Freitag, 19. Juli 2019

Börsen in USA und Europa Deshalb bleibt der Aktienmarkt auf Rekordjagd

New Yorker Börse

Nicht nur die US-Börsen sind dabei, neue historische Höchststände zu erreichen, auch der wirtschaftliche Aufschwung in den USA wird schon bald eine neue Rekordmarke setzen.

Im Unterschied zu den meisten anderen Ländern ist dieUS-Wirtschaft im Jahr 2018 stärker gewachsen als es 2017 der Fall war. Das reale Bruttoinlandsprodukt wuchs mit einer Rate von 2,9 Prozent und erreichte damit fast Donald Trumps Wunschgröße von drei Prozent. Und Trump wäre nicht Trump, wenn er mit der US-Notenbank nicht gleich auch einen Schuldigen parat hätte, der die Verantwortung dafür übernehmen muss, dass es mit seinem "Wachstumsversprechen" nicht ganz geklappt hat. Dass sich die USA mit ihrer wirtschaftlichen Entwicklung vom Rest der Welt abkoppeln konnten, lag vor allem an zwei Dingen: Zum einen an der Steuerreform, die die Unternehmen steuerlich deutlich entlastet hat. Dies hat dazu beigetragen, dass viele Firmen neue Jobs geschaffen haben, womit der fiskalische Impuls von den Unternehmen auf die Konsumenten übertragen wurde. Und zum anderen wirkten sich die von Trump angezettelten Handelsstreitigkeiten der USA mit China, Mexiko, Kanada und anderen Ländern in erster Linie auf exportorientierte Volkswirtschaften wie die Eurozone, Japan und viele Schwellenländer negativ aus, nicht aber auf die USA selbst.

Carsten Klude
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    Carsten Klude ist Chefvolkswirt der Privatbank M. M. Warburg in Hamburg.

Denn für die USA als "große" Volkswirtschaft spielt die Binnennachfrage die entscheidende Rolle für das Wirtschaftswachstum und nicht der Außenhandel. Somit wird es in diesem Jahr darauf ankommen, ob der private Verbrauch, auf den rund 70 Prozent der gesamten US-Wirtschaftsleistung entfällt, weiter wachsen wird. Zwar hat auch in den USA die Konjunkturdynamik in den letzten Monaten abgenommen, dennoch deuten die Indikatoren derzeit nicht darauf hin, dass es 2019 zu mehr als nur zu einer moderaten Wachstumsverlangsamung kommen wird.

Obwohl sich der Konsum seit Ende letzten Jahres abgeschwächt hat, spricht dennoch vieles dafür, dass vom privaten Verbrauch in den kommenden Monaten wieder stärkere Wachstumsimpulse ausgehen werden. Die Zuwachsrate der Einzelhandelsumsätze, die im Sommer vergangenen Jahres noch mehr als 6 Prozent betrug, lag im Februar bei nur noch 2 Prozent, wobei sich die Abschwächung quer über alle Segmente des Einzelhandels zieht. Dank des boomenden Arbeitsmarktes gibt es jedoch mehr Jobs als je zuvor, sodass auch die Löhne stärker ansteigen. Da die verfügbaren Einkommen mit einem jährlichen Zuwachs von mehr als 4 Prozent stärker angestiegen sind als die Konsumausgaben, haben sich die US-Amerikaner ein verhältnismäßig dickes Polster an Ersparnissen zugelegt.

Überhaupt ist festzustellen, dass die US-amerikanischen Privathaushalte finanziell äußerst robust dastehen. Dies liegt zum einen daran, dass die Schulden im Verhältnis zum Einkommen so niedrig sind wie es zuletzt 2001 der Fall gewesen ist. Zum anderen, und das ist noch wichtiger, ist der Schuldendienst, also der Anteil von Zinsen und Tilgungen am verfügbaren Einkommen, mit weniger als 10 Prozent so gering wie selten zuvor - der US-Notenbank sei Dank. Zumindest von den Privathaushalten geht also im Moment keinerlei Risiko für eine neue Krise aus.

Eine neue Rezession ist von daher für die USA im Moment nicht in Sicht. Damit ist es sicher, dass der gegenwärtige Wirtschaftsaufschwung, der im Juni 2009 begann, im Juni 2019 mit dann 121 Monaten Wachstum einen neuen Rekord aufstellen wird. Der bisher längste Aufschwung in der jüngeren US-Geschichte fand von März 1991 bis Februar 2001 statt. Aus Anlegersicht lässt sich damit eine ganz wichtige Botschaft verbinden: Solange es absehbar zu keiner Rezession kommt, solange sollte man sich nicht zu defensiv aufstellen.

Dies ist auch der Hauptgrund für die sehr gute Wertentwicklung an den Aktienmärkten, die seit Jahresbeginn zu beobachten ist. Kam es aufgrund der Sorge vor einer starken wirtschaftlichen Abschwächung vor allem bei Aktien mit einem sehr starken Konjunkturbezug im vierten Quartal 2018 zu prozentual zweistelligen Kursverlusten, waren diese umgekehrt die großen Gewinner des Jahres 2019. Mittlerweile haben die US-Indizes ihre im Herbst 2018 aufgestellten Rekorde nahezu erreicht, und wir halten es für wahrscheinlich, dass die Indizes weiter ansteigen werden. Nicht nur die US-Wirtschaft, auch der US-Aktienmarkt steht also vor einem neuen Rekord. Das dürfte dann auch andere Börsen mitziehen. Selbst wenn sich die globale Wirtschaft schwächer entwickelt als es 2018 der Fall gewesen ist, befindet sie sich nicht mehr im freien Fall. Vor allem die besseren Konjunkturdaten aus China deuten darauf hin, dass die eingeleiteten geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen Früchte tragen. Zwar ist nicht alles Gold, was im Reich der Mitte an Wirtschaftsdaten glänzt, doch dürfte die dort zu beobachtende Stabilisierung über kurz oder lang auch der Eurozone, Japan und vielen Schwellenländern zu Gute kommen.

Neben den besseren (oder weniger schlechten) Konjunkturdaten sollte der Aktienmarkt zudem von der Berichtssaison für das erste Quartal profitieren. Mittlerweile haben fast ein Drittel aller Unternehmen im S&P 500 ihre Quartalsergebnisse berichtet, sodass sich schon ein recht deutliches Bild ergibt. So zeigt sich, dass es im Vergleich zum Vorquartal wieder mehr Unternehmen gelingt, die Gewinnerwartungen zu übertreffen. Beim S&P 500, dem Dow Jones 30 und dem Nasdaq 100-Index haben bisher rund 80 Prozent der Firmen die Ertragsprognosen übertroffen, in Q4 2018 lag dieser Wert nur bei gut 70 Prozent. Bei den Umsätzen ist der Anteil der positiven Überraschungen dagegen mit etwa 60 Prozent niedriger als im Vorquartal bzw. im langjährigen Durchschnitt. Dies ist ein untrügliches Signal dafür, dass sich die Konjunktur abgeschwächt hat. In Europa haben bislang nur wenige Unternehmen ihre Bücher geöffnet. Die kleine Stichprobe zeigt wie in den USA, dass die positiven Gewinnüberraschungen bislang überwiegen und zudem auch die Umsatzzahlen besser als erwartet ausgefallen sind.

Mit diesem Rückenwind könnte sich die Rallye an den Aktienmärkten weiter fortsetzen. Allerdings hat diese Betrachtungsweise einen Haken: Die Unternehmensanalysten haben ihre Erwartungen für das erste und zum Teil auch für das zweite Quartal kräftig nach unten geschraubt, sie gehen dann aber von einer deutlichen Verbesserung der Ertragslage aus. Im Moment beruht diese Erwartung allerdings mehr auf Hoffnungen als auf Fakten. Zudem stellt sich die Frage, wie weit die Kurse noch steigen können. Von der Bewertung her ist die Luft für weitere Kursgewinne dünn. Das auf Basis der in zwölf Monaten erwarteten Unternehmensgewinne berechnete KGV des S&P 500 ist von 14,3 zu Jahresbeginn auf zuletzt 17 angestiegen; der langjährige Mittelwert liegt dagegen nur bei 15.

Geht man davon aus, dass die Gewinnerwartungen realistisch sind, errechnet sich mit dem aktuellen KGV ein Kursziel von knapp 3200 Punkten. Beim Dax ist das KGV zuletzt auf einen Wert von 13 angestiegen. Glaubt man den derzeitigen Gewinnerwartungen, könnte der Dax bei einem unveränderten Bewertungsmultiplikator auf 13.000 Punkte ansteigen. Allerdings sind die Gewinnprognosen sehr optimistisch, da sie für die kommenden beiden Jahre Steigerungsraten von jeweils rund 10 Prozent unterstellen. Bleibt man mit unterstellten Zuwachsraten von 5 und 9 Prozent etwas vorsichtiger, errechnet sich ein Dax-Ziel von 12.600 Punkten.

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