren mit lukrativen Anmeldeboni und Gutscheinen für Restaurants und Reisen werben - und gewinnen. Apples Angebote wirken da weniger aufregend. Auch hätten Fintechs und manche Bank jene Features bereits im Angebot, die Apple jetzt als aufregende Innovation ankündigt.

Die Anleger jedenfalls hat Apple-Chef Tim Cook mit den neuen digitalen Diensten noch nicht überzeugt. Nach Verlusten am Montag gab die Aktie von Apple Börsen-Chart zeigen am Dienstag weiter nach.

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