Freitag, 20. September 2019

Gerd Billen "Der Wettbewerb beim Dispozins funktioniert nicht"

"Passiert mir viel öfter als mir lieb ist": Auch Gerd Billen, oberster Verbraucherschützer in Deutschland, nutzt den teuren Dispositionskredit, dessen Handhabung er durch die Banken scharf kritisiert
vzbv / Dominik Butzmann
"Passiert mir viel öfter als mir lieb ist": Auch Gerd Billen, oberster Verbraucherschützer in Deutschland, nutzt den teuren Dispositionskredit, dessen Handhabung er durch die Banken scharf kritisiert

Dispozinsen über 10 Prozent sind "Wucher", sagt Gerd Billen. Deutschlands oberster Verbraucherschützer selbst zahlt 13 Prozent. Im Interview sagt der VZBV-Chef, warum er trotzdem nicht die Bank wechselt und wie ein Deckel beim Dispozins die Gewinnmarge der Bank beschränken könnte.

mm: Herr Billen, beginnen wir mit der Gretchenfrage. Wie oft überziehen Sie Ihr Girokonto?

Billen: Ich will es mal so formulieren. Es passiert viel öfter als mir lieb ist.

mm: Damit sind Sie in bester Gesellschaft, fast jeder sechste Deutsche überzieht sein Bankkonto. Kennen Sie ihren aktuellen Dispozins?

Billen: Der liegt derzeit zwischen 12 und 13 Prozent.

mm: "Alles über 10 Prozent ist Wucher", erklärten Sie kürzlich. Ziehen Sie jetzt vor Gericht?

Billen: Nein, es geht uns ja nicht um einen konkreten Fall, sondern um die Frage, ob die Art und Weise, wie der Dispozins reguliert ist, den Verbrauchern hilft oder nicht. Die meisten Banken koppeln diesen Zins an den Dreimonats-Euribor oder den Euro-Leitzins. Das ist im Grunde vernünftig. Der Abstand zwischen diesen Referenzzinssätzen und dem Dispozins ist aber immer noch viel zu groß. Im Schnitt verlangen deutsche Kreditinstitute in Europa mit die höchsten Sätze. Dabei räumen Banker unter vier Augen ein, dass sie mit 10 Prozent Dispozins sehr gut klar kommen würden.

mm: Der Marktschnitt liegt höher, eine Klage hätte daher vermutlich keine Chance.

Billen: Wahrscheinlich ist das so. Wir müssen aber festhalten, dass sich die Banken derzeit mit rund 1 Prozent unglaublich günstig bei der EZB refinanzieren können. Sie machen also eine enorme Marge und speisen die Bestandskunden zugleich mit niedrigsten Habenzinsen ab.

mm: Wie will man beurteilen, ob Banken Wucherzinsen verlangen, wenn man ihre Kostenkalkulation nicht kennt?

Billen: Die Rechtssprechung des Bundesgerichtshofs unterstellt für Wucher das Ausnutzen einer bestimmten Notsituation. Und sie rügt es als willkürlich, wenn Zinsen nicht im gleichen Ausmaß und Turnus fallen, wie sie mit dem Marktzinsen angehoben werden. Beim Dispozins ist dies nach unserer Beobachtung oft der Fall. Denn anders als bei anderen Produkten ist der Kontowechsel mit dem darauf eingeräumten Dispozins viel schwieriger. Unsere Umfrage unter Schuldnerberatungen hat gezeigt, dass Kunden, die mit ihrem überzogenen Konto zu einer anderen Bank wollen, zumeist viel schlechtere Konditionen angeboten bekommen. Das heißt, der Wettbewerb beim Dispozins funktioniert nicht.

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