Dramatischer Preissturz Der Gold-Crash

Erdrutsch am Goldmarkt: Binnen 48 Stunden ist der Preisanstieg von zwei Jahren verpufft. Selbst Profis rätseln über die Gründe für den Crash. Krisenbedingt ist die Nachfrage privater Anleger weiterhin groß - doch offenbar gibt es Kräfte, die dagegen wirken.
Händler an der Rohstoff- und Edelmetallbörse in Chicago: Der Goldpreis wird stark durch den Handel mit Optionen und Futures, dem sogenannten Papiergold, beeinflusst

Händler an der Rohstoff- und Edelmetallbörse in Chicago: Der Goldpreis wird stark durch den Handel mit Optionen und Futures, dem sogenannten Papiergold, beeinflusst

Foto: REUTERS

Hamburg - "Das tut schon weh", sagt Robert Hartmann, Chef des Münchener Edelmetall-Handelshauses Pro Aurum. "Nicht für das Unternehmen, aber für die Anleger." Was Hartmann und andere Experten so kalt erwischt hat, ist nicht mehr und nicht weniger als der dramatischste Preissturz am Goldmarkt seit 30 Jahren.

Innerhalb von nur zwei Handelstagen ist der Preis um 11 Prozent abgestürzt. Am Dienstagmorgen notierte die Feinunze Gold bei rund 1370 US-Dollar (1020 Euro). Was seit Frühjahr 2011 hinzu gewonnen wurde, ist binnen 48 Stunden verpufft.

Damit nicht genug: Das Wirrwarr am Goldmarkt wird erst vollständig sichtbar, wenn der Blick auch den physischen Handel erfasst. Denn die Verkäufe, die den enormen Preisabschläge ausgelöst haben, finden vor allem im sogenannten Papiergold statt, bei Derivaten, Optionen und Futures also. Aus dem SPDR Gold Trust etwa, dem größten Goldfonds der Welt, nahmen professionelle Anleger in den vergangenen Tagen eilig so viel Geld, dass das Volumen auf den niedrigsten Wert seit drei Jahren sank.

Die Nachfrage nach Münzen und Barren dagegen ist so groß wie lange nicht, berichten Händler. Der Krügerrand etwa, die wichtigste Goldmünze der Welt, ist gegenwärtig nicht verfügbar. Wer sie jetzt ordert, so berichten Händler, wird erst Ende April beliefert. Ähnlich ist es bei begehrten Silbermünzen wie dem American Eagle, dessen Lieferzeit aktuell drei Monate beträgt.

Ein historischer Preissturz auf der einen Seite also, und enorme Nachfrage auf der anderen - was ist da los am Goldmarkt? Unter Marktkennern kursieren zahlreiche Erklärungsversuche. Der einfachste: Seit mehr als zehn Jahren steigt der Goldpreis nun mit zunehmender Geschwindigkeit. Die Möglichkeit einer Spekulationsblase wurde zuletzt immer häufiger diskutiert. Dafür spricht beispielsweise die charakteristische Form des Preischarts. Denkbar also, dass Spekulanten nun reihenweise Kasse machen und das Weite suchen - die Blase könnte geplatzt sein.

Zypern-Krise verstärkt Nachfrage nach Goldmünzen und Barren

Die Folge: Wenn die Spekulanten dem Gold den Rücken kehren, bleiben nur diejenigen dem Edelmetall treu, die es aus Angst kaufen. Angst vor einem Finanzcrash, Angst vor der Inflation, Angst vor Enteignung. Nicht durch Zufall ist die Nachfrage nach Münzen und Barren zuletzt so deutlich gestiegen. Auslöser, so berichten Händler, war die Zypern-Krise, durch die Anlegern erstmals vor Augen geführt wurde, dass ihre Konten vor staatlichem Zugriff nicht sicher sind.

Das belegt zum Beispiel eine aktuelle Umfrage unter britischen Anlegern. Demzufolge ist die Neigung der Privatinvestoren, Gold zu kaufen, seit der Zypern-Krise deutlich gestiegen. "Die Leute haben erstmals gesehen, dass auch ihre Sparbücher vielleicht nicht unantastbar sind", sagt Daniel Marburger, Director bei Jewellers Trade Service Partners in London. "Daher flüchten sie verstärkt in Gold." Allein die Dominanz der institutionellen Investoren sorgt nach Ansicht Marburgers dafür, dass sich der Run nicht im Preis niederschlägt.

Damit spricht Marburger die andere Seite des aktuellen Geschehens am Goldmarkt an: Die Rolle von Notenbanken sowie zahlreichen Großbanken. Sie alle, so sagen Beobachter, haben ein Interesse an einem niedrigen Goldpreis - und sie verfügen über Mittel, den Markt in diese Richtung zu beeinflussen.

Zum Beispiel die Notenbanken, die sich seit jeher schon im Fokus von Verschwörungstheoretikern am Goldmarkt befinden. Die US-amerikanische Fed, die Europäische Zentralbank (EZB) und andere wichtige Zentralbanken wünschten keinen hohen Goldpreis, wird in Blogs und Internetforen gemutmaßt. Denn das unterminiere die Glaubwürdigkeit der internationalen Politik und das Vertrauen in die Finanzmärkte.

Drücken Notenbanken den Goldpreis?

Was läge also näher, als eine Einflussnahme, um den Preis zu drücken. Tatsächlich gelten Äußerungen von Mario Draghi als einer der Auslöser des aktuellen Preissturzes. Der Präsident der EZB hatte am vergangenen Freitag angedeutet, Zypern könne zur Bewältigung seiner Schuldenkrise große Teile seiner Goldbestände verkaufen. Zwar verfügt das Land nur über vergleichsweise geringe Mengen des Metalls. Die angekündigte Veräußerung von zehn der insgesamt knapp 14 Tonnen zyprischen Goldes hätte wohl gerade mal ein Volumen von 400 Millionen Euro gehabt.

Der Markt denkt jedoch immer einen Schritt weiter, und das bedeutet in diesem Fall: Wenn Zypern verkauft, warum dann nicht auch Italien, Spanien und weitere Krisenländer? Allein Italien sitzt auf Reserven von rund 2500 Tonnen Gold - da können Investoren schon auf die Idee kommen, besser vorher als nachher aus dem Markt auszusteigen.

Ins Bild passt, dass auch die US-amerikanische Fed in der vergangenen Woche einen Teil zu den Turbulenzen am Goldmarkt beigetragen hat. Aus dem Protokoll der jüngsten Fed-Sitzung geht hervor, dass die Liquiditätsflut an den Finanzmärkten angesichts einer sich erholenden US-Konjunktur dort zusehends skeptischer gesehen wird.

Sollte jedoch die Fed den Geldhahn wieder zudrehen und schrittweise die Zinsen erhöhen, soviel ist klar, dann verlöre das Inflationsgespenst einen großen Teil seines Schreckens. Folge: Gold würde zur Absicherung dagegen weniger nachgefragt.

Zufall oder nicht: Das Protokoll der Fed-Sitzung, aus dem deren Ansicht zur US-Konjunktur und zur Geldpolitik hervorgeht, gelangte vergangene Woche einen Tag früher an die Öffentlichkeit, als ursprünglich geplant.

Viele Großbanken blasen zum Gold-Ausverkauf

Sind die Notenbanken also verantwortlich für den aktuellen Preissturz? Sicher nicht nur sie. Auch viele Großbanken, so ist am Markt zu hören, drücken gezielt den Preis. Goldman Sachs , JP Morgan, UBS  und andere senkten in den vergangenen Tagen ihre Prognosen für das Edelmetall. Händler berichten zudem, dass die Institute stark auf fallende Preise wetten.

Auch dafür gibt es eine Erklärung - jedenfalls in der Theorie: Die Banken haben in der Vergangenheit zu viel Papiergold verkauft, heißt es. Seit der Zypern-Krise würden sie nun verstärkt von Investoren bestürmt, die eine physische Auslieferung ihres Goldes forderten. Das sei jedoch nicht möglich, weil dem Papiergold, dass von den Geldhäusern beispielsweise in Form von Zertifikaten unter die Anleger gebracht wurde, nicht ausreichend Münzen und Barren in den Tresoren der Banken gegenüberstünden.

Ausufernder Handel mit Papiergold ist ein Problem

Die Folge: Die Banken drücken den Preis, um sich danach günstiger mit Gold eindecken zu können - so zumindest die Theorie, die sich Marktteilnehmer zuraunen. Gerüchten zufolge beispielsweise verkaufte allein die US-Bank Merrill Lynch am vergangenen Freitag nach und nach vier Millionen Unzen Gold.

Zudem sorgten vor einigen Tagen Briefe für Aufsehen, die die ABN Amro Berichten zufolge an ihre Goldkunden verschickt hatte. Darin weise die Bank darauf hin, dass sie kein physisches Gold mehr aushändige, sondern nur noch dessen Geldwert, hieß es. ABN Amro hat diese Darstellung allerdings inzwischen relativiert.

So unklar der Realitätsgehalt solcher Anekdoten scheint, einen wahren Kern haben sie offenbar: Das Problem am Goldmarkt ist zurzeit der ausufernde Handel mit Papiergold, also mit Derivaten, Optionen oder Futures. "Nur noch 5 Prozent des täglich gehandelten Goldes kommen tatsächlich zur physischen Auslieferung", sagt Experte Marburger. "Die Preisentwicklung wird klar vom Papiergold dominiert, und zwar vor allem von Profianlegern." Privatleute haben laut Marburger nur einen geringen Einfluss auf die Preisentwicklung.

Und was heißt das für die Zukunft? Wer sich am Goldmarkt umhört, stellt fest, dass sich die Stimmung grundlegend gewandelt hat. Bis vor kurzem nahmen die Investoren die seit Monaten zu verzeichnenden Wertverluste noch relativ gelassen hin. Immerhin hatte der Goldpreis seit Anfang des Jahrtausends eine bemerkenswerte Hausse hingelegt, mit Preisaufschlägen von mehreren hundert Prozent. Gewinnmitnahmen, so der Tenor unter Bobachtern, seien da verständlich. Die Rede war von einer "notwendigen Konsolidierung".

Doch dieses Muster passt nun kaum noch. Die jüngsten Rückgänge schlagen selbst eingefleischten Gold-Fans aufs Gemüt. Die Angst geht bereits um, dass diesmal wirklich Schluss sein könnte mit dem Daueraufschwung am Goldmarkt.

Furcht vor computergestützten Trendfolgern

Fest steht: Sollte tatsächlich eine Spekulationsblase geplatzt sein, dann könnte die Talfahrt noch einige Zeit weitergehen. Zwar betragen Marktkennern zufolge allein die Kosten für die Produktion einer Unze Gold etwa 1300 Dollar. Diese Marke sollte also dauerhaft kaum unterschritten werden, heißt es. In Ausnahmesituationen wie gegenwärtig können aber rationale Erwägungen erfahrungsgemäß weit in den Hintergrund rücken - auch ein Preis unterhalb der Förderkosten dürfte dann kaum ausgeschlossen sein.

Befeuert werden solche Sorgen von technischen Analysten, die in diesen Tagen den Chart des Goldpreises unter die Lupe nehmen. Bei 1540 Dollar sowie 1525 Dollar je Unze, so die Fachleute, wurden zuletzt zwei wichtige Unterstützungslinien unterschritten, die in den vergangenen Jahren stets gehalten hatten.

Gold in der Bärenphase - Trendfolgeprogramme springen an

Das Metallhandelshaus Heraeus etwa folgert daraus, dass Gold nun offiziell in eine "Bärenphase" eingedrungen sei. Und wer sich mit dem Geschehen am Kapitalmarkt auskennt weiß: Nun springen rund um den Globus computergesteuerte Trendfolgesysteme an, die den Preisrückgang noch verstärken könnten.

"Wir gehen davon aus, dass die Situation bei Gold und Silber in den kommenden Tagen weiterhin extrem turbulent bleibt", sagt Pro-Aurum-Chef Hartmann. "Es wird zu enormen Kursschwankungen in beide Richtungen kommen." Entscheidend werde sein, wie sich die Notenbanken verhalten, die zuletzt als Käufer am Markt zu sehen waren, so Hartmann. "Dies war neben China vor allem Russland."

Noch glaubt Hartmann weiterhin an den langfristigen Aufwärtstrend beim Goldpreis. Andere Experten sind skeptischer. Investmentlegende George Soros etwa hatte dem Edelmetall schon wenige Tage vor dem Crash den Nimbus als "sicherer Hafen" abgesprochen.

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