Lebensversicherung Policenfonds droht Klagewelle

Wer seine Lebensversicherung verkaufen will, findet am Zweitmarkt womöglich eine gute Alternative zur Kündigung. Auf der anderen Seite beklagen Käufer geschlossener Policenfonds horrende Verluste. Banken und Emittenten müssen mit einer Klagewelle rechnen, sagt Expertin Petra Brockmann.
Millionengrab Policenfonds: Acht Milliarden Euro flossen in geschlossene Fonds mit Lebensversicherungen. Anlegern drohen enorme Verluste

Millionengrab Policenfonds: Acht Milliarden Euro flossen in geschlossene Fonds mit Lebensversicherungen. Anlegern drohen enorme Verluste

Foto: Corbis

mm: Frau Brockmann, der Zweitmarkt für Lebensversicherungen scheint sich zu berappeln. 2011 kauften Investoren für 200 Millionen Euro gebrauchte deutsche Policen auf, ein Plus von 25 Prozent. Angesichts Schuldenkrise und fallender Vertragsrenditen könnten mehr Versicherte auf die Idee kommen, ihre Police zu versilbern. Eine gute Idee?

Brockmann: Nur bedingt. Richtig ist zwar, dass Aufkäufer wieder verstärkt investieren. Doch sie picken sich immer noch die besten Stücke heraus. In der Regel finden also nur ältere Policen mit einem hohen Garantiezins und einem mindestens fünfstelligen Rückkaufswert einen Käufer. Bei seriösen Angeboten erzielt der Verkäufer dann womöglich bis zu 10 Prozent mehr als ihm die eigene Versicherung zahlen würde. Im Einzelfall kann das eine attraktive Alternative zur Kündigung sein. Bei Angeboten, die weit darüber hinausgehen, ist Vorsicht angezeigt.

mm: Im Internet werben Anbieter mit deutlich höheren Offerten.

Brockmann: Angebote, die 200 Prozent und mehr des Rückkaufswertes ausloben, sind unrealistisch und in den seltensten Fällen seriös. Will der Käufer den Kaufpreis über Jahre strecken und nicht auf einen Schlag zahlen, fällt dann zudem womöglich auch der Todesfallschutz und damit eine Todesfallleistung für die Erben weg, dann sollte der Versicherte von dem Angebot besser die Finger lassen. Auf dem unregulierten Zweitmarkt tummeln sich einfach viele undurchsichtige Policenaufkäufer. Die Finanzaufsicht hat einigen den Geschäftsbetrieb untersagt, dutzende andere Anbieter stehen unter Beobachtung. Der Versicherte sollte vor dem beabsichtigten Verkauf seiner Police also vorher genau prüfen, mit wem er da Geschäfte macht. Im schlimmsten Fall ist er nicht nur seine Police los, sondern geht auch völlig leer aus.

mm: Woran kann sich ein Versicherter orientieren?

Brockmann: Der Bundesverband Vermögensanlagen im Zweitmarkt Lebensversicherungen, kurz BVZL, hat einen Leitfaden mit Qualitätskriterien für den Verkauf von Policen aufgestellt. Dieser kann dem Verkäufer als erste Orientierung dienen. Wer beabsichtigt, seine Police zu verkaufen, sollte sich zuvor umfassend informieren, verschiedene Angebote einholen und nicht vorschnell einen Vertrag abschließen. Der Versicherte sollte sich auch noch mal fragen, ob die Trennung von der Police wirklich notwendig ist, da hiermit immer Einbußen verbunden sind. Er kann den Vertrag auch ruhen lassen oder beleihen.

Viele Fonds sind ein "Millionengrab"

mm: Lassen Sie uns die Investorenseite dieses Zweitmarkts beleuchten. Wieviel Geld haben deutsche Anleger in solche Fonds bislang eigentlich investiert?

Brockmann: Besagte Zweitmarktpolicen wurden in der Vergangenheit ganz überwiegend in geschlossenen Fonds gebündelt. Das heißt, Anleger investierten in diese Fonds Geld, mit dem sie deutsche, britische und US-amerikanische Policen aufkauften. Die Fonds übernahmen die Prämienzahlung an den Versicherer, halten die Policen bis zum Ende, um dann die Ablaufleistung zu vereinnahmen. Oder sie handeln die Policen aktiv. In den vergangenen zehn Jahren haben Anleger und Banken - letztere in Form von Krediten - insgesamt rund acht Milliarden Euro in geschlossene LV-Fonds investiert. Anleger selbst steuerten rund fünf Milliarden Euro bei. Viele dieser Fonds haben sich zu einem echten Millionengrab entwickelt. So zahlen sie oft die prognostizierten Ausschüttungen nicht. Und zahlreiche Gesellschaften haben schon jetzt hohe Verluste angekündigt.

mm: Von Verlusten in welcher Höhe ist die Rede?

Brockmann: Je nachdem ob die Fondgesellschaften in britische, amerikanische oder deutsche Policen investiert haben, belaufen sich die angekündigten Verluste derzeit auf bis zu 80 Prozent. Im Einzelfall müssen die Anleger auch einen Totalverlust befürchten. Zuletzt informierten vor allem Fondsgesellschaften mit britischen Zweitmarktpolicen ihre Anleger darüber, dass mit erheblichen Verlusten zu rechnen ist. Darüber hinaus haben einzelne Gesellschaften auch die angekündigten Kapitalrückflüsse noch schön gerechnet.

mm: Das ist bitter für die Anleger, wie kommen solche Verluste zustande?

Brockmann: Die Ursachen für eine Schieflage eines Fonds können sehr vielfältig sein. Sie liegen zum Teil in der Konzeption des Fonds selbst, wo also echte handwerkliche Fehler gemacht wurden. Aber auch veränderte Marktgegebenheiten haben die Fonds in Bedrängnis gebracht. Wir müssen da genauer hinschauen.

mm: Bitte, was zum Beispiel ist aus Ihrer Sicht das entscheidende Problem US-amerikanischer Policenfonds?

Eine makabere Wette auf den frühen Tod

Brockmann: Anders als deutsche Lebensversicherungen dienen US-Lebensversicherungen in der Regel nicht der Altersvorsorge, sondern sind Risikoversicherungen. Das heißt, sie sehen nur im Todesfall oder im 100. Lebensjahr eine Auszahlung vor. Handel mit diesen Policen ist im Gegensatz zu Fonds mit britischen Policen nicht vorgesehen. Man mag das ethisch anprangern, was auch passiert, im Kern handelt es sich bei diesen Investments aber um eine "Wette auf den Tod". Der Fonds ist um so rentabler, je früher der Versicherte stirbt, da die Gesellschaft dann keine weiteren Prämien zahlen muss.

mm: Offenbar haben sich die Gesellschaften hier verkalkuliert.

Brockmann: Aus Investorenperspektive ist genau dies das zentrale Problem der US-Policenfonds. Zum einen versterben die Versicherten nicht wie prognostiziert, sondern leben deutlich länger. Zum anderen wurden zur Berechnung der Lebenserwartung veraltete und untaugliche Sterbetafeln verwendet.

mm: Wussten die Fondsinitiatoren von den überholten Sterbetafeln? Haben sie über dieses - ein hässliches Wort - Langlebigkeitsrisiko informiert?

Brockmann: Zum Zeitpunkt als diese Fonds aufgelegt wurden, also ab dem Jahr 2002, waren die Sterbetafeln bereits veraltet, weil sie auf veralteten Daten basierten. Dies musste auch den Fondsinitiatoren bekannt gewesen sein. Die Sterbetafel war seinerzeit auch nur als Hilfstafel gedacht. Die amerikanische Aktuarvereinigung jedenfalls empfahl ausdrücklich, die Tafeln nicht zu Bewertungszwecken heranzuziehen. Zudem berücksichtigen die Tafeln auch nicht die steigende Lebenserwartung der Bürger.

mm: Welche Probleme kennzeichnen britische und deutsche Lebensversicherungsfonds?

Brockmann: Hauptproblem der britischen Fonds ist, dass ihre Lebensversicherungen weit hinter den prognostizierten Wertentwicklungen zurückbleiben. Die Initiatoren haben hier mit mehr als 9 Prozent gerechnet und das auch so kommuniziert. Diese Renditen waren aber schon zum Zeitpunkt, als die Fonds aufgelegt wurden, äußerst unrealistisch. Britische Policen garantieren keine Mindestverzinsung. Die Verzinsung der Police hängt entscheidend vom Anlageerfolg der Versicherungsgesellschaft ab, die in hohem Maße in Aktien investiert sind. Die Policenfonds sind damit nicht nur sehr schwankungsanfällig, sie leiden auch ungleich stärker als deutsche unter den Börsenkrisen des vergangenen Jahrzehnts. Doch selbst in guten Aktienjahren müssen britische Versicherer ihre Kunden de jure nicht im gleichen Maße am Anlageerfolg beteiligen wie die deutschen Assekuranzen. Das heißt, dass erzielte Gewinne den Policen und damit dem Fonds nicht vollständig gut geschrieben werden müssen. Die Zuteilungspolitik der britischen Versicherer ist zudem alles andere als transparent.

mm: Warum sind deutsche LV-Fonds nun so unter die Räder gekommen?

Keine hinreichende Beratung und Aufklärung

Brockmann: Deutsche Lebensversicherer investieren überwiegend in festverzinsliche Wertpapiere. Gleichwohl haben auch hier Policenfonds vielfach eine zu optimistische Wertentwicklung unterstellt, die aus unserer Sicht nicht gerechtfertigt war. Dass Überschussbeteiligungen und Schlussgewinne sich seit 1999 rückläufig entwickelten, war bei beim Start deutscher Policenfonds bereits bekannt. Zum anderen wurden diese Fonds in der Vergangenheit bis zu 66 Prozent mit Krediten finanziert, was sie unter bestimmten Bedingungen extrem anfällig macht.

mm: Warum?

Brockmann: Die Policen müssen letztlich neben den Fondskosten diese Zinsverpflichtungen erwirtschaften, was sie in guten Kapitalmarktzeiten vielleicht schaffen, in schlechten Zeiten aber oft nicht. Folge sind dann Verluste.

mm: Mit geschlossenen Policenfonds gingen die Investoren demnach offenbar zum Teil erhebliche Risiken ein. Klärten die Prospekte über diese Risiken ausreichend auf?

Brockmann: Nein, nach unserer Überzeugung informierten die Prospekte der Fonds mit britischen Policen beispielsweise unzureichend über das Risiko einer fehlenden Mindestverzinsung. Auch die für Anleger wichtigen Informationen, dass die Rendite in hohem Maße von gezahlten Schlussboni abhängig ist und die Policen in ihrem Wert stark schwanken können, fehlten vielfach im Prospekt. Bei US-Fonds wurde das Langlebigkeitsrisiko oft nicht ausreichend thematisiert oder der komplette Kapitalrückfluss nach ein paar Jahren durch regelmäßige Ausschüttungen vorgetäucht. Prospekte zu deutschen Policenfonds wiederum klärten oft unzureichend über das Risiko des hohen Fremdkapitalhebels auf.

mm: Prospekte können eine schwierige Lektüre sein. Klärten zumindest die Berater über Risiken der Investments auf?

Brockmann: Wir betreuen etwa 100 Mandanten, die mitunter hohe sechsstellige Beträge in Policenfonds investiert und sehr viel Geld verloren haben. Von einer hinreichenden Beratung und Aufklärung über die Risiken dieser Kapitalanlage kann in den allermeisten Fällen keine Rede sein. Berater priesen britische Policenfonds als sichere Altersvorsorge an und verglichen sie nicht selten mit der Sicherheit deutscher Tagesgeldkonten. Darauf müssen sich Anleger zu Recht verlassen dürfen.

mm: Wenn eine Privatanlegerin eine halbe Millionen Euro in einen einzigen geschlossenen Fonds investiert, der mit zweistelligen Policenrenditen wirbt, die seinerzeit keine deutsche Police erbrachte, ist das dann nicht im hohen Maße unvorsichtig?

Brockmann: Diese Mandantin hat ähnlich hohe Summen für ihre Altersvorsorge auf Anraten seinerzeit eines SEB-Beraters nicht nur in den Policenfonds, sondern auch andere geschlossene Fonds investiert …

mm: … also einen Millionenbetrag in eine einzige Assetklasse gesteckt. Das hat mit Diversifizierung und Risikostreuung nun gar nichts mehr zu tun.

Brockmann: Richtig und wir sehen darin ein schweres Beratungsverschulden.

mm: Können Sie einschätzen, wieviel Anleger sich gegen die drohenden Verluste ihres Investments nun juristisch zur Wehr setzen?

"Das Geschäftsmodell ist im Grunde tot"

Brockmann: Mindestens 200.000 deutsche Privatanleger haben nach unseren Schätzungen in geschlossene Policenfonds investiert. Bundesweit bilden sich Interessengemeinschaften betroffener Investoren, einige Tausend haben nach unseren Schätzungen Anwälte aufgesucht und setzen sich nun auch juristisch zur Wehr. Banken, Emissionshäuser sowie Gründungs- und Treuhandkommanditisten müssen mit einer Klagewelle rechnen. Nicht nur unsere Kanzlei sieht sie wegen fehlerhafter Prospekte, mangelnder Information, Falschberatung oder auch verschwiegener Kickbacks in der Haftungspflicht. In vielen Fällen bestehen gute Chancen auf Schadenersatz.

mm: Das müssen Sie jetzt sagen.

Brockmann: Nein, wir sehen das ganz nüchtern. Die Versäumnisse beteiligter Banken, Emissionshäuser und Gründungskommanditisten ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Fälle.

mm: Haben Gerichte hier bereits grundlegende Urteile zugunsten von Policenfondsinvestoren gefällt, auf denen Kläger aufbauen können?

Brockmann: Die gibt es durchaus. So hat zum Beispiel das Landgericht Lübeck einer Anlegerin hohen Schadenersatz wegen verschwiegener Kickbacks zugestanden. Weitere Klagen von uns gegen involvierte Banken sowie Gründungs- und Treuhandkommanditisten laufen oder sind in Vorbereitung.

mm: Meistens bleibt es bei solchen Verfahren nicht bei einer Instanz. Da kann man Anlegern nur eine gute Rechtsschutzversicherung wünschen.

Brockmann: Der Gang durch die Instanzen ist nicht unser erstes Ziel. Wir versuchen zunächst einmal, uns außergerichtlich mit den Banken und Vertrieben zu einigen. Das gelingt aber nicht immer und kann dann eben durchaus zu einem Prozess führen. Ziel des berechtigten Schadensersatzanspruchs ist es immer, den Anleger so zu stellen, als hätte er den Fonds nicht gezeichnet. Die Rechtsschutzversicherung indes sollte der Anleger schon vor der Zeichnung des Fonds besessen haben. Später abgeschlossene Rechtsschutzpolicen helfen da nicht.

mm: Halten Sie das Geschäftsmodell der geschlossenen Policenfonds in Deutschland für gescheitert?

Brockmann: Das Geschäftsmodell ist im Grunde tot, schon seit 2010 fließt kein frisches Geld mehr in geschlossene Policenfonds. Theoretisch könnten solche Fonds in Zukunft neu entstehen. Das sehen wir gegenwärtig aber nicht. Die Emissionshäuser und Banken sind derzeit eher mit Problembewältigung befasst. Die Deutsche Bank hat kürzlich beschlossen, ihren amerikanischen LV-Fonds "DB Kompass Life 3" aufzulösen, mit dem Anleger quasi auf die Lebenserwartung von Menschen spekulierten. Die Anleger sollen ohne Verlust aus dem Investment aussteigen können. Andere Fonds wurden bereits abgewickelt oder sind in Abwicklung. Diese Entwicklung spricht doch Bände.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.