Montag, 16. September 2019

Lebensversicherung Policenfonds droht Klagewelle

Millionengrab Policenfonds: Acht Milliarden Euro flossen in geschlossene Fonds mit Lebensversicherungen. Anlegern drohen enorme Verluste

4. Teil: Keine hinreichende Beratung und Aufklärung

Brockmann: Deutsche Lebensversicherer investieren überwiegend in festverzinsliche Wertpapiere. Gleichwohl haben auch hier Policenfonds vielfach eine zu optimistische Wertentwicklung unterstellt, die aus unserer Sicht nicht gerechtfertigt war. Dass Überschussbeteiligungen und Schlussgewinne sich seit 1999 rückläufig entwickelten, war bei beim Start deutscher Policenfonds bereits bekannt. Zum anderen wurden diese Fonds in der Vergangenheit bis zu 66 Prozent mit Krediten finanziert, was sie unter bestimmten Bedingungen extrem anfällig macht.

mm: Warum?

Brockmann: Die Policen müssen letztlich neben den Fondskosten diese Zinsverpflichtungen erwirtschaften, was sie in guten Kapitalmarktzeiten vielleicht schaffen, in schlechten Zeiten aber oft nicht. Folge sind dann Verluste.

mm: Mit geschlossenen Policenfonds gingen die Investoren demnach offenbar zum Teil erhebliche Risiken ein. Klärten die Prospekte über diese Risiken ausreichend auf?

Brockmann: Nein, nach unserer Überzeugung informierten die Prospekte der Fonds mit britischen Policen beispielsweise unzureichend über das Risiko einer fehlenden Mindestverzinsung. Auch die für Anleger wichtigen Informationen, dass die Rendite in hohem Maße von gezahlten Schlussboni abhängig ist und die Policen in ihrem Wert stark schwanken können, fehlten vielfach im Prospekt. Bei US-Fonds wurde das Langlebigkeitsrisiko oft nicht ausreichend thematisiert oder der komplette Kapitalrückfluss nach ein paar Jahren durch regelmäßige Ausschüttungen vorgetäucht. Prospekte zu deutschen Policenfonds wiederum klärten oft unzureichend über das Risiko des hohen Fremdkapitalhebels auf.

mm: Prospekte können eine schwierige Lektüre sein. Klärten zumindest die Berater über Risiken der Investments auf?

Brockmann: Wir betreuen etwa 100 Mandanten, die mitunter hohe sechsstellige Beträge in Policenfonds investiert und sehr viel Geld verloren haben. Von einer hinreichenden Beratung und Aufklärung über die Risiken dieser Kapitalanlage kann in den allermeisten Fällen keine Rede sein. Berater priesen britische Policenfonds als sichere Altersvorsorge an und verglichen sie nicht selten mit der Sicherheit deutscher Tagesgeldkonten. Darauf müssen sich Anleger zu Recht verlassen dürfen.

mm: Wenn eine Privatanlegerin eine halbe Millionen Euro in einen einzigen geschlossenen Fonds investiert, der mit zweistelligen Policenrenditen wirbt, die seinerzeit keine deutsche Police erbrachte, ist das dann nicht im hohen Maße unvorsichtig?

Brockmann: Diese Mandantin hat ähnlich hohe Summen für ihre Altersvorsorge auf Anraten seinerzeit eines SEB-Beraters nicht nur in den Policenfonds, sondern auch andere geschlossene Fonds investiert …

mm: … also einen Millionenbetrag in eine einzige Assetklasse gesteckt. Das hat mit Diversifizierung und Risikostreuung nun gar nichts mehr zu tun.

Brockmann: Richtig und wir sehen darin ein schweres Beratungsverschulden.

mm: Können Sie einschätzen, wieviel Anleger sich gegen die drohenden Verluste ihres Investments nun juristisch zur Wehr setzen?

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