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China gegen den Rest der Welt: Der globale Markt für Seltene Erden

Foto: Toru Hanai/ REUTERS

Seltene Erden Renditejagd auf dem Rohstoffmarkt

Der Hunger der Weltwirtschaft auf Seltene Erden wird immer größer und das Ringen der Nationen um die globalen Vorräte heftiger. Nach einem starken Preisrutsch könnten jetzt auch Geldanleger mitmischen. Marktaufschwung oder -abschwung - beides kann Rendite bringen.

Hamburg - Ölpreisrekord, Knappheit bei Agrarprodukten - viele Rohstoffe machen zurzeit wegen Marktenge und starker Verteuerung von sich reden. Zumindest letzteres trifft jedoch nicht auf die Seltenen Erden zu. Im Gegenteil: Seit MItte 2011 sind die Preise dieser wichtigen Industrierohstoffe, die Namen wie Europium, Cerium oder Neodym tragen, um teilweise weit mehr als 50 Prozent gesunken.

Aus Sicht vieler Unternehmen bedeutet das eine willkommene Entspannung. Erst kürzlich machte ein Studie der Unternehmensberatung Roland Berger Strategy Consultants deutlich, wie wichtig Seltene Erden für die deutsche Industrie sind - und wie sehr die Manager durch hohe Preise herausgefordert werden.

Vom Autobau bis zur Chemie, von der Herstellung moderner Windkraftanlagen bis zur Keramik, Medizintechnik und Hightech oder gar nuklearen Anwendungen - kaum eine Branche kommt ohne eine oder mehrere der insgesamt 17 bekannten Seltenen Erden aus (siehe Kasten links). Einer der größten Abnehmer hierzulande ist beispielsweise der Chemieriese BASF .

Anleger dagegen könnte die Preisentwicklung in Habachtstellung bringen: Bietet sich da eine Chance zum Einstieg? Stehen Preissteigerungen bevor, verbunden vielleicht mit Renditechancen?

Die letzte Preisexplosion gab es vor zwei Jahren

Es wäre nicht das erste Mal. Zuletzt explodierten die Preise auf diesem Markt 2010/2011. Ein Beispiel: Ein Kilogramm Dysprosium, das in der Keramik sowie im nuklearen Bereich zur Anwendung kommt, kostete Ende 2009 noch weniger als 200 US-Dollar. Mitte 2011 überschritt der Preis nach Angaben der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) die Marke von 3000 Dollar je Kilo.

Hintergrund der starken Volatilität ist die Lage auf dem Weltmarkt für Seltene Erden, der vor allem von China dominiert wird. Die Volksrepublik verfügt letzten Daten zufolge zwar nur über rund 26 Prozent der bekannten weltweiten Vorkommen. Sie förderte aber zuletzt rund 97 Prozent der global verbrauchten Menge an Seltenen Erden zu Tage. Zudem entfielen nach Angaben des renommierten australischen Marktexperten Dudley Kingsworth von der Industrial Minerals Company of Australia (IMCOA) 60 bis 70 Prozent des Weltverbrauchs auf chinesische Firmen.

Andere potenzielle Förderländer wie die USA, Kanada oder Australien haben trotz bestehender Vorkommen die Produktion in den vergangenen Jahren vernachlässigt. Ausschlaggebend dafür waren unter anderem Bedenken wegen Umweltbelastungen, die beim Abbau entstehen können.

Das soll sich aber nun ändern. Die chinesische Dominanz ist vielen Ländern längst ein Dorn im Auge. Und die Führung in Peking tut vieles, um den Rest der Welt weiter zu verärgern. Seit Jahren versucht sie die Preise durch künstliche Verknappung des Angebots in die Höhe zu treiben. So sinken beispielsweise die staatlich verordneten Exportquoten des Landes kontinuierlich. Durften 2004 nach Angaben der DERA noch mehr als 65.000 Tonnen ausgeführt werden, so werden es im laufenden Jahr nur knapp 31.000 Tonnen sein, ein wenig mehr als 2011 also, wie das Handelsministerium in Peking am gestrigen Mittwoch bekanntgab.

USA und Australien versuchen China auszustechen

Auch die Tatsache, dass die Welthandelsorganisation (WTO) die Markteingriffe Chinas auf Drängen der EU, der USA sowie Japans nun unter die Lupe nehmen wird, beirrt die Machthaber in Peking offenbar nicht. Erst jüngst gaben sie weitere Produktionsbeschränkungen bekannt - wohl, um den anhaltenden Preisverfall zu stoppen.

Zudem gibt es offenbar Bestrebungen, über die bloße Produktion der Rohstoffe hinaus die gesamte Wertschöpfungskette der Seltenen-Erden-Industrie im Reich der Mitte aufzubauen. Vor allem im Bereich der besonders wertvollen schweren Seltenen Erden könnte das zu einer zusätzlichen Verknappung auf dem Weltmarkt führen, schreibt die Commerzbank  in einer aktuellen Studie. Die Analysten glauben sogar, dass China in diesem Segment von der Export- auf die Importseite wechseln könnte.

Soweit, so aussichtsreich für Geldanleger. Jedenfalls scheinbar. Der Rest der Welt schaut dem Treiben in Fernost allerdings längst nicht mehr tatenlos zu. Schließlich gilt es auch weltweit eine immer weiter steigende Nachfrage nach Seltenen Erden zu befriedigen. IMCOA-Zahlen zufolge wird sich der globale Verbrauch bis 2020 auf 200.000 bis 240.000 Tonnen pro Jahr aus heutiger Sicht beinahe verdoppeln. 70.000 bis 90.000 Tonnen davon werden voraussichtlich auf den nicht-chinesischen Teil der Welt entfallen, so die Experten.

Kein Wunder also, dass bedeutende Wirtschaftsnationen wie die USA die Abhängigkeit von China nicht länger hinnehmen wollen. Rund um den Globus wird derzeit daran gearbeitet, neue Abbaustellen zu erschließen sowie stillgelegte Projekte zu reanimieren.

Zwei Großprojekte im Fokus

Zwei Großvorhaben stehen besonders im Fokus: Die geplante Wiederaufnahme der Produktion in der 2002 stillgelegten kalifornischen Mine Mountain Pass sowie die Erschließung der Vorkommen am australischen Mount Weld. Mit etwa 60.000 Tonnen könnten beide zusammen rund die Hälfte des gegenwärtigen Weltverbrauchs an Seltenen Erden pro Jahr auf den Markt werfen, erwarten Fachleute - wenn die Minen denn endlich produzieren würden. An beiden Projekten wird schon seit langem gearbeitet, mehrfach wurde der Start verschoben. Derzeit rechnen Experten frühestens 2013 damit, falls den Betreiberfirmen bis dahin nicht das Geld ausgeht.

Für die Preise der Seltenen Erden ist der Termin entscheidend, denn Fachleuten zufolge ist die erwartete Zusatzkapazität neben der nachlassenden Konjunktur und der bereits begonnenen Substitution der Seltenen Erden Seitens der Industrie einer der Hauptgründe für die jüngsten Preisstürze. "Die Märkte nehmen das steigende Angebot bereits vorweg", sagt Harald Elsner, Geologe und Experte für Seltene Erden bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. "Wir erwarten auch, dass beide Großprojekte, sowohl Mount Weld als auch Mountain Pass also, kommen werden. Sollte sich das nicht bewahrheiten, könnten die Preise allerdings wieder Auftrieb bekommen."

Zu erwartende Produktion an Seltenen Erden

Land Lagerstätte Gesamtvorkommen (Mio. t, geschätzt) Geplanter Start Produktions-ziel (t/Jahr)
Indien Orissa 1,07 2012 4.000
Australien Mount Weld 1,89 2012 22.000
USA Mountain Pass 2,07 2013 40.000
Südafrika Steenskampskraal 0,024 2013 5.000
Grönland Kringlerne 4,9 2013 (evtl.) 2.700
Australien Nolans Bore 0,85 2014 (evtl.) 20.000
Australien Dubbo 0,32 2014 6.450
Südafrika Zandkopsdrift 0,96 2015 20.000
USA Bear Lodge 0,84 2015 9.400
Grönland Kvanefjeld 6,56 2015 (evtl.) 43.700
Stand: 7/2012
Quelle: Deutsche Rohstoffagentur

Damit ist der Knackpunkt benannt: Gelingt es, die nicht-chinesischen Abbaukapazitäten im erforderlichen Maße auszubauen und die fernöstliche Marktmacht dadurch zu mindern? Nur dann dürfte es der westlichen Welt möglich sein, das Preisniveau dauerhaft auf einem erträglichen Niveau zu halten.

Rohstofffachleute verweisen zwar auf derzeit noch fallende Preise. In der Geldanlageindustrie jedoch überwiegt offenbar - vermutlich nicht ganz ohne Eigennutz - der Optimismus. "Der Markt ist wieder interessant geworden", sagt etwa Kemal Bagci von der Royal Bank of Scotland (RBS) . "Aus den USA kommen erfreuliche Konjunkturdaten, die Nachfrage nach Seltenen Erden könnte in diesem Jahr wieder anziehen, was für wieder steigende Preise sprechen würde."

Seltenen Erden brachten Anlegern bislang vor allem Verluste

Die Commerzbank sieht es ähnlich: Die Korrekturphase bei den Preisen Seltener Erden dürfte bald zu Ende sein, lautet das Fazit ihrer Studie. Die Inbetriebnahme neuer Minen außerhalb Chinas reiche nicht aus, um dessen Monopolstellung aufzubrechen.

Für Geldanleger hat die Sache allerdings einen Haken: Sie können an der Preisentwicklung der Seltenen Erden gar nicht direkt partizipieren. Denn der physische Erwerb der Rohstoffe ist Privatleuten zumindest auf seriösem Wege nicht möglich. Und der spätere Wiederverkauf erst recht nicht.

Investitionsmöglichkeiten bestehen lediglich auf indirektem Wege, beispielsweise über Aktien von Unternehmen, die mit der Gewinnung, dem Transport oder der Verarbeitung der Rohstoffe ihr Geld verdienen. Und da kommen neben den Markteinflüssen immer auch die Besonderheiten des Aktienmarktes sowie die individuellen Probleme der Firmen mit ins Spiel.

Die Auswahl der richtigen Aktie erscheint daher höchst schwierig. Hinzu kommt: Hunderte Projekte für neue Abbaustellen werden rund um den Globus zurzeit verfolgt (siehe Tabelle). Hunderte Firmen könnten also bei Erfolg künftig zu regelrechten Kursraketen werden. Experten erwarten jedoch, dass höchstens 5 Prozent der Projekte tatsächlich Realität werden. Der Rest scheitert - ebenso wie die Firmen, die dahinterstehen.

Zu erwartende Produktion an Seltenen Erden

Land Lagerstätte Gesamtvorkommen (Mio. t, geschätzt) Geplanter Start Produktions-ziel (t/Jahr)
Indien Orissa 1,07 2012 4.000
Australien Mount Weld 1,89 2012 22.000
USA Mountain Pass 2,07 2013 40.000
Südafrika Steenskampskraal 0,024 2013 5.000
Grönland Kringlerne 4,9 2013 (evtl.) 2.700
Australien Nolans Bore 0,85 2014 (evtl.) 20.000
Australien Dubbo 0,32 2014 6.450
Südafrika Zandkopsdrift 0,96 2015 20.000
USA Bear Lodge 0,84 2015 9.400
Grönland Kvanefjeld 6,56 2015 (evtl.) 43.700
Stand: 7/2012
Quelle: Deutsche Rohstoffagentur

Auch die Konzentration auf die Branchengrößen scheint kein Allheilmittel zu sein, wie schon ein Blick auf die Kurshistorie zeigt. Mit dem Papier der US-Gesellschaft Molycorp., die die Wiedereröffnung der Mountain Pass Mine in den USA vorantreibt, ging es in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 75 Prozent nach unten. Beim australischen Konkurrenten Lynas, verantwortlich für das Projekt Mount Weld, betrug das Minus über 50 Prozent.

Marktkenner halten beide Aktien ohnehin für riskant. Molycorp., so ist zu hören, werde von Hedgefonds kontrolliert und habe einen immensen Kapitalbedarf. Und auch bei Lynas sei fraglich, wie lange die Liquidität noch ausreiche.

Mehr Erfolg verspricht wohl die Streuung eines Investments auf mehrere Firmen. Banken wie die RBS, die UBS  oder die Société Générale (SG)  haben Zertifikate im Angebot, deren Wertentwicklung sich an den Aktienkursen von Branchenfirmen aus verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette orientiert. Darüber hinaus offeriert die UBS den soweit bekannt europaweit einzigen börsennotierten Indexfonds (ETF) zu diesem Thema (siehe Tabellen unten).

Short-Zertifikat bringt die beste Performance

Die Hauptunterschiede der Zertifikate liegen in der Laufzeit, in der Zusammensetzung des Basiskorbs an Aktien sowie in der Frage, inwieweit die Gewichtung der Aktien im Laufe der Zeit wieder angeglichen wird. Die Produkte von UBS und SG beispielsweise sind bis 2015 begrenzt. Die UBS hat zudem darauf verzichtet, chinesische Firmen in die Benchmark aufzunehmen. Und während die UBS die Gewichtung während der Laufzeit nicht angleicht, geschieht dies bei der RBS alle drei Monate sowie bei der SG einmal im Jahr.

"Auf eine Angleichung der Gewichtung zu verzichten, macht sich vor allem bei einzelnen Aktien mit klarem Trend bemerkbar", erläutert Steffen Kapraun, Zertifikate-Experte von der UBS. "Starke Aktien treiben dann die Performance des Zertifikats umso stärker, während allerdings stark fallende Aktien sie auch stärker nach unten ziehen."

Bisher trat vor allem letzteres auf. Sowohl die meisten Zertifikate auf Seltene Erden als auch der UBS-ETF brachten Anlegern seit der Emission vornehmlich Verluste.

Für die Zukunft ist dagegen klar: Wer an den Marktumschwung glaubt, kann einsteigen. Und auch wer einen weiteren Abwärtstrend erwartet, kann damit Geld verdienen. Die UBS offeriert seit Anfang 2011 auch ein Short-Zertifikat auf Seltene Erden - von allen Produkten am Markt erzielte es bis heute die beste Performance.

Tabellen: Anlagemöglichkeiten zum Thema Seltene Erden

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