Donnerstag, 20. Juni 2019

Nahrungsmittelspekulation Mit Essen spielt man nicht

Vertrocknete Maispflanzen in den USA: Die Dürre treibt die Preise

2. Teil: Der Traum der unkorrelierten Erträge

Außerdem entwickelt sich der Wert vor allem der Agrarrohstoffe unabhängig von zum Beispiel Aktien und erwirtschaftet damit unkorrelierte Erträge, so der Terminus des Finanzjargons. Und die sind begehrt, gerade in Zeiten nervöser Aktienmärkte. Entsprechend wandelt sich das Bild, wie die Statistiken der US Commodity Futures Trading Commission (CFTC) zeigt.

Beispiel Zucker - im Juli 1995 lag das Verhältnis der long-Positionen kommerzieller Anleger - also jener, die zum Beispiel die eigene Produktion absichern wollten - zu den "non-commercial"-Investoren bei 113.244.000 zu 11.660.000 Positionen, ganz grob gerechnet also bei 10:1. Heute liegt dieses Verhältnis bei gut 2:1. Und je größer das Gewicht der Investoren wird, umso mehr können sie den Markt beeinflussen. "Hungermaker", Hungertreiber, betitelt daher die Organisation Foodwatch einen Bericht des Jahres 2011 über Investoren.

Freilich, besonders aussagekräftig sind diese Zahlen nicht. Denn die US-Behörde verlässt sich dabei auf die Selbstauskunft der Investoren. Und auch wer genau hinter jenen nichtkommerziellen Anlegern - so nennt die Behörde Investoren - steckt, verliert sich meist im Zahlenflirren der Statistiken. Schätzungen gehen davon aus, dass zum Beispiel Hedgefonds zuletzt zwischen 40 und 100 Milliarden Dollar in Agrarrohstoffe investiert haben. Sie setzen oft auf bestehende Trends, zum Beispiel steigende Maispreise. Und je länger so ein Trend andauert, um so mehr sind dabei. Auch Banken werden als Investoren genannt; für den Eigenhandel oder für ihre Kunden.

Will sich zum Beispiel Lufthansa Börsen-Chart zeigen gegen Preissteigerungen bei Rohöl absichern, kann sie entsprechende Futures kaufen - mithilfe einer Bank. Doch während die Absicherung mehr oder weniger anerkannt ist, wird der Eigenhandel immer öfter hinterfragt. Nicht nur von Organisationen, von denen sowieso Skepsis zu erwarten wäre - Oxfam zum Beispiel oder Foodwatch. Sondern auch von Finanzexperten.

Die Front der Nahrungsmittel-Investoren bröckelt

"Man muss sich schon fragen, ob es richtig ist, auf die Wertentwicklung von Nahrungsmitteln zu spekulieren", fragt zum Beispiel Norbert Wolf, Geschäftsführer der Steyler Bank. "In meinen Augen nicht. Eine Frage, die sich Banken wie Privatanleger stellen sollten." Denn auch Privatanlegern werden entsprechende Produkte gern angedient. Blackrock zum Beispiel brachte jüngst ein entsprechendes Produkt auf den Markt, den Ishares GSCI Agricultural Swap. Dennoch bröckelt die Front der Agrarrohstoffinvestoren, wenn auch nur sachte.

So hat mit der Commerzbank Börsen-Chart zeigen Ende vergangenen Jahres die erste Bank ihren Rückzug erklärt und alle Agrarrohstoffe aus ihren Fonds entfernt. Und die Fondsgesellschaft LBBW Asset Management hat das gleiche bei zwei ihrer Fonds getan. "Zwar ist die genaue Wirkung von Spekulationen nicht klar belegt", sagt Unternehmenssprecher Oliver Männel. "Es geht der Bank aber darum, schon den Eindruck zu vermeiden, als würde der Hunger in der Welt durch Produkte der Bank verschärft."

Die Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen ziert sich noch, obwohl Ex-Vorstand Josef Ackermann Ende vergangenen Jahrs noch den Eindruck erweckte, entsprechende Engagements zumindest hinterfragen zu wollen. Nun waren andere schneller - ein Sieg der Moral? Nicht nur.

Ironischerweise steht Foodwatch und Co ausgerechnet die Krise zur Seite. Denn sie zwingt vor allem Banken, ihre eigenen Risikopositionen zu überdenken. Erst die Krise rief die Regulatoren auf den Plan, die die Banken zwingen wollen, mit höheren Eigenkapitalquoten zu operieren. Entsprechend werden Risikopositionen reduziert; die Häuser konzentrieren sich aufs Kerngeschäft. Und so manch einer soll sich auch schlicht verspekuliert haben. Das wäre gut möglich - denn das Geschäft mit den Futures kann schnell nach hinten losgehen. Zum einen, weil ein Investor einen Trend falsch vorhersagt. Zum anderen aber auch wegen einer Besonderheit der Futures.

Da diese Papiere nur eine bestimmte Laufzeit haben, läuft ein Investor Gefahr, an deren Ende den Rohstoff geliefert zu bekommen - einige Tonnen Mais zum Beispiel oder Weizen. Um das zu vermeiden, verkauft er kurz vor Ende der Laufzeit den einen Future und kauft einen neuen, der länger läuft. Und dabei kann es zu Rollverlusten kommen. Die wachsende Skepsis könnte da ein willkommener Anlass sein, solche Geschäfte zu beenden.

Deswegen einen Gesinnungswandel zu diagnostizieren, dürfte allerdings verfrüht sein. Denn noch immer betrachten viele Investoren das Geschäft mit den Agrarrohstoffen mit nüchternem Kalkül. Es sei "zu beachten, dass die anhaltende Trockenheit in den USA für sehr schlechte Ernten sorgt und mit dem momentan ohnehin weltweit niedrigen Getreide- und Sojabohnenvorräten einhergeht". So formuliert es MAN Systematic Strategies. In Iowa würde man das sicherlich nicht gern lesen.

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