Fotostrecke

Milliardenschwer: Stiftungen in Zahlen

Foto: manager magazin online

Milliardenvermögen Niedrigzinsen bedrohen Stiftungen

Deutsche Stiftungen horten rund 100 Milliarden Euro Vermögen. Ihr Geld legen sie konservativ und häufig unprofessionell an. Das kann auf Dauer nicht gut gehen, sagt Stefan Haake. Bleiben die Zinsen niedrig, seien viele Einrichtungen in ihrer Existenz bedroht.
Zur Person

Stefan Haake ist Kapitalanlage- und Stiftungsexperte. Er ist Mitglied der Geschäftsleitung der Portfolio Consulting mit Sitz in Frankfurt am Main. Das 1994 gegründete Unternehmen versteht sich als unabhängiges Family Office und hat sich nach eigenen Angaben auf die Betreuung komplexer Großvermögen spezialisiert.

mm: Herr Haake, jährlich werden etwa 1000 Stiftungen in Deutschland gegründet. Mittlerweile gibt es mehrere Zehntausend, allein 19.000 bürgerlichen Rechts. Wie erklärt sich dieser Boom?

Haake: Eine Erklärung ist sicherlich, dass sich immer mehr auch wohlhabende Bürger für eine gemeinnützige Sache engagieren wollen. Sie wollen etwas bewegen in der Gesellschaft, ihr vielleicht auch etwas zurückgeben. In einer Stiftung, die per Satzung das Geld für einen bestimmten Zweck ausgibt, sehen sie dafür das beste Vehikel. Ich glaube, dass dieser ursprüngliche Stiftungsgedanke nach wie vor eine große Bedeutung hat.

mm: Die Literatur und Hinweise zu Stiftungen als Steuersparmodell sind reichhaltig. Könnte nicht auch dies das zentrale Motiv sein?

Haake: Steuerliche Vorteile spielen selbstverständlich eine Rolle. Der Staat befreit gemeinnützige Stiftungen aus nachvollziehbarem Grund von den meisten Steuern. Leisten sie doch einen Beitrag zum Gemeinwohl, der sonst in die staatliche Fürsorge fiele. Also fallen bei der Vermögensübertragung zum Beispiel keine Erbschaft- oder Schenkungsteuer an, bei der großen Zahl der Privat- und Familienstiftungen dagegen schon.

mm: Und die Stifter oder Spender selbst?

Haake: Auch sie genießen Vorteile, können das eingebrachte Kapital oder Spenden von der Steuer absetzen - bis zu eine Million Euro im Jahr der Zuwendung und den neun Folgejahren. Wenn der Gesetzgeber solche Regeln erweitert oder neu einführt, steigt die Zahl der gegründeten Stiftungen signifikant an. Als Steuersparmodell sehe ich gemeinnützige Stiftungen in Deutschland aber nicht. Wer stiftet, trennt sich unwiderruflich von seinen Vermögenswerten, auch die Erträge daraus stehen ihm nicht mehr zu.

mm: Demnach werben Kanzleien etwa mit irreführenden Hinweisen?

Haake: Das kann ich nicht beurteilen. Zur Steuerhinterziehung oder als Steuersparmodell eignet sich eine Stiftung in Deutschland jedenfalls nicht. Das lassen die Landesstiftungsgesetze nicht zu. Die landeseigenen Aufsichten prüfen zudem alle drei Jahre, ob eine Stiftung wirklich noch gemeinnützig arbeitet und damit die strengen Voraussetzungen für Steuererleichterungen erfüllt.

mm: Schätzungen zufolge beläuft sich das Vermögen deutscher Stiftungen auf rund 100 Milliarden Euro - eine enorme Summe. Wie viel davon steht für die Kapitalanlage zur Verfügung?

Haake: Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht, auch der Bundesverband Deutscher Stiftungen nicht. Es gibt Stiftungen, deren Vermögen großteils in Immobilien, Unternehmensanteilen, Ländereien oder in Kunstgeständen gebunden ist, die laut Satzung auch nicht verkauft werden dürfen. Solche Vorgaben schränken natürlich das frei verfügbare Kapital ein. Andere dagegen verfügen über große Bestände an Barvermögen, das bis zu 100 Prozent angelegt und vermehrt werden muss. Letztlich bestimmen der Stiftungszweck und die Frage, wie viel Geld eine Stiftung zur Erfüllung dieses Zwecks benötigt, die Höhe der freien Mittel entscheidend mit. Verlässliche Zahlen über das fungible Kapital gibt es aber leider nicht.

mm: Woran liegt das?

Haake: Das hat auch damit zu tun, dass der Stiftungsbereich in einigen Punkten sehr intransparent ist. Die meisten Stiftungen müssen ihren Jahresbericht nicht veröffentlichen, und sie tun es auch nicht. Es sei denn, sie suchen auf diesem Wege ganz bewusst die Öffentlichkeit, um damit ihr Image zu fördern. Das ist letztlich die Entscheidung der Stiftung.

"Viele Stiftungen stecken in einem Dilemma"

mm: Sind Stiftungen besonderen Anlagerestriktionen unterworfen?

Haake: Nein, die Vermögensanlage liegt primär in der Selbstverantwortung der Stiftung. Das Stiftungsrecht gibt lediglich vor, dass das einmal gestiftete Grundkapital erhalten bleiben muss, der Vorstand darf die Substanz nicht antasten. Andernfalls liefe die Stiftung Gefahr, ihre gemeinnützige Anerkennung und damit auch ihre Steuervorteile zu verlieren.

mm: Wie beeinflusst das die Vermögensanlage?

Deutschland, ein Stifterland

Deutschland ist ein Land der Stifter. Der Prototyp einer Stiftung ist die rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts. Sie verfolgt einen auf Dauer angelegten Zweck und untersteht der staatlichen Stiftungsaufsicht. Insgesamt existieren in Deutschland rund 19.000 rechtsfähige Stiftungen bürgerlichen Rechts.Daneben gibt es laut Bundesverband Deutscher Stiftungen eine Vielzahl weiterer Stiftungsformen: Etwa 600 Stiftungen des öffentlichen Rechts, geschätzte 20.000 Treuhandstiftungen und 30.000 kirchliche Stiftungen.Das Vermögen der deutschen Stiftungen über alle Rechtsformen schätzt der Verband auf 100 Milliarden Euro. Die Gesamtausgaben werden auf 30 Milliarden Euro geschätzt.Das Vermögen der rechtsfähigen Stiftungen des bürgerlichen Rechts schätzt der Verband auf rund 70 Milliarden Euro. Für ihre satzungsgemäßen Zwecke geben allein die rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts jährlich etwa 17 Milliarden Euro aus; die Gesamtausgaben belaufen sich laut Verbandsangaben auf rund 22 Milliarden Euro.Rund 96 Prozent der Stiftungen in Deutschland sind gemeinnützig. Eine Stiftung gilt als gemeinnützig, wenn sie ihrem Zweck nach die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos fördert. Erfüllt die Stiftungssatzung die rechtlichen Vorgaben des Gemeinnützigkeitssteuerrechts, sind die Stiftung von den meisten Steuern, wie der Körperschaftsteuer, der Erbschafts- und Schenkungssteuer befreit.Gemeinnützige Stiftungen müssen ihre Vermögenserträge und Spenden zeitnah für den Satzungszweck verwenden - in dem Jahr, in dem die Mittel zufließen, spätestens bis zum Ende des Folgejahres. Die Bildung von Rücklagen lassen Stiftungsrecht und Steuerrecht nur eingeschränkt und nur im Ausnahmefall zu. Stiftungen müssen sich durch Aufsichtsbehörden anerkennen lassen, sie werden damit rechtsfähig. Die Aufsicht prüft in regelmäßigen Abständen, ob das Wirken der Stiftung den Vorgaben der Satzung und des Stiftungsrechts entspricht. Welche Aufsichtsbehörde in welchem Bundesland für eine Stiftung zuständig ist, ergibt sich aus dem Stiftungssitz. Die Aufsichtsbehörden sind nach dem Landesstiftungsgesetz festgelegt. Kirchliche Stiftungen unterstehen einer gesonderten kirchlichen Aufsicht.

Haake: Da Stiftungen nur in einem sehr beschränktem Umfang Rücklagen bilden und ihren Vermögensstock nicht antasten dürfen, sondern von dessen Verzinsung leben müssen, scheuen sie größere Anlagerisiken. So ist der Großteil des freien Kapitals in vergleichsweise sicheren, festverzinslichen Papieren investiert, mit deren Erträgen sie ihren Stiftungszweck finanzieren müssen. Das war auch lange Zeit kein Problem, jetzt aber stecken viele in einem Dilemma.

mm: Warum das?

Haake: Die meisten Stiftungen haben ihr Anlageverhalten in der Vergangenheit nicht angepasst, sondern sind eher noch risikoscheuer geworden. So fallen ihre Erträge seit Jahren zurück. Vielen Einrichtungen gelingt es nicht mehr, den Vermögenserhalt, eine sichere Kapitalanlage und ausreichende Erträge für den gemeinnützigen Zweck auf einen Nenner zu bringen. Existentielle Probleme könnten vor allem die zahlreichen kleinen Stiftungen bekommen, die über einen kleinen Kapitalstock verfügen und neben den niedrigen Zinserträgen nicht ausreichend Spenden generieren.

mm: Stehen Stiftungen jetzt vor dem Aus?

Haake: Aktuell sieht es nicht danach aus. Viele kleinere Stiftungen werden aber in jedem Fall Probleme bekommen, wenn das Zinsniveau so niedrig bleibt wie es ist. Um nachhaltig hinreichende Erträge zu erwirtschaften, werden sie größere Anlagerisiken eingehen und stärker diversifizieren müssen. Die Frage, wie viel Risiko kann ich mir leisten oder muss ich eingehen, um meinen Stiftungszweck langfristig noch erfüllen zu können, diese Fragen der Risikosteuerung stellen sich die meisten Stiftungen nicht.

mm: Das klingt nicht, als ob ein professionelles Vermögensmanagement unter deutschen Stiftungen oberste Priorität genießen würde.

Haake: Der Eindruck ist nicht von der Hand zu weisen. Große Stiftungen haben in der Regel eine eigene Vermögensverwaltung, die professionell arbeitet. Oftmals ist man auch aus Schaden klug geworden und hat sich dann die Professionalität eingekauft. Es gibt aber auch beachtlich große Stiftungen, die über keinen Spezialisten für ihre Kapitalanlage verfügen. Nicht selten unterhalten sie ihre Konten bei der Bank um die Ecke. Es ist so: Im großen Unterbau des gesamten Stiftungswesens, den vielen mittleren und kleinen, spielt die professionelle Kapitalanlage kaum oder gar keine Rolle.

mm: Wie erklärt sich das?

"Stiftungsfonds geben keine Garantie"

Haake: Zum einen ist der Druck wohl noch nicht groß genug, weil Stiftungen mit einem älteren Bestand höher verzinster Bonds ihre Tätigkeit noch halbwegs finanzieren können. Laufen diese Papiere aus, dann stellt sich das Problem der Wiederanlage und professionellen Vermögensverwaltung aber um so dringlicher. Zum anderen haben in einer Stiftung oft Privatleute das Sagen, die mehr dem Stiftungszweck als der Kapitalanlage verhaftet sind. Schließlich ist das Vermögen einer Stiftung oft nicht groß genug, um eine differenzierte Anlagestrategie mit unterschiedlichen Assets und Investmentansätzen umsetzen zu können.

mm: Zu klein, zu wenig Knowhow - doch der Ertragsdruck bleibt. Welche Option haben diese Stiftungen überhaupt?

Haake: Schon seit einigen Jahren versuchen Banken, Vermögensverwalter und die Fondsbranche mit sogenannten Stiftungsfonds eine Lösung für das Problem vor allem der vielen kleinen und mittleren Stiftungen zu finden. Diese Fonds sind herkömmlichen Mischfonds sehr ähnlich und streuen das Vermögen der Anleger über mehrere Asset-Klassen. Zentrales Ziel der Fonds sind eine regelmäßige Ausschüttung und der langfristige Kapitalerhalt. Dabei übernimmt der Fondsmanager die Auswahl der Einzeltitel als auch die nach stiftungsrechtlichen Vorgaben mögliche Portfolioallokation.

mm: Wann eignet sich so ein Investmentfonds für eine Stiftung?

Haake: Ein Stiftungsfonds kann ein probates Mittel sein, um eine bestimmte Strategie umzusetzen und wenn die Stiftung ihre Kapitalanlage nicht selbst gestalten möchte. Das setzt voraus, dass sich Vorstand und Kuratorium zunächst einmal über ihre Ziele klar werden müssen. Daraus gilt es eine Anlagestrategie zu entwickeln, und erst dann folgt die Suche nach dem Anlagevehikel. Am Ende kann der Stiftungsfonds die geeignete Lösung sein, er muss es aber nicht. Wogmöglich lässt sich das Ziel auch besser mit dem Kauf eines Mietshauses erreichen. Wichtig ist, dass Ziele, Strategie und Umsetzung genau auf die Stiftung zugeschnitten sind. In der Regel geht das ohne professionelle und unabhängige Hilfe nicht.

mm: Die Performance der von Ihnen untersuchten Stiftungsfonds ist nicht gerade berauschend. Auf Drei-Jahressicht liegen die meisten deutlich hinter dem Dax. Warum soll ein Stiftungsvorstand viel Geld für ein Fondsmanagement ausgeben, wenn er das gleiche oder bessere Ergebnis auch mit einem Dax-ETF erzielen könnnte?

Haake: Diese Frage drängt sich natürlich sofort auf. Wir sollten aber eines beachten. Die meisten dieser Fonds haben einen defensiven Charakter. Sie verfolgen oftmals den Zweck der Risikominimierung sowie die Einhaltung gewisser Risikobudgets. Von daher sind sie allein durch ihre Aufstellung und Diversifikation anders ausgerichtet als ein Indexfolgeprodukt. In der Regel lässt sich eine Rendite-Outperformance als auch eine Outperformance in Richtung Risikoabsicherung immer nur durch ein aktiv gemanagtes Produkt erzielen.

mm: Wenn nun ein Stiftungsfonds wie der "Gobal Endowment Portfolio" (siehe Übersicht unten) auf Drei-Jahres-Sicht ein Minus von 34 Prozent einfährt, bekommt dann ein Stiftungsvorstand nicht ein ernstes Problem?

Haake: Wenn er dort mit einem Großteil des Stiftungsvermögens investiert ist, dann hat er in der Tat ein Problem. Stiftungsfonds geben keine Garantie, um Verluste zu verhindern. Das sind speziell für Stiftungen entwickelte Portfolien, die letztlich den gleichen Gesetzmäßigkeiten unterliegen wie andere Kapitalmarktprodukte auch. Das sagen wir den Vorständen der von uns betreuten Stiftungen auch immer wieder. Es reicht eben nicht, sich die Kosten einer unabhängigen Beratung zu sparen und das Geld einfach in einen Stiftungsfonds zu investieren. Das muss von A bis Z passen.

Übersicht: Die größten Stiftungsfonds in Deutschland

Mehr lesen über