Investments in Corona-Zeiten Drei (mögliche) Überraschungsgewinner der Omikron-Krise

Mit dem Auftauchen der Omikron-Variante verschärft sich erneut die Corona-Krise, auch an der Börse. Damit sind allerdings auch Investmentchancen verbunden – manche sind nicht auf den ersten Blick zu erkennen.
"Lipstick-Effect": Ganz gleich wie groß die Krise ist - Lippenstifte werden stets gekauft

"Lipstick-Effect": Ganz gleich wie groß die Krise ist - Lippenstifte werden stets gekauft

Foto: AP/ DPA

Die Corona-Angst hat einen neuen Namen: Omikron. An der Börse sorgte die neuartige Variante des Covid-19-Erregers, die zuerst im Süden Afrikas nachgewiesen wurde und inzwischen in immer mehr Ländern auftaucht, am vergangenen Freitag für einen regelrechten Ausverkauf. Der Dax schloss den Handelstag mit einem Minus von mehr als 4 Prozent ab, beim US-Blue-Chip-Index Dow Jones betrugen die Verluste am Ende immerhin noch 2,5 Prozent.

Am heutigen Montag versuchen sich die Investoren zwar in Optimismus. Klar scheint jedoch, dass die Nervosität am Aktienmarkt in Bezug auf die Pandemie mit dem Erscheinen der neuen Virusvariante wieder deutlich zugenommen hat. Wie ansteckend ist die Mutante? Wie schwer kann sie Infizierte schädigen? Und vor allem: Wie wirksam sind bereits bestehende Impfstoffe dagegen - oder werden gar neue Vakzine benötigt? Diese Fragen sind derzeit offen, und solange es darauf keine Antworten gibt, kann Omikron jederzeit für weitere Turbulenzen an der Börse sorgen.

Was das für die unterschiedlichen Branchen bedeutet, sollte nach mehr als einem Jahr Corona-Krise klar sein. Die Gewinner und Verlierer von Maßnahmen wie Einschränkungen des Flugverkehrs und der Reisetätigkeit oder umfangreichen Lockdowns haben sich an der Börse im Laufe der vergangenen Monate deutlich herauskristallisiert: Luftfahrt- und Touristikaktien sowie der stationäre Einzelhandel beispielsweise schneiden naturgemäß schlecht ab. Zu den Profiteuren gehören dagegen: Anbieter von Videokommunikation wie Zoom oder Microsoft (mit der Software Teams), deren Dienste im Homeoffice gefragt sind, Onlinehändler wie Amazon, Lieferdienste wie Hellofresh oder Delivery Hero und selbstverständlich Entwickler und Vermarkter von Impfstoffen. Die Aktien der Mainzer Biotechfirma Biontech etwa schießen seit Freitag förmlich in die Höhe.

Kursgewinne dank "Lipstick-Effect"

Doch längst nicht alle Branchen und Unternehmen passen in dieses bekannte Schema von Corona-Gewinnern und -Verlierern. In vielen Wirtschaftszweigen hat die Pandemie zweischneidige Folgen, führt also zu Vorteilen und Nachteilen gleichermaßen. Zudem gibt es Bereiche der Wirtschaft, die sich gänzlich anders entwickeln, als es auf Anhieb zu vermuten wäre. Letztere sind aus Investorensicht womöglich besonders spannend. Denn wer dort rechtzeitig richtig positioniert ist, erzielt womöglich Erträge, die vielen anderen Anlegern entgehen.

Ein Beispiel ist die Kosmetikbranche. Die gängige Überlegung wäre: Wenn sich Millionen Menschen über Monate ins Homeoffice begeben (wie es in Deutschland wohl in nächster Zeit der Fall sein wird), und wenn zudem auch das gesellschaftliche Zusammensein etwa auf Partys, in Restaurants und Kneipen oder in Clubs und Diskotheken, stark eingeschränkt wird, dann sollte das den Absatz von Kosmetika beeinträchtigen.

Die Realität sieht jedoch anders aus. Zwar leidet der Absatz von besonders luxuriösen Kosmetika in einem Pandemieumfeld, weil diese zu einem Großteil auf Flughäfen verkauft werden. Zugleich gibt es jedoch ein Phänomen, das Börsianer als "Lipstick-Effect" bezeichnen: Selbst in Krisenzeiten, wenn Menschen auf viele Dinge des täglichen Lebens verzichten (oder verzichten müssen), lassen sie sich den Lippenstiftkauf nicht nehmen. So ging der Absatz von Basic-Beauty-Produkten wie Lippenstift oder Make-up beispielsweise in der unsicheren Zeit nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 keineswegs zurück - er stieg sogar.

Autobauer trotzen Widrigkeiten

Hinzu kommt, dass viele Kosmetikfirmen wie etwa der französische L'Oréal-Konzern inzwischen einen Teil ihrer Geschäfte auch mit Pflegeprodukten machen. Im Corona-Jahr 2020 jedenfalls schlugen sich Branchengrößen wie L'Oréal oder der US-Konkurrent Estée Lauder beachtlich. Die Aktien holten die Verluste, die sie im anfänglichen Crash des Frühjahrs 2020 verbuchen mussten, schnell wieder auf. Insbesondere in den vergangenen Monaten stiegen beide Papiere auf historisch hohes Niveau.

Ebenfalls besser als noch vor Kurzem gedacht, steht in der Corona-Krise derzeit die Autoindustrie da. Zuerst kamen die erzwungenen Produktionspausen im Zuge der Corona-Lockdowns 2020, dann schlug der Chip-Mangel mit voller Wucht zu und führte in der Branche zu deutlich weniger hergestellten Autos. Die Hersteller hatten in den vergangenen Monaten also reichlich Grund zur Klage. Was in all den Diskussionen um Mangelwirtschaft, gestresste Logistikketten und Produktionspausen allerdings weniger Beachtung fand: Die großen Autobauer, allen voran die Premiummarken, kommen mit den Unsicherheiten viel besser zurecht als ursprünglich erwartet – und überraschen mit Gewinnrekorden statt dem Eindampfen von Prognosen.

BMW etwa steigerte im dritten Quartal den Betriebsgewinn um 38 Prozent  auf rund 2,9 Milliarden Euro, obwohl die Bayern 15 Prozent weniger Autos verkauften. Beim Konkurrenten Daimler ist die Situation ähnlich: Die Schwaben verkauften um ein Viertel weniger Autos als noch im Vorjahresquartal, das Konzernergebnis stieg aber um ein Fünftel auf rund 2,6 Milliarden Euro . Bei Volkswagen gab es zuletzt zwar einen leichten Rückgang auch beim Gewinn , im vierten Quartal erwarten die Wolfsburger aber ein "deutlich positives Ergebnis gegenüber Q3" und wollen im "Gesamtjahr 2021 beim Umsatz über Vorjahr liegen".

Auch wenn die operative Rendite der Wolfsburger in diesem Jahr bei nur 3 Prozent liegen wird, sollen es 2023 bereits 6 Prozent sein. Insgesamt haben die 16 größten Autohersteller der Welt im vergangenen Quartal mehr Gewinn erwirtschaftet als je zuvor, zeigt eine Studie.

Der Grund für den Optimismus trotz aller Schwierigkeiten: Den Autoherstellern gelang es laut Eigenangaben durch die Bank, die Fixkosten zu senken. Und ihnen allen helfen die derzeit sehr hohen Preise auf dem Gebrauchtwagenmarkt. Da die Lieferzeiten für Neuwagen momentan sehr lang sind, weichen viele Kunden auf junge Gebrauchtwagen aus. Und die kosten zurzeit zum Teil genauso viel wie Neuwagen. Denn die Corona-Pandemie hat bei vielen das Interesse an einem halbwegs Viren-sicheren Transportmittel erhöht.

Hoffen auf das Büro-Comeback

Der für die Autobauer nicht gerade unangenehme Nebeneffekt bei den durch den Halbleitermangel bedingten Lieferengpässen für Neuwagen: Rabattschlachten bei Neuwagen gibt es aktuell nicht, die Preisdurchsetzungsmacht der Autobauer ist gestiegen. Und das dürfte wohl noch eine Weile so bleiben – weshalb die Autohersteller auch beim Wiederaufflammen der Corona-Krise zunächst einmal gewinnen dürften. Es sei denn, die Konzerne müssen ihre Produktion wegen der Ausbreitung der neuen Omikron-Variante wieder einschränken und beispielsweise Werke schließen - das würde die Lage wohl grundlegend ändern.

Zum Schluss ein wenig Spekulation: Auch Unternehmen, die ihr Geld mit dem Investment in und dem Betrieb von Büroimmobilien verdienen, könnten ein attraktives Investment sein. Auch dies wäre kontraintuitiv, schließlich spricht alles dafür, dass sich der Trend zum Homeoffice auch über die Pandemie hinweg zumindest zum Teil halten wird. Im Umkehrschluss sollte die Nachfrage nach Büroflächen also kaum steigen.

Einerseits. Andererseits ist es denkbar, dass Menschen in Büros auch künftig Wert auf größeren sozialen Abstand legen. Womöglich wird so etwas sogar zur Vorschrift. Bestehende Büroflächen würden kaum gleichermaßen mitwachsen - gewännen also schlagartig an Wert.

Büroimmobilienunternehmen wie die Alstria Office Reit AG, die Hamborner Reit AG oder DIC Asset haben während der Corona-Krise zwar keine starke Performance hingelegt. Alle drei Papiere performten seit Frühjahr 2020 schwächer als der Gesamtmarkt. Denkbar jedoch, dass sich ausgerechnet Unternehmen mit diesem Geschäftsmodell als späte Corona-Gewinner erweisen.

wed, cr
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