Donnerstag, 20. Juni 2019

Lebensversicherung Policenfonds droht Klagewelle

Millionengrab Policenfonds: Acht Milliarden Euro flossen in geschlossene Fonds mit Lebensversicherungen. Anlegern drohen enorme Verluste

3. Teil: Eine makabere Wette auf den frühen Tod

Brockmann: Anders als deutsche Lebensversicherungen dienen US-Lebensversicherungen in der Regel nicht der Altersvorsorge, sondern sind Risikoversicherungen. Das heißt, sie sehen nur im Todesfall oder im 100. Lebensjahr eine Auszahlung vor. Handel mit diesen Policen ist im Gegensatz zu Fonds mit britischen Policen nicht vorgesehen. Man mag das ethisch anprangern, was auch passiert, im Kern handelt es sich bei diesen Investments aber um eine "Wette auf den Tod". Der Fonds ist um so rentabler, je früher der Versicherte stirbt, da die Gesellschaft dann keine weiteren Prämien zahlen muss.

mm: Offenbar haben sich die Gesellschaften hier verkalkuliert.

Brockmann: Aus Investorenperspektive ist genau dies das zentrale Problem der US-Policenfonds. Zum einen versterben die Versicherten nicht wie prognostiziert, sondern leben deutlich länger. Zum anderen wurden zur Berechnung der Lebenserwartung veraltete und untaugliche Sterbetafeln verwendet.

mm: Wussten die Fondsinitiatoren von den überholten Sterbetafeln? Haben sie über dieses - ein hässliches Wort - Langlebigkeitsrisiko informiert?

Brockmann: Zum Zeitpunkt als diese Fonds aufgelegt wurden, also ab dem Jahr 2002, waren die Sterbetafeln bereits veraltet, weil sie auf veralteten Daten basierten. Dies musste auch den Fondsinitiatoren bekannt gewesen sein. Die Sterbetafel war seinerzeit auch nur als Hilfstafel gedacht. Die amerikanische Aktuarvereinigung jedenfalls empfahl ausdrücklich, die Tafeln nicht zu Bewertungszwecken heranzuziehen. Zudem berücksichtigen die Tafeln auch nicht die steigende Lebenserwartung der Bürger.

mm: Welche Probleme kennzeichnen britische und deutsche Lebensversicherungsfonds?

Brockmann: Hauptproblem der britischen Fonds ist, dass ihre Lebensversicherungen weit hinter den prognostizierten Wertentwicklungen zurückbleiben. Die Initiatoren haben hier mit mehr als 9 Prozent gerechnet und das auch so kommuniziert. Diese Renditen waren aber schon zum Zeitpunkt, als die Fonds aufgelegt wurden, äußerst unrealistisch. Britische Policen garantieren keine Mindestverzinsung. Die Verzinsung der Police hängt entscheidend vom Anlageerfolg der Versicherungsgesellschaft ab, die in hohem Maße in Aktien investiert sind. Die Policenfonds sind damit nicht nur sehr schwankungsanfällig, sie leiden auch ungleich stärker als deutsche unter den Börsenkrisen des vergangenen Jahrzehnts. Doch selbst in guten Aktienjahren müssen britische Versicherer ihre Kunden de jure nicht im gleichen Maße am Anlageerfolg beteiligen wie die deutschen Assekuranzen. Das heißt, dass erzielte Gewinne den Policen und damit dem Fonds nicht vollständig gut geschrieben werden müssen. Die Zuteilungspolitik der britischen Versicherer ist zudem alles andere als transparent.

mm: Warum sind deutsche LV-Fonds nun so unter die Räder gekommen?

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