Dienstag, 17. September 2019

Börsenprofi Thomas Grüner erklärt So investieren Sie richtig in China-Aktien

China als Wachstumstreiber der Vergangenheit?

Chinas Wirtschaft wächst langsamer. Diese Meldung sollte inzwischen zu jedem finanzmarktinteressierten Anleger durchgedrungen sein. Das Ausmaß variiert je nach Datenlage, unabhängig davon trifft die Tatsache jedoch nicht nur die chinesische Wirtschaft, sondern ist auch in den Exportdaten insbesondere von industrieller Seite in den Handelsbilanzen der Industrienationen ablesbar.

Während viele Marktbeobachter vor allem die Unsicherheit resultierend aus dem Handelskonflikt mit den USA für die Entwicklungen verantwortlich machen, die wie ein Damoklesschwert über China schwebt, sind wir anderer Meinung - aus gutem Grund.

Was sind also die wahren Ursachen? Wird sich die Entwicklung unaufhaltbar fortsetzen? Und mit welchem Anteil sollte man chinesische Aktien im eigenen Depot gewichten?

Regulierung der Schattenbanken als Auslöser

Aus unserer Sicht sind die reinen Erklärungsversuche über Zölle und das Sentiment zu schwach. Viel entscheidender ist der letztjährige Zusammenbruch des Schattenbankensystems in China. Viele Jahre hatte China ein Finanzsystem mit zwei Geschwindigkeiten. Auf der einen Schiene gab es große staatlich gestützte Banken, die größtenteils an staatlich unterstützte Firmen mit einer impliziten Rückzahlungsgarantie Kredite vergaben. Diese Firmen bilden jedoch nicht das Rückgrat Chinas.

Viel wichtiger für den nationalen Aufschwung waren in der jüngeren Vergangenheit nämlich kleine und mittelständische private Unternehmen. Da diese ohne staatliche Garantien Geld leihen mussten, waren sie gezwungen, auf anderen Wegen Kredite zu beschaffen, welche ein ausgeprägtes Schattenbankensystem hervorbrachten. Dieses war geprägt von immensen Risikoaufschlägen und hohen Finanzierungskosten. Aufgrund dieser Entwicklung beschloss die chinesische Regierung vor ein paar Jahren, dass solche Firmen ein zu hohes Risiko zu tragen hätten. Gerade auf dem Weg von einer industriell geprägten Wirtschaft hin zu einer service- und konsumorientierten Gesellschaft stellte dies ein besonderes Hindernis dar. Daher ermutigten offizielle Stellen die Schattenbankenindustrie dazu, saubere Kredite an Mittelständler zu vergeben, diese zu bündeln und als Hochzinsanleihen an finanzstarke private Investoren zu verkaufen.

Nach ein paar Jahren entwickelte sich die Servicesparte der chinesischen Wirtschaft hervorragend, gleichzeitig waren die privaten Schulden jedoch auf einem Rekordhoch. Die ersten Kredite fielen aus, was die Investoren der Hochzinsbündel verwirrte, hatten sie doch geglaubt, aufgrund der staatlichen Empfehlung seien diese sicher. Daher beschloss die chinesische Regierung im vergangenen Jahr, die Schattenbankenindustrie zu reduzieren. Das Ziel war es, die komplette Kreditvergabe an offizielle Stellen umzuleiten. Große, staatlich unterstützte Banken waren jedoch wenig motiviert, an kleine Firmen ohne staatliche Garantien Kredite zu vergeben. Somit entstand plötzlich eine Kapitallücke im Privatsektor Chinas. Dies dürfte einer der Gründe sein, warum die chinesische Wirtschaft im vergangenen Jahr einen stärker als erwarteten Abschwung erlebt hat.

Schwache Fundamentaldaten sorgen für positive Reaktionen

Das Problem wurde inzwischen erkannt. Doch die schwächere Nachfrage sollte temporärer Natur sein. Denn die chinesische Regierung verkündete in den vergangenen Monaten eine große Anzahl an Maßnahmen, welche die chinesische Wirtschaft auf alte Wachstumspfade zurückführen sollten. Die Folgen sind weder quantitativ, noch zeitlich exakt planbar. Skeptiker sind dementsprechend schnell auf dem Plan. Eine immense Steigerung der Kreditvergabe im Januar spricht jedoch bereits jetzt eine deutliche Sprache.

Chinas Maßnahmen umfassen diverse Bereiche. So wurden unter anderem Volumina von 200 Milliarden US-Dollar an steuerlichen Anreizen gesetzt, weitere 123 Milliarden US-Dollar für städtische Bahnprojekte, lokale Stellen gaben Anleihen im Wert von 200 Milliarden US-Dollar für Infrastrukturmaßnahmen aus und wie bereits in unserer Jahresprognose vermutet folgte nun beim jährlichen Parteikongress die Ankündigung, die Mehrwertsteuer für die Industrie von 16 auf 13 Prozent senken zu wollen.

Als erste Reaktion war eine immense Steigerung der Kreditvergabe im Januar auf einen Rekordwert von 3,23 Billionen Yuan zu beobachten. Das entspricht einer Verdreifachung des Dezemberwerts und einer Verdoppelung des Werts aus dem Januar 2009. Nimmt man die Ausgabe von Anleihen dazu, so erreicht der Wert für die gesamte soziale Finanzierung einen Rekordwert von 4,64 Billionen Yuan, was in etwa einem Betrag von 687,88 Milliarden US-Dollar entspricht (siehe Grafik). Dabei ist es völlig normal, dass im Januar die Kreditvolumina in China steigen, da Banken vor dem chinesischen Neujahrsfest ihre Kreditquoten noch einmal steigern wollen. Das Ausmaß der Steigerung überrascht jedoch.

Was bleibt, ist die Frage nach den Auswirkungen der aktuellen Maßnahmen. Auch wenn man im Januar bereits einen Kreditsprung beobachten konnte, benötigen diese Zeit, bis sie ihre kompletten Folgen entfalten können. Die reine Steigerung des Kreditvolumens reicht nun einmal nicht aus. Das Geld muss sinnvoll investiert werden, Erträge erwirtschaften und letztendlich im Wirtschaftskreislauf zirkulieren. Das alles benötigt seine Zeit. Trotzdem sind wir der Meinung, dass die Folgen mittelfristig positiv sein werden. Schon immer haben schwache Fundamentaldaten zu politischen Reaktionen geführt, was in der Regel tendenziell positiv für die Märkte war.

Was man nun besitzen sollte

Die Regulierung der chinesischen Schattenbanken hat zu einer Versorgungslücke der Liquidität gesorgt. Wir erwarten, dass vor allem Industrien, die stark von der Finanzierung über diesen Weg abhängig waren, in der kommenden Marktphase eine Underperformance zeigen werden. Der Wechsel zu den offiziellen, staatlichen Stellen wird zwar vereinfacht, braucht jedoch seine Zeit. Daher glauben wir, dass man China für die kommende Phase im eigenen Depot untergewichten sollte.

Als sinnvolle Benchmark zur Planung der eigenen Position kann der MSCI All Country World Index herangezogen werden, der eine hilfreiche Vergleichsgewichtung liefert. China bildet einen wichtigen Anteil an der Weltwirtschaft, man sollte jedoch an diesem Punkt nicht die problematische Differenz zwischen dem Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt und der Marktkapitalisierung vergessen, sowie die politischen Risiken einer staatlich dominierten Marktwirtschaft beachten.

Auf der Sektorenebene gilt es die großen, wachstumsstarken Technologieunternehmen Chinas im eigenen Portfolio abzubilden. Eine Schwerpunktsetzung in diesem Bereich kann tendenziell sinnvoll sein. Gerade in der Endphase des laufenden Bullenmarkts sind es die Unternehmen, die eine Wachstumsfantasie mit stabilen Bilanzen vereinen, die von Investoren bevorzugt werden. Auch wenn wir normalerweise eine globale Diversifikation der Umsätze schätzen, sorgt die schiere Größe Chinas bei den Mega Caps des chinesischen Technologiesektors für eine natürliche, innerchinesische Diversifikation der Umsätze, selbst wenn das Unternehmen keine Umsätze im Ausland für sich beanspruchen kann.

Fazit

China ist seit Jahren ein Garant für stabiles Wachstum des globalen Bruttoinlandsprodukts. Immer wenn kurzfristige Schwächen auftreten, sorgt dies für einen stimmungsgeladenen Aufschrei an den Finanzmärkten. Die aktuell schwächelnden Fundamentaldaten sind wieder einmal ein sehr gutes Beispiel dafür. Diese sind vorrangig auf die Regulierung der Schattenbanken und teilweise auch auf die globalen Konfliktfelder, insbesondere die Unsicherheit im Umgang mit den USA zurückzuführen. Schwache Fundamentaldaten können jedoch einen positiven Einfluss auf die Finanzmärkte haben.

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Entscheidend ist hierbei die Reaktion der chinesischen Regierung. Stimuli haben bereits für eine erste Reaktion beispielhaft sichtbar bei der Kreditvergabe gesorgt. Aufgrund der Regulierung der Schattenbanken sind weiterhin einige Industrien stark geschädigt von Liquiditätsengpässen. Bis sich dieses Problem auflöst, wird vermutlich einige Zeit vergehen. Daher sollte der chinesische Anteil im eigenen Portfolio untergewichtet und auf spezielle Branchen beschränkt werden. Hierbei sind insbesondere die großen, wachstumsstarken Technologieunternehmen Chinas interessant, die von steigendem Konsum im Bereich der Onlineprodukte profitieren sollten. China bringt zahlreiche Voraussetzungen mit, um in einem global diversifizierten Portfolio eine immer stärkere Rolle zu spielen, die Risiken sollten jedoch stets mit einem besonderen Augenmerk betrachtet werden.

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