Anlagestrategie Versicherer wollen den Sturm ernten

Niedrigzinsen und Schuldenkrise zwingen die Versicherer zum Umdenken. Die Konzerne kündigen an, mehr Geld der Kunden in Erneuerbare Energien und Infrastruktur zu investieren. Risikolos sind "grüne" Investments nicht. Aber Allianz und Co. haben nur wenig Alternativen.
Sturm zieht auf: Versicherer wollen ihn zugunsten ihrer Kunden nutzen und mehr Geld in renditeträchtige Projekte erneuerbarer Energien investieren

Sturm zieht auf: Versicherer wollen ihn zugunsten ihrer Kunden nutzen und mehr Geld in renditeträchtige Projekte erneuerbarer Energien investieren

Foto: AFP

Hamburg - Spätestens seit dem griechischen Schuldenschnitt haben Euro-Staatsanleihen ihren Nimbus als risikoloses Investment eingebüßt. Auf mehr als die Hälfte ihrer Forderungen mussten Gläubiger seinerzeit verzichten. Viele private Kleinanleger, die Hellas-Bonds kauften, wollen jetzt klagen. Auch Großinvestoren haben viel Geld verloren. Euro-Staatsanleihen sind für sie bei der Neuanlage kaum noch eine Option, wie Allianz-Chef Michael Diekmann unlängst erklärte.

Entweder sind die Renditen von sicher geltenden Staatspapieren nach Abzug der Inflation negativ. Oder Staatsbonds, die mehr Rendite abwerfen, sind den Anlageprofis schlicht zu riskant - wer will schon seine Hand dafür ins Feuer legen, dass nicht noch ein Euro-Krisenland einen Schuldenschnitt begehrt.

Die deutsche Versicherungswirtschaft, die zu rund 80 Prozent ihrer 1,3 Billionen Euro Kapitalanlagen in festverzinslichen Rentenpapieren investiert ist und täglich dreistellige Millionenbeträge neu anzulegen hat, "muss umdenken", sagt Holger Kerzel, Geschäftsführer der Meag, des Vermögensverwalters der Münchener Rück und der Ergo-Konzerns.

"Umdenken" - für einen Versicherer ist das unter gegenwärtigen Kapitalmarkt- und Regulierungsbedingungen leichter gesagt als getan. Zum einen muss er wegen seiner vergleichsweise hohen und langfristigen Verpflichtungen bei der Neuanlage Investments finden, die über viele Jahre stabile Erträge abwerfen. Zum anderen kann er nicht von heute auf morgen sein Rentenportfolio komplett umschichten.

Meag-Chef Kerzer: "Langfristig kalkulierbare Erträge"

Die Munich Re , die rund 217 Milliarden Euro Kapitalanlagen verwaltet, hat zwar griechische und portugiesische Staatsanleihen aus ihrem Portfolio nahezu komplett verbannt. Italienische und spanische Titel machen auch nur noch 4 Prozent der Staatsanleihen aus. Staatsbonds dominieren mit einem Anteil von knapp 50 Prozent des 189 Milliarden Euro schweren Zinsträgerportfolios aber eindeutig.

Versicherer denken um und suchen zu Staatsbonds schon länger nach Alternativen, die über lange Zeiträume gesicherte Zinserträge liefern. So dringen sie stärker in den Markt der privaten Baufinanzierung vor, dominieren die etablierten Wettbewerber vor allem bei langen Zinsbindungen. Auf rund 60 Milliarden Euro erhöhten die Erstversicherer so im vergangenen Jahr ihre ausgereichten Baudarlehen - das sind 7 Prozent ihrer gesamten Kapitalanlagen.

Aus Sicht der Assekuranz stellt sich eine weitere Anlagealternative: "Investitionen in Erneuerbare Energien und Infrastruktur bieten langfristig kalkulierbare stabile Erträge und sind damit relativ sicher", sagt Meag-Chef Kerzer. Den Vorteil der stabilen Einnahmen betont auch Rainer Husmann, Geschäftsführer der Allianz Capital Partners. Als langfristige Anlageformen stellten diese Investitionen eine solide Grundlage für das langfristig orientierte Modell der Lebensversicherung dar. Investments in Erneuerbare Energien und Verkehrs- oder Stromnetze korrelierten auch nur in einem geringen Ausmaß mit Aktien, Renten und Immobilien, betonen Versicherer. Sie sind also vergleichsweise unabhängig von der Entwicklung der Kapitalmärkte.

Dass hier Investitionsbedarf besteht, daran zweifeln Experten nicht. Die Energiewende in Deutschland ist unumkehrbar und sanierungsbedürftige Verkehrswege gibt es genug. Viele Bundesländer suchen angesichts knapper Staatskassen nach neuen Finanzierungswegen für Straßen, Schienen und Kanäle - die umstrittene Idee der City-Maut ist nur eine Option. Allein die Erneuerung der Verkehrswege und Energieversorgung wird die EU-Staaten in der nächsten Dekade mindestens 700 Milliarden Euro kosten, schätzt die UBS . Der Finanzierungsbedarf ist also groß. Institutionelle Investoren könnten hier einspringen

Wind, Sonne, Infrastruktur - wie Versicherer ihre Anlagepolitik umstellen

Seit einigen Jahren springen Versicherer hier als Investor ein. Und sie wollen ihr Engagement ausbauen, wie die in Deutschland größten Versicherungskonzerne Allianz , Munich Re , Talanx  und Generali  gegenüber manager magazin online erklären.

Die Münchener Rück war zur Jahresmitte mit rund 600 Millionen Euro im Segment Erneuerbare Energien investiert - das Geld floss primär in Photovoltaikanlagen und Windkraftturbinen an Land. "Anderen Formen der Energieerzeugung stehen wir aufgeschlossen gegenüber, haben dort aber noch keine Investments getätigt", sagt Meag-Chef Kerzel. Da die Meag keine Projektentwicklungsrisiken eingeht, investiert sie wie andere Versicherer auch lediglich in schlüsselfertige Anlagen.

Weitere Investments kamen zuletzt hinzu. So erwarb die Meag Mitte August für einen "niedrigen dreistelligen Euro-Millionenbetrag" drei laufende Windparks in Großbritannien mit einer Gesamtleistung von 102 Megawatt - genug Strom für mindestens 30.000 Haushalte.

Einen "niedrigen dreistelligen Euro-Millionenbetrag" hat die Gruppe bislang in Infrastrukturprojekten angelegt. Kerninvestments sind die Beteiligung am Stromnetzbetreiber Amprion und der "Open Grid Europe". Die Gesellschaft besitzt das längste Erdgastransportnetz in Deutschland. Ob nun Infrastruktur oder Erneuerbare Energien - in beiden Segmenten müssen die Projekte "Zielrenditen" von 6 bis 7 Prozent abwerfen. Staatsanleihen und andere Rentenpapiere schaffen das nicht.

In den kommenden Jahren sollen die Infrastruktur-Investitionen auf 1,5 Milliarden Euro ansteigen, im Bereich der Erneuerbaren Energien auf 2,5 Milliarden Euro. "Weitergehende Pläne gibt es derzeit nicht", sagt Meag-Chef Kerzel.

Allianz will "grüne" Investments "zielgerichtet weiter ausbauen"

Die Allianz-Gruppe, die diese Anlageklasse seit 2005 als strategisch bezeichnet, hat hier bislang rund 2,3 Milliarden Euro investiert. Rund eine Milliarde Euro flossen in Infrastrukturprojekte, vor allem in die Beteiligung am norwegischen Gasnetz Gassled. Zum Portfolio gehört aber auch eine Gesellschaft, die Parkuhren in Chicago betreibt.

Seine Investitonen primär in Onshore-Windparks und einige Solaranlagen will der Konzern bis zum Jahresende auf 1,4 Milliarden Euro erhöhen und auch künftig "zielgerichtet weiter ausbauen", wie Allianz-Deutschland-Chef Markus Rieß am Dienstagabend vor Journalisten erklärt hat.

Bei Kapitalanlagen von insgesamt 480 Milliarden Euro nehmen sich 2,4 Milliarden Euro noch vergleichsweise gering aus. "Wir wollen aber weiterhin stark in Erneuerbare Energie und Infrastrukturprojekte investieren", bekräftigt auch eine Allianz-Sprecherin gegenüber manager magazin online, nennt aber keine Zielmarken wie die Münchener Rück.

Auch der Talanx-Konzern (Hannover Rück, HDI-Gerling, Neue Leben, PB und Targo Versicherung) will sein Engagement in diesen beiden Bereichen ausbauen. Die Gruppe hat insgesamt 2,65 Milliarden Euro in die Assetklassen Infrastruktur/Erneuerbare Energien investiert. Das sind rund 2,8 Prozent der gesamten Kapitalanlagen (93,5 Milliarden Euro) und damit auch relativ mehr als bei anderen Versicherern.

Talanx und Generali legen die Latte hoch

Talanx fokussiert sein Engagement auf Projekte, die im Zuge staatlicher Unterstützung (Einspeisevergütungen) oder Regulierung (Stromnetze) eine Rendite zwischen 6 und 8 Prozent bei einem "entsprechend ausgewogenem Risikoprofil" anstreben, sagt ein Sprecher auf Anfrage. Zentrale Investmentbereiche sind somit Wind- und Solarparks als auch die Beteiligung am Stromnetzbetreiber Amprion. Zudem hat sich Talanx an einem weiteren europäischen Netzbetreiber beteiligt.

Die Generali  Deutschland (Aachen Münchener, Generali Versicherung, CosmosDirekt), die rund 100 Milliarden Euro Anlagekapital ihrer Versicherten verwaltet, hat davon 0,5 Prozent davon in Infrastruktur und Erneuerbare Energien investiert. Auch hier besteht die erklärte Absicht, sich stärker zu engagieren. "Wir können uns vorstellen, dass derartige Investments langfristig bis zu 3 Prozent der gesamten Kapitalanlagen darstellen werden", sagt Finanzvorstand Torsten Utecht zu manager magazin online. Mit Blick auf die Rendite hat die Generali ähnlich hohe Erwartungen wie andere Versicherer: 6 bis 7 Prozent sollen es im Bereich Erneuerbare Energien sein, 4 bis 5 Prozent bei Infrastrukturinvestitionen.

Asset-Manager keine Öko-Jünger - was zählt ist sichere Rendite

Nun sind Investments kein Selbstzweck, und Anlagemanager der Assekuranz weder erklärte Jünger der Öko-Bewegung, noch begreifen sie ihren Job als Samariter für chronisch unterfinanzierte Städte oder Bundesländer, um mit Milliarden Euro Versichertengeld Verkehrs- oder Energietransportwege in Schuss zu halten.

Für ein künftig verstärktes Engagement sprechen aus Sicht der Profianleger neben einem langfristig stabilen Ertrag und der geringen Korrelation zu anderen Anlageklassen die vergleichsweise attraktiven Renditen, die bis jetzt mit Investments in Erneuerbare Energien oder Infrastrukturprojekte zu erzielen sind. Auf der anderen Seite sind solche Investments nicht ohne Risiken.

So lassen Versicherer als institutionelle Investoren noch ganz bewusst die Finger von Windparks auf hoher See, weil zum einen mit diesen Anlagen noch keine gesicherten Erfahrungen über einen längeren Zeitraum existieren. "Niemand kann abschätzen, wie stark Sturm oder Unwetter die Leistungskraft und Betriebsbereitschaft von Windturbinen in der Nordsee nach 15 Jahren beeinflussen werden", erklärte unlängst David Jones von Allianz Capital Partners. Zum anderen ist auch noch nicht geklärt, wer für mögliche Schäden bei einem verzögerten Anschluss der Anlagen haftet.

Offshore-Windparks noch kein Thema

Die größten Risiken sehen die Profianleger der Assekuranz aber vor allem in gesetzlichen oder regulatorischen Änderungen, die die Rendite einer Investition schmälern oder sie schlimmstenfalls sogar wertlos machen können. Nur zu gut in Erinnerung ist zum Beispiel, dass Spanien im Jahr 2010 die Förderung für Ökostrom gekürzt hatte - wohlgemerkt rückwirkend. Spanische Behörden hatten es auch zugelassen, dass neben einer mautpflichtigen Autobahn eine kostenfreie Parallelstreckte gebaut wurde. Solche Risiken müssen institutionelle Anleger einkalkulieren und fordern daher für Infrastruktur-Investments in bestimmten Ländern zweistellige Renditen für ihr Engagement ein, heißt es aus Kreisen der Assekuranz.

Regulatorische Risiken drohen auch von anderer Seite. Zwar werden die im Details noch umstrittenen neuen Solvenzvorschriften wohl erst zum 1. Januar 2015 endgültig verbindlich. Unsicher ist aber nach wie vor, welche Kapitalanforderungen die Aufsicht an Investments in Erneuerbare Energien und Infrastrukturprojekte stellen wird.

Nach dem gegenwärtigen Standardmodell müssen Investoren diese Anlagen mit genauso viel Eigenkapital unterlegen wie Investments in Hedgefonds oder Private Equity: mit 49 Prozent. Bliebe es dabei, würden vor allem jene Versicherer benachteiligt, die nicht mit einem internen Risikomodell arbeiten - bislang ist das die Mehrheit der Unternehmen. Zwar muss ein Versicherer bei einem internen Modell der Finanzaufsicht gegenüber eine angemessene Kapitalunterlegung nachweisen. Die Anforderungen dürften dann aber deutlich unter 49 Prozent liegen.

Der Schluss liegt nahe: Ein Großteil insbesondere der Lebensversicherer in Deutschland, die mit Hochdruck nach Investmentalternativen suchen, würde von den vielversprechenden Anlagechancen abgekoppelt, die sich etwa mit Erneuerbaren Energieprojekten bieten.

Neue Aufsichtsregeln könnten Investmentpläne durchkreuzen

Der Gesamtverband Deutsche Versicherungswirtschaft (GDV) kritisiert eine Eigenmittelquote von 49 Prozent als unangemessen. Investitionen in die Erschließung und Nutzung regenerativer Energien sowie die zu ihrer Abnahme und Verteilung erforderlichen Netze müssten einer eigenen Risikoklasse unterliegen, für die weniger Eigenkapital nötig ist, fordert der GDV. Schließlich zeichneten sich diese Investments in der Regel durch garantierte Abnahmepreise und Netzentgelte aus. Insofern seien sie weniger den Risiken des Kapitalmarktes ausgesetzt.

Mit seinem Vorstoß weiß der mächtige und im politischen Berlin gut vernetzte GDV die meisten Versicherer auf seiner Seite. So befürwortet etwa Meag-Chef Holger Kerzel eine Kapitalunterlegung von 25 Prozent für "grüne" Investitionen und Infrastrukturprojekte. Und auch bei der Generali ist man überzeugt, dass diese Investments als eigene Risikoklasse anderen Regeln als Aktien unterliegen müssten.

Bliebe es bei den strengen Vorschriften, werde das politische Ziel, mehr privates Kapital für nachhaltige Energie- und Infrastrukturprojekte zu mobilisieren, torpediert, ist der GDV jedenfalls überzeugt. So weit will man bei der Talanx nicht gehen: "Aber diese Investments werden dann natürlich weniger interessant", heißt es.

Und die Suche nach Alternativen zu Staatsanleihen immer schwieriger, möchte man anfügen. "Einst risikolose Rendite, jetzt renditeloses Risiko" - Profianleger verdichten das Schicksal von Euro-Staatsanleihen schon länger in dieser Schlagzeile. Es hat nicht den Anschein, dass die Asset-Manager der Assekuranz ihr Unternehmen und deren Kunden diesem Schicksal länger aussetzen wollen. Geht die Sache gut aus, dürften das Millionen Lebensversicherte zu schätzen wissen.