Mittwoch, 19. Juni 2019

Benzinpreis auf Rekordhoch "Es gibt auf dem Ölmarkt immer wieder Manipulationen"

Ölförderung in den USA: Der Rohstoff hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verteuert. In Deutschland erreichen die Spritpreise Rekordhöhen

3. Teil: "Die Ölwelt hat sich in den letzten fünf Jahren deutlich verändert"

mm: Wüssten Sie Abhilfe?

Bukold: Man könnte auch andere Rohölströme in die Berechnung des Brentpreises einfließen lassen. Zum Beispiel russische, nordafrikanische oder westafrikanische Ölsorten. Dadurch sinkt die Bedeutung lokaler Probleme. Was sonst passieren kann, sieht man beim oft zitierten WTI-Preis.

mm: Sie meinen die Ölsorte "West Texas Intermediate" - was ist damit geschehen?

Bukold: Der WTI-Preis hat inzwischen nur noch eine regionale Bedeutung. Aufgrund der Engpässe bei den Exportpipelines koppelte sich der Preis vom globalen Markt ab. Zurzeit liegt er fast 20 Prozent unter dem Weltmarktniveau. Das bekommen auch Kapitalanleger zu spüren, weil nach wie vor viele Finanzprodukte an WTI hängen.

mm: Was bedeutet das für die Investoren?

Bukold: Deutsche Privatanleger, die WTI-Papiere kaufen, wollen damit normalerweise den Weltölmarkt abbilden. Doch wenn die Zertifikate oder Optionsscheine an WTI und nicht an Brent gekoppelt waren, kann es trotz steigender Ölpreise weltweit zu Wertverlusten kommen. Viele wissen das zwar inzwischen, aber längst noch nicht alle. Das liegt auch an den deutschen Finanzmedien, die Brentpreise und WTI-Preise nebeneinander stellen, so als hätten sie dieselbe Relevanz.

mm: Es gibt auch geschlossene Fonds, die in Öl- und Gasprojekte in den USA investieren. Was ist mit denen?

Bukold: Deren Anleger sind doppelt betroffen. Denn viele dieser Bohrprojekte suchen auch nach Gas. Aber der US-Gaspreis liegt wegen des Überangebots etwa 70 Prozent unter dem europäischen und asiatischen Preisniveau.

mm: Sie sprechen die Rolle der Medien an. Sie sehen die laufende Berichterstattung über den Ölmarkt kritisch, weil ihrer Ansicht nach häufig zu einfache Zusammenhänge dargestellt werden. Ist es wirklich so schlimm?

Bukold: Die Ölwelt hat sich in den letzten fünf Jahren deutlich verändert. Viele Medienberichte sind aber noch im alten Trott. Die Ölpreise werden zum Beispiel heutzutage mindestens ebenso stark von China wie von den USA beeinflusst. Aber die meisten Medien scheuen die aufwendige Recherche über den chinesischen Markt, während die US-Daten überall leicht erhältlich sind und schon vorinterpretiert über den Ticker laufen.

mm: Auch ein Problem des Mediensystems also.

Bukold: Ein zweites Problem sind die Ölprodukte wie Diesel oder Benzin, deren Märkte ebenfalls auf den Rohölpreis zurückwirken. Auch hier ist die Recherche schwieriger und ohne Fachkenntnisse kaum machbar. Also nimmt man doch lieber das letzte Broker-Interview von der amerikanischen Börse.

mm: Ja, die Befragung von Experten gilt oft als probates Mittel.

Bukold: Viele medienpräsente Broker oder Finanzexperten kennen den Ölmarkt aber nur aus der Ferne. So entstehen simple Erklärungen wie: Der Ölpreis steigt heute Morgen, weil Israel den Iran angreifen will. Wenn dann aber nachmittags der Ölpreis trotz anhaltender Spannungen in Nahost wieder fällt, wird die Fehlinterpretation nicht mehr weiter kommentiert. Und am nächsten Tag geht das Spiel wieder von vorn los.

mm: Heißt das, im komplexen System der Ölpreisfindung existiert die Verbindung zwischen dem Preis und tagesaktuellen Entwicklungen gar nicht?

Bukold: Manchmal ja, manchmal nein. Man kann es eben ohne gründliche Recherche nicht beurteilen. Und an manchen Tagen bleibt die Preisbewegung nun mal unerklärlich. Das sollte man auch so benennen. Meine Kritik setzt da an, wo beliebige Topmeldungen mit dem Ölpreis in Zusammenhang gebracht, nur weil sie gleichzeitig stattfinden.

mm: Das Phänomen gibt es allerdings auch anderswo, zum Beispiel an der Aktienbörse. Es dürfte aber auch schwer möglich sein, selbst bei intensiver Recherche, sämtliche Einflussgrößen auf eine bestimmte Ölpreisbewegung präzise zu identifizieren.

Bukold: Richtig. Letztlich sind kurzfristige Bewegungen beim Ölpreis nicht das Ergebnis von Fakten, sondern von Kaufentscheidungen der Marktteilnehmer. Mein Lieblingsbeispiel ist ein Putsch im westafrikanischen Land Niger vor einigen Jahren. Da kurz danach die Ölpreise in den USA anstiegen, wurde die Gefährdung der amerikanischen Ölversorgung von Brokern und anderen vermeintlichen Experten herausgestellt. Erst einige Stunden später stellte sich heraus, dass sie Niger und Nigeria verwechselt hatten - in Niger gibt es überhaupt keine nennenswerte Ölforderung.

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